Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 74 (14.9.1893)
- Date
- 1893-09-14
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1420 Gutsbezirk lebten 182 Seelen. Jetzt wohnen dort statt einer: 50 grundbesitzende Familien, und die letzte Volkszählung konstatirte 64 Haushaltungen mit 375 Köpfen, also mehr als doppelt so viel wie früher. Entsprechend ist das Wachsthum in allen anderen Kolonien gewesen. Jnsgesammt hatten daselbst am l. Dezember 1800 rund 2200 Leute ihr Domizil, wobei zu berücksichtigen ist, daß damals die Parzellirung aus zwei Gütern noch nicht zum Abschluß gekommen war. Kolberg-Körlin ist Dank der Kolonisation der einzige Kreis in Hinterpommern, desien Landbevölkerung seit 1885 einen Zuwachs lvon 684 Kopsen) aufweist. Man kann annehmen, daß auf den parzeüirten Gütern heute wenigstens 1200 Menschen mehr leben als früher, und da die ganze Nachbarschaft die Gelegenheit der Parzellirungen zur Ausdehnung des Besitzes benutzt hat, daß noch mehr Personen durch dieselben von der Ab- und Auswanderung zurückgehalten worden sind. Während ferner vor der Auftheilung einem Dutzend Großgrundbesitzer etwa 1000 unmittelbar und mittelbar abhängige Personen gegenüberstanden, existiren heute auf den parzellirten Besitzungen nur noch vier Inhaber mit mehr als 1000 Morgen, während etwa 1500 Personen den grundbesitzenden Familien zuzurechnen sind. Es besteht jetzt ein ganz allmählicher sozialer Uebergang vom Rittergutsbesitzer zum grundbesitzenden Taglöhner und Gesinde. Der Wohlstand der ganzen Gegend hat sich durch die Kolonisation bedeutend gehoben: die Kolberger Krämer und Handwerker verspüren dies durch einen verstärkten Umsatz. Während vor 10 Jahren der dortige Wochenmarkt fast leer war, begegnet man heute an den Markttagen zahlreichen Bauernwagen, die durch ihr L-child verkünden, daß sie von den Kolonien kommen, und der ehrwürdige Marktplatz ist gedrängt besetzt bis in die Nebenstraßen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Boden der Kolonien heute sehr viel höhere Werthe hervorbringt, als früher, es ist sogar wahrscheinlich, daß er größere Werthe zum Verkauf nach außen liefert, obwohl eine so viele größere Zahl von Menschen unmittelbar auf diesen Flächen ihre Nahrung gewinnt." Angesichts dieser günstigen Ergebnisse, zu deren Verwirklichung ein jüdischer Landwirth so wirksam beigetragen hat, kommt Professor Sering zu dem Schlutzresultat: „Denkt man sich die in Kolberg erfolgte Umwandlung mit den erforderlichen Verbesierungen auch nur auf ein Drittel oder die Hälfte der östlichen Provinzen übertragen, so eröffnet sich ein höchst erfreulicher Ausblick auf deren zukünftige Entwicklung: Abnahme der Auswanderung und starke Zunahme statt des Schwindens der ländischen Bevölkerung, Ausgleichung der sozialen Gegensätze, allgemeine Steigerung der Bodenproduktion und des Wohlstandes, Aufblühen der Städte und ihrer Industrie — denn sie fjaöcn nunmehr das bisher fehlende konsumtionsfähige Hinterland gewonnen — und im Zusammenhang damit ein rasches Wachsen der militärischen und finanziellen Kraft des Landes." Rußland. Warschau, 17. August. Die russische Judenheit hat einen unersetzlichen Verlust erlitten: der hochgefeierte Rabbi Naphtali Zewi Berlin, nahezu vierzig Jahre hindurch Leiter der großen Jeschiba in Woloshin. zu dessen Füßen stets mehr als vierhundert Schüler saßen, ist von seiner irdischen Laufbahn abberufen worden. Der Verblichene, welcher ein Alter von 77 Jahren erreichte, zählte zu den hervorragendsten rabbinischen Autoritäten Rußlands und hat diese ungetheilte Anerkennung durch eine Wirksamkeit reich an Verdiensten auf allen Gebieten jüdischen Lebens sich erworben. Mit einer selbstlosen Hingebung, zu deren Schilderung das Wort zu schwach ist, hat der wunderbare Mann seine phänomonale Gelehrsamkeit, seine pädagogische Meisterschaft vom frühesten Morgen bis in späte Nachtstunden nie erlahmend in den Dienst jener Lehranstalt gestellt, ohne aber darum seine Pflichten als Rabbiner der Woloshiner Gemeinde zu vernachlässigen oder der Beantwortung einer einzigen der zahlreichen re'igionsgesetzlichen Anfragen, welche aus allen Theilen Rußlands ihm tagaus tagein zugingen, sich zu entziehen. Die Früchte seiner wissenschaftlichen Forschung hat er in einer reichen Fülle von Werken niedergelegt, von denen wir nur die wichtigsten hervorheben: Haemek Schaloh, Commentar zu den Seheöltoth, Nosehid Dadar, rabbinische Anfragen und des Verfassers Antworten, Haemek Dabar, Erklärungen zum Pentateuch, Imre Schefer, eine Ausdeutung der Hagada, Metib Schir, Eommentar zum „hohen Lied" rc. In seinem Nachlasse fanden sich zahlreiche Manuscripte, enthaltend Forschungen über verschiedene Tractate des Talmuds, und eine vollständige Erklärung des Sifri, welche von dem ebenbürtigen Sohne, R. Chajim Berlin in Moskau, dem Drucke übergeben werden. Außerdem zählte er zu den Mitarbeiten von Zeitschriften, welche der Förderung der talmudischen Literatur gewidmet sind, wie Jagdil Thora, Machsike Hadass 2c., und namentlich ein die Tagesfragen behandelnder Artikel in dem Jahrbuche „Kenesseth Jsrael“ erregte berechtigtes Aufsehen. Derselbe spiegelte sein heißes Interesse für die Bessergestaltung der Lage der russischen Juden wieder und gipfelt in einer Verherrlichung der Idee der Colonisation Palästinas, für welche er auch sonst in Wort und Schrift begeistert eintrat. Bekanntlich fand vor etwa Jahresfrist seine Lehrthätigkeit einen jähen Abschluß, indem die Jeschiba zu Woloshin aus Befehl der Regierung geschlossen wurde. Diesen harten Schlag hat der Greis nicht verwunden; der Schmerz nagte an seinem Lebensmark und hat jetzt die Kräfte aufgezehrt. Hier in Warschau, wo er seit zehn Monaten wohnte, ist er sanft und schmerzlos am 10. d. M. in die Ewigkeit hinübergeschlummert. Die Trauernachricht verbreitete sich blitzschnell durch die ganze Stadt, und schon eine Stunde später war das Sterbehaus in der Muranowstraße von vielen Tausenden umlagert, welche in einhelligem Schmerze der Klage über den Hintrit des Großen in Jsrael Ausdruck gaben. Kein Wunder, daß das Leichenbegängniß sich zu einer Trauerkundgebung imposantester, ergreifendster Art gestaltete. Ohne