Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 74 (14.9.1893)
- Date
- 1893-09-14
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. Zweite Beilage;u JSs 74 des „3srneüt"\ Zeitnugsuachrichteu und Gorresporrderrzerr. Deutschland. Berlin, 22. August. Unter den Vorwürfen, die gegen die Juden in verschiedenen Provinzen Deutschlands erhoben werden, steht der der Güterschlächterei obenan. Nun sind ja die Nationalökonomen über diese Frage bekanntlich noch sehr verschiedener Ansicht. Aber selbst der entschiedenste Gegner der Güterschlächterei wird doch zugestehen müssen, daß das, was ihm sonst als ein Fluch erscheint, unter andern Verhältnissen geradezu ein Segen werden kann. Ein solches Beispiel hat in letzter Zeit der bekannte Nationalökonom Professor Dr. M. Sering in seinem Werke: „Die innere Kolonisation im östlichen Deutschland" gegeben. Ec beschreibt dort den Kreis Kolberg-Körlin. In diesem Kreise sind seit dem Ende der siebziger Jahre bis Ende 1891 11 große Güter mit 5 Vorwerken und ein großer Bauernhof, zusammen rund 30,000 Morgen (7480 Hektar) zerschlagen worden. 15 Restgüter und 239 neue, darunter 30 bis 40 unselbstständige Stellen sind daraus entstanden. Da nun ein weiteres Gut von 450 Hektar angekauft ist, so dürfte die Zahl der neugegründeten bäuerlichen Anwesen bald auf ca. 300 anwachsen. Professor Dr. Sering sagt hierüber: „Hier liegt ein Unternehmen vor, welches wegen seiner sozialen Bedeutung Beachtung verdient. Es erscheint als ein höchst bemerkenswerthes Symptom für die Lage der Landwirthfchaft im Osten und das veränderte Verhältnitz des kleinen zum großen Grundbesitz, wenn mehrere hundert Tagelöhner und Bauernsöhne in ein und demselben Bezirk ein Dutzend Rittergüter auskaufen und daraus einige hundert neue leistungsfähige Produktionsstätten bilden konnten, ohne jede andere Förderung als die eines geschickten Geschäftsmannes und ohne eine andere finanzielle Unterstützung als die des privaten Kredits, dem erst im letzten Jahre der Kredit der Rentenbank zur Seite getreten ist." Ueber diesen „geschickten Geschäftsmann" zog nun Prof. Sering Erkundigungen ein, und das Resultat war folgendes: „Um über die Thätigkeit des Kolberger Unternehmers unbeeinflußte Nachrichten zu gewinnen, habe ich die einzelnen Ansiedlungen ohne Begleitung und unangemeldet besucht, bin von Haus zu Haus gegangen und habe erst nachträglich die leitende Persönlichkeit und einige unparteiische Sachkenner um Auskunft gebeten. Ernsthafte Klagen über die Geschäftsgebahrung des Unternehmers sind mir nur seitens eines Rittergutsbesitzers zu Ohren gekommen, welcher einen großen Theil seines Gutes durch Jenen gegen Provision hatte parzelliren lassen. (Diese Klage hat sich aber nach der eingehenden Untersuchung des Prof. S. als unbegründet erwiesen. Von den Ansiedlern habe ich, abgesehen von einem unbedeutenden Fall, keinerlei entsprechende Beschwerden gehört, obwohl ich solche Aeußerungen nahe legte und die Kolonisten in dem schwierigen Anfangsstadium ihrer Wirtschaft zu Klagen geneigt zu sein pflegen. Man hat es also mit einem Unternehmen zu thun, welches auch im Hinblick auf die ganze Harwhabung und Leitung über dem Niveau der gewöhnlichen Güterschlächterei steht. Thal» sächlich hat der Kolberger Geschäftsmann verstanden, sich das Vertrauen der Ansiedler in hohem Maße zu gewinnen. Er verkehrt mit allen auf „Du und Du", ist allgemeiner Be-- rather, Rechtsbeistand, Familienfreund. Er selbst sagte mir, sein ganzes Geschäft würde ruinirt sein, wenn er einen einzigen Ansiedler unredlich behandeln wollte. Für das Gelingen seines Unternehmens ist von besonderer Bedeutung gewesen, daß er — als Sohn eines Getreidehändlers in einem Dorfe des heut kolonisirten Theils des Kreises ausgewachsen — Jedermann in der Gegend kennt und in der Lage gewesen ist, die richtigen Leute als Kolonisten auszuwählen. Er hat immer eine große Zahl von geeigneten Personen hinter sich, die sofort bei jeder beginnenden Parzellirung als Käufer herangezogen werden können. Der Kolberger Unternehmer ist der jüdische Kaufmann Max Heinrichsdorff. Derselbe hat seiner Zeit durch seine Unternehmungen nicht blos das Auge der Regierung auf sich gelenkt, sondern geradezu ihren Beifall sich erworben. Es war zur Zeit, als die Regierung dem Parlamente das bekannte Rentengütergesetz vorlegte; da kamen hohe Regierungsbeamte und Ministerialräthe aus Berlin nach Kolberg, konferirten mit Herrn Heinrichsdorff und nahmen seine Kolonien, ihre Anlagen und Einrichtungen wiederholt in Augenschein. Heinrichsdorff wurde auch nach Berlin zum Finanzminister Dr. Miquel zum Vortrag in Sachen seiner Kolonien beschieden, und selbst der Oberpräsident, v. Puttkamer, verschmähte es nicht, die Kolonien des H. zu besuchen. Unstreitig haben diese Kolonien auf den Erlaß des Rentengütergesetzes, wie ja auch die Parlamentsverhandlungen beweisen, Einfluß gewonnen. Ein konservativer Abgeordneter lobte das Werk von der Tribüne des Abgeordnetenhauses aus, und der „Reichs-und Staatsanzeiger" berichtete auch seiner Zeit darüber." Professor Sering belont es ausdrücklich, wie viel freudiger die Bauern auf ihrem eigenen Grund und Boden arbeiten, als früher in fremdem Dienst. Jede Arbeit gilt ihrem eigenen Gut und Erbe, jedes Ergebniß ist der Lohn eigener Thätigkeit. Selten, so gesteht Sering ein, habe er eine so große Anzahl von tüchtigen, ernsten und arbeitsamen Menschen beisammen gesehen, wie auf den Kolberger Kolonien. Ein Gutsbesitzer nach dem andern schenkte daher dem Unternehmer sein Vertrauen und stets geschah der parzellenweise Verkauf der Güter durch dessen Vermittelung. Welches sind nun die ökonomischen Segnungen dieser Güterschlächterei? Professor Dr. Sering resumirt dieselben folgendermaßen: „Die bisher zu Tage getretenen volkswirtschaftlichen sozialen Wirkungen der Kolonisation im Kolbergischen lassen sich zum Theil zahlenmäßig darlegen. Die Bevölkerung- und Wohlstandsverhältniffe in der westlichen Hälfte jenes Kreises sind dadurch von Grund auf verändert worden. Das Gut Nessin wurde vor der Parzellirung mit 14 Arbeiterfamilien (8 Tagelöhner, 6 Depulantenfamilien), 5 Dienstboten und Beamte bewirihschaftet. Im Jahresdurchschnitt standen dort in täglicher Arbeit 4y—45 Merstchen- Im