Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 76-77 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1453 aber ich sehe auch faktisch nicht ein, warum ich über einen guten Witz nicht lachen soll. Im Geschäft vergeht einem manchmal schon so wie so das Lachen, was. Tante Finkelstein? Faule Zetten, oberfaul!" Tante Golde blickte den Sprecher wohlwollend an. „Nu, Sie können doch nicht klagen, Herr Lesser? Mir zugesagt, ohne Ihr' Schaden, wie die Ladenglock' den Tag über bet Ihn' klingert." Herr Lesser hatte wieder einen unbändigen Hetterkeitsanfall. „Da sehen Sie, Fräulein, wie man beobachtet wird von den Damen. Ja, seit ich Ihrer Tante schräg vis-ä-vis wohne, Sie wissen doch, daß P. F. Hasselbach bankerott ist? Ihre Tante hat's lange genug prophezeit, die reine Cassandra Ihre Tante — Caffandra ist gut, was? — und ich den Eckladen drüben habe, muß ich mich höllisch in Acht nehmen." „Nu, Herr Leffer, Sie brauchen doch nicht Angst haben vor der alten Finkelsteinen und keinem! Wo jüdische Kinder sind, sollen sie sein wie Sie! Ein Mann für's Brod und am Schabbes das Geschäft geschlossen, wie 's sich gehört." Sie beachtete nicht, daß ihr Gast aufgesprungen war und ihr eine scherzhafte, tiefe Verbeugung machte, sie fuhr fort: „Aber wirklich geschlossen, Marthche! Nicht dem lieben Gott zum Narren gemacht und hintenrum verkauft, wie es jetzt Mode ist bei den lieben Jüden. Nebbich, Jüden!" Die so in die Debatte Hineingezogene nickte zustimmend mit dem Kopfe. „Sehr anerkennenswerth, Herr Lesser!" Der Belobte hob den Blick, den er in edler Bescheidenheit auf seine Fußbekleidung, absatzlose Schnabelschuhe von sehr respektabler Länge, gerichtet hatte. „Aber, ich bitte Sie, Fräulein, man hat doch seine Grundsätze. Entweder — oder. Entweder, ich bin Jude, oder ich bin es nicht! Wenn mau seinen Schinken ißt, am Sonnabend Cigarren raucht und verkauft, dann ist man eben kein Jude, das ist meine Ansicht von der Sache. Und dann hat man doch auch sein Bischen Pietät für die Eltern! Wenn ich am Sonnabend auf hätte, würde die Mutter denken, ich bin schon getauft; faktisch! Apropos taufen: Kennen Sie die Geschichte aus dem Ulk? Wirklich nicht? Also — die Sache ist nämlich großartig! — zwei Herren begegnen einer Familie mit bedeutenden Nasen und sonstigem Zubehör, Sie wissen schon, italienisch, vollständig italienisch, ha, ha. ha! aber mit großen, goldenen Kreuzen umgehängt. „Wer sind die?" frägt A. seinen Freund B. „Familie Jtzigsohn, die sich in voriger Woche taufen ließ." B. bedauernd. „Sind die aber schlecht getauft! Schlecht getauft, wunderbar schön die Sache, was?" Er lachte, daß er fast vom Stuhle fiel, stand aber bald darauf auf. „Nun aber raus, wie wir Berliner sagen" — Herr Lesser war zwei Jahre seines Lebens Commis in einem Berliner Manufacturwaarengeschäft gewesen und hatte darüber ganz vergessen, daß „das Land, wo seine Wiege stand" eigentlich — Schloppe hieß — „Fräulein Lehrerin — Fräulein Lehrerin ist gut, was? — sind müde und möchten zu ruhen geruhen. Ein Auge schläft schon." Er war schon an der Thür, kehrte aber noch einmal zurück. „Sie kennen doch die Geschichte aus den Fliegenden, wie die Dame den Leutenant frägt, warum er Monokle trägt. Sehr einfach meine Gnädige, mit einem Auge seh' ich, mit anderm impontr' ich!" Prachtvoll, was? Mit anderm impontr ich! Er kniff ein Auge zu, lachte, schüttelte den Frauen lachend die Hand, machte, hart an der Thür, den niedrigen Cylinder schwenkend, noch ein tiefes Compliment und war hinaus. Tante Golde sah ihm wohlgefällig nach. „Heißt 'n Humor!" sagte sie bewundernd. „Und wenn Du vielleicht meinst, meine Tochter, so ist er nicht immer, irrst Du Dir, der? Nen besseren Mensch gibts nicht, und wenn Du im ganzen Mokem um und um kehrst. Spaß wird es mal 'ne Frau bei dem haben, alle Broches kann man schon jetzt über ihr machen. Und vor's Geschäft! So was haben meine Augen noch nicht gesehen und werden es auch nicht mehr sehen. Ohßer! 'Ne Ell' Futterkattun willst Du haben, und mit 'nem Pack, ungelogen so groß, kommst Du raus." Tante Golde breitete zur Bekräftigung des Gesagten beide Arme nach Möglichkeit aus, ließ sie aber rasch wieder sinken, als ihr listig forschender Blick ein mühsam unterdrücktes Gähnen ihrer Zuhörerin bemerkte. Gleich darauf erhob sie sich aus ihrem Lehnstuhl. „Nu wollen wir aber schlafen gehen, mein gutes Kind. Morgen ist mit Gottes Hilf' wieder ein Tag!" So war Martha Friedheim denn wieder in die alten Verhältnisse zurückgekehrt, und wenn dieselben ihrem schärfer gewordenen Blick auch eng und umgrenzt genug erschienen, der Zauber der Heimath wog jedes leise Befremden darüber bald auf. Der Ort, wo man seine Kindheit verlebt, ist ein Eden, gleichviel, ob Natur ihn mit zauberischem Reiz geschmückt, oder ob er in öder Sandwüste liegt. Freilich — und dieses in Parenthese gesagt — sieht man dieses Eden gewöhnlich am deutlichsten in der — Erinnerung, und wenn die Augen bereits müde vom Schauen ins Leben, von dem vergeblichen Ausschauen nach dem Glück sind. Die Jugend späht blitzenden Auges in die Weite, dort, wo die