Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 76-77 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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1466 die oft erhobene Klage, daß im Zarenreiche die Logik wie die Gerechtigkeit mit Füßen getreten wird. Die Lage der Juden gestaltet sich immer trauriger, trotz der Zurücknahme des Ausweisungserlaffes. (Fr. Bl.) Türkei. AuS Rustschrrk wird berichtet: In Sistowo verschwand ein achtjähriger Knabe, dessen Spuren drei Tage hindurch nicht aufgefunden wurden. Bald beschuldigte man die Juden, das Kind umgebracht zu haben, und fünfzehn Leute begaben sich in Begleitung der Eltern des verschwundenen Knaben zum Staatsanwalt, um ihn zu bitten, in den jüdischen Häusern eine Untersuchung vornehmen zu lassen, was ihnen der Staatsanwalt abschlug. Hiedurch erbittert, begab sich die Truppe trotz der vorgerückten Nachtstunde zum Präfekten, bet welchem ihrer der nämliche Empfang wartete. Derselbe sagte ihnen wörtlich: „Euer unüberlegter Schritt ist nur erklärlich durch die schlechten Gesinnungen, die ihr gegen einen Theil der Bevölkerung nährt, welcher euch niemals etwas zu Leide gethan. Ich fordere euch aus, gleich nach Hause zu gehen, wenn ihr nicht als Störer der össentlichen Ordnung festgenommen werden wollt. Die Behörde bedarf eurer Rathschläge nicht und hat schon alle Maßregeln zur Auffindung des Kindes getroffen." Am nächsten Morgen traf in der That eine Depesche aus Kladowo ein, mit der Meldung, daß ein achtjähriges Kind an Bord eines bulgarischen Schiffes durch die Stadt gekommen sei; einige Stunden später ließ man dasselbe in Orsowo anhalten. Es war der verschwundene Knabe aus Sistowo, der eingestand, daß er davongelaufen sei, um der schlechten Behandlung seiner Mutter zu entgehen. Amerika. Rew-Uork, im August. Baron von Hirsch äußerte sich einem Mitarbeiter der „Menorah" über die Pläne und Absichten, welche ihn bei seinem Hllsswerke leiten, folgendermaßen: „Die Hauptangriffe seitens unserer Feinde und Widersacher werden stet- und in erster Reihe gegen die Vornehmen und Reichen in Israel gerichtet, denen es gelungen ist, ein enormes Vermögen zu erwerben, einen berühmten Namen oder eine achtunggebietende Stellung sich in der Welt zu erringen — in dieser erleuchteten, aufgeklärten Welt, die kein Auge, kein Herz und kein Mitgefühl habe für den endlosen Jammer unserer verfolgten und tiefgebeugten Glaubensgenossen in Rußland und in übrigen unervilisirten Ländern. Aus die Judenfrage im Allgemeinen will ich nicht Wetter eingehen; mein höchster und heiligster Wunsch ist es, der Welt zu beweisen, daß nur die barbarischen Verfolgungen und Auspressungen die Juden zu dem gemacht haben, was sie dort sind. Ich will daher, soweit es mir möglich, ihr trauriges Loos besser zu gestalten suchen, indem ich zahlreichen Juden ein neues und unermeßliches Arbeitsfeld eröffne, wo sie als Bauern und Landwirthe ihre Kräfte zum Segen der Menschheit entfalten können und ein menschenwürdiges Dasein führen sollen. Ich muß doch offen gestehen, daß es mir sehr schwer wird, eine geeignete Auswahl zu treffen. Monteflore war oft glücklicher in seinen Unternehmungen, da er sie selbst beaufsichtigte, was mir leider nicht vergönnt ist, weßhalb ich Andern die Vollmacht ertheilen mußte. Die größte Schwierigkeit liegt aber darin hochbegabte, gewissenhafte und verständige Männer zu finden, die als Verwalter mit voller Hingebung und Aufopferung sich der heiligen Sache widmen. Doch hoffe ich unter unserm Volke auch solche ausgezeichnete Männer erstehen zu sehen. Schon jetzt haben einige junge, thatkräftige, sehr tüchtige, geistvolle amerikanische Juden mir ihre uneigennützigen Dienste angeboten. So wird denn mit der Zeit eine gewaltige Umwälzung sich vollziehen. Bauern und Viehzüchter werden erstehen, Feldarbeiter und Schafhirten werden miteinander wetteifern in den neuen, Segen verheißenden Erwerbszwetgen, wie einst in der Vorzeit im heiligen Lande, welches ja nur ganz klein und eng begrenzt war im Vergleich mit den unermeßlichen amerikanischen Staaten und Reichen. Allmählich werden unsere Brüder sich dann ungehindert weit und breit ausdehnen, und viele unbewohnte ungeheure Landstrecken, die gegenwärtig noch öde und wüst daliegen, im Norden wie im Süden, werden dann bevölkert sein von kräftigen, fleißigen und arbeitslustigen Menschen, geläutert durch die Feldarbeit, gehoben und veredelt in der Sonne der Freiheit, Gleichheit und Unbeschränktheit. Ein neues Geschlecht, ein neuer Stamm wird dann dem Judenthum erblühen, wo man das Schachern und Handeln nur noch vom Hörensagen kennen wird, und die guten und herrlichen Eigenschaften jene Mackern nicht nur dem Himmel, sondern auch Dir, Allmächtiger, näher bringen werden!" vermischtes. Pilsen. In den westlichen Anlagen unseres Ortes erhebt sich, durch seine zwei Kuppelthürme emporragend, der neue Tempel der israelitischen Cultusgemeinde in Pilsen, ein Prachtbau, welcher der Stadt zur Zierde und seinen Erbauern zur Ehre gereicht. Der Bau wurde am 1. März 1890 begonnen und nach den Plänen des Baumeisters Herrn E. Klotz vom Herrn Architekten Rudolph Stroh mit einem Kostenaufwande von 300,000 ft. durchgeführt. Der Tempel ist im romanischen Style gehalten und hat eine reiche Giebelfa?ade, die von zwei je 50 Metern hohen Kuppelthürmen flankirt und durch eine Kuppel mit den Gesetztafeln gekrönt