Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 81 (12.10.1893)
- Date
- 1893-10-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1526 Ahlwardt würdig, wenn die „Kreuzztg." andeutet, die gestrige Entscheidung der Berliner Stadtverordnetenversammlung über das bekannte Schloßplatz- Projekt, welches aus finanziellen Gründen abgelehnt worden ist, wäre anders ausgefallen, wenn eine Synagoge die Stelle des königl. Schlosses einnehme. Frankfurt a. M. Eine werthvolle Ergänzung zu den Ausführungen der „Fr. Ztg." über das Verhalten der Nationalliberalen in der Wahlbewegung für den preußischen Landtag liefert, wie das genannte Blatt berichtet, eine Mitthetlung aus Breslau, wo bekanntlich das frühere Kartell zwischen Nationalliberalen, Freikonservativen und Deutschkonservativen gegen die Freisinnigen erneuert worden ist. Dort hat sich rechts von den Konservativen neuerdings auch der Antisemitismus aufgethan und organisirt; da er selbst sich als kartellfähig betrachtet, kann man sich denken, daß es ihn verdrießen mutzte, als er bei der Wahl des Geschäftsausschusses für die vereinigten Kartellparteien nicht berücksichtigt wurde. Er will aber trotz dieser unfreundlichen Dehors der Allttrten mitthun, da er weiß, daß er damit seine Zwecke am besten fördern kann, nur etwas Schriftliches verlangt er gleich dem „Pedant" Mephisto, eine kleine Verschreibung mittest Feder, Tinte und Papier. Der Vorstand des antisemitischen Vereins hatte in einem Schreiben an den des konservativen erklärt, die Antisemiten würden für die von den Konservativen aufgestellten Kandidaten mit aller Kraft eintreten, falls diese sich schriftlich verpflichteten, etwaigen Anträgen auf 1) Verbot des Schächtens, 2) Verbot der Einwanderung russischer Juden, 3) amtliche Uebersetzung des Talmud und des Schulchan Aruch sich anzuschließen und sie bet der Abstimmung durch ihre Stimmabgabe zu unterstützen." Falls auf diese Forderungen nicht eingegangen werde, müßten sie sich der Abgabe der Stimme für diese Kandidaten enthalten. Auf dieses Schreiben ist von dem Vorstand des Deutsch-Konservativen Vereins geantwortet worden, daß der Deutsch-Konservative, als der ältere politische Verein, „namentlich mit Rücksicht auf Vorkommnisse aus neuerer Zeit", keine Veranlassung gehabt habe, mit einer Anregung zu gemeinsamem Vorgehen hervorzutreten. An sich könne ein Zusammenwirken auch nach der Ansicht des konservativen Vereins den Ausfall der Wahlen nur günstig gestalten. Weiterhin heißt es in dem in der „Deutschen Ostwacht" abgedruckten Antwortschreiben: „Nach Lage der Verhältnisse stellt unser Verein nur einen der drei Kandidaten für Breslau. Dieser ist der Premier-Lieutenant a. D. Herr von Jtzenplitz. Seine politischen Ansichten und seine bisherige Wirksamkeit als Landtags-Abgeordneter sind bekannt. Sie entsprechen dem Tivoli-Pro gramme und in letzter Zeit auf Grund deffelben gestellten Anträgen der Deutsch-Konservativen. Damit beantworten sich für ihn die Ihrerseits aufgeworfenen drei Fragen. Welche Stellung zu diesen die Kandidaten des Neuen Wahlvereins und des Nationalliberalen Vereins einnehmen, entzieht sich unserer Kenntniß. Wir haben auch kein Interesse daran, deren Stellungnahme zu denselben herbeizuführen." Hier haben wir also den klaren Fall, daß die Nattonalliberalen sich vertragsmäßig verpflichtet haben, einen Abgeorneten zu wählen, der auf dem Tivoliprogramm steht, das „den durch Verfassung und Recht anerkannten Grundsatz der Rechtsgleichheit der Staatsbürger", zu dessen Schutz und Verthetdigung der nationalliberale Wahlaufruf mahnt, umstoßen und beseitigen will. Wer auf Grund dieser Thatsachen behauptet, daß der Nationalliberalismus unter falscher Maske die Geschäfte der Reaktion und des Antisemitismus besorgt, kann mit gutem Recht hinzufügen: Vide Itzenplitz — quod erat demonstrandum. Aschaffenburg, l. October. Am Freitag Abend wurde die neu erbaute Synagoge an der Entengassein feierlicher Weise eingeweiht und ihren gottesdienstlichen Zwecken übergeben. Das von den Architekten Herren F. u. R. Wörner dahier entworfene und im sog. maurischen Stile ausgeführte Bauwerk darf mit Recht als eine weitere architektonische Zierde Aschaffenburgs bezeichnet werden und macht sowohl der israelitischen Kultusverwaltung, die das Werk begann und bis zur Vollendung förderte, wie auch der Pietät und dem Opfersinn der hiesigen israelitischen Gemeinde alle Ehre. Das Gebäude ist aus weißem und rothem Sandstein erbaut, die Fa^ade, gegen Westen gelegen, zeigt ein gefälliges Hauptportal mit einer großen reich ornamentirten Rosette, und ist überragt von zwei! kleineren Kuppeln, während eine dritte große Kuppel den Hauptraum des Tempels ziert nnd mittelst der darin angebrachten Oberlichter zur Beleuchtung des Innern beiträgt. Das Innere besteht aus einem von zehn Säulen aus rothem polirten Spessartgranit getragenen Hauptschiff und zwei Nebenschiffen, aus deren architektonischer und ornamentistischer Mittelpunkt sich die eben erwähnte große Kuppel darstellt. Dieselbe ist mit blau und goldenen Sternen ausgekleidet und das durch sie einfallende Licht ist im Gegensatz zu dem gedämpften Lichte der bunten Glasfenster von lieblicher und zugleich imposanter Wirkung. Nachdem die Synagoge, nicht ohne Schwierigkeit mannigfacher Art und dennoch in verhältntßmäßig kurzer Zeit vollendet war, erfolgte gestern unter zahlreicher Betheiligung der Gemeindemitglieder und im Beisein von Vertretern der Stadtbehörde