Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 72-73 (7.9.1893)
- Date
- 1893-09-07
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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1402 leise, daß die arme Wittwe nicht hören könnte, wie hoch denn überhaupt die ganze Forderung sei. Der Beamte hatte wenig Lust, die Neugier des „schäbigen Juden" zu befriedigen und wies ihn kurz ab: das gehe ihn gar nichts an. Aber der alte Jude ließ sich nicht abweisen. „Erlauben Se," sagte er mild, ,.as ich doch nicht frag' aus Naibegier! Ich will nehmen auf mich die Schuld der Frau und zahlen vor sie und trösten die Mutter und retten das kranke Kindlain!" Jetzt sah ihn der Gertchtsmann erst recht an; das war ihm in seinem Leben noch nie vorgekommen, daß ein Jude hätte bezahlen wollen, wo er nichts schuldig war. Er merkte, daß es dem Manne ernst war, und sagte ihm den Betrag der Schuld: „238 Mark und 75 Pfennig." Da zog der Jude hinter dem Wagen, so daß es Niemand sehen konnte, eine alte schmierige Briefrasche hervor, nahm zwei Hundertmarscheine heraus, fischte dann aus seinem Lederbeutel den Rest von 38 Mark und 75 Pfennig in Gold, Silber und Nickel heraus und — händigte den ganzen Betrag dem erstaunten Gerichtsvollzieher ein mit dem Ersuchen, die Fahrniß der armen Wittwe wieder in ihre Dachwohnung hinaufschaffen zu lassen. „Aber haben Se de Gide, Herr Gerichtsvollzieher," fügte er leise bet, „lassen Se mich erst gehen weg! Ichmag keine Geschichten vor die vielen Lait." Mit diesen Worten verschwand der Jude in dem Haufen der Umstehenden. Als der Gerichtsvollzieher der Frau das Geschehene mittheilte und diese mit Thränen in den Augen dem edelmüthigen Retter danken wollte, war er nicht mehr zu finden. Es giebt Engel der Barmherzigkeit. Sie tragen nicht immer Flügel und strahlen auch nicht immer im Glanze überirdischer Schönheit. Sie sind manchmal alt und häßlich und sind dennoch Engel Gottes. Solch' ein Engel der Barmherzigkeit ist der alte Jude gewesen. (Ein Jude als Befreier der Jesuiten.) Wenn die „Germania", Mangel an interessantem Miscellen-Stoff haben sollte, so empfehlen wir ihr den Abdruck der folgenden Notiz, die G. Wolf in seinen eben erschienenen „Kleinen historischen Schriften" aus den Archiven des österreichischen Ministeriums des Innern veröffentlicht. Es handelt sich um ein Verzeichniß von Juden in Oesterreich ob und unter der Enns im 17. Jahrhundert und befindet fich auch der Name Aron Lazarus aus Ltchtensted in Böhmen darunter, über den es heißt: „Als der Winterkönig Friedrich von der Pfalz in Prag residirte, sollten die Jesuiten die Stadt verlassen. Das Volk war diesem Orden nicht günstig gestimmt und war das Leben der Patres bedroht. Genannter Lazarus rettete sie aus Gefahr. Er versorgte sie mit Ctvilkleidern, damit sie vom Volke nicht erkannt werden verschaffe ihnen Pferde und führte sie mit eigener Lebensgefahr, denn sie wurden auf der Flucht von Soldaten und von Leuten vom Civil hart verfolgt, bis nach Bamberg. Im weitern Verlaufe des Krieges stand Lazarus den Geistlichen in Stifte Tepl und im Elbogener Kreise bei." (Bibelübersetzungen.) Zuerst waren Hebräisch und Griechisch die einzigen Bibelsprachen. Jetzt zählt man deren 386. Während vom Jahre 30 d. g.Z. bis zur Reformation nur 23 von der Reformation bis 1804 weitere 34 Bibelübersetzungen entstanden, so daß in dem ersten dieser beiden Zeiträume auf 66, in dem zweiten auf etwa 30 Jahre je eine Uebersetzung kam, wies das Jahr 1804 einen großartigen Aufschwung auf. Zu den 57 Uebersetzungen, von denen nur 19 gedruckt waren, kamen von 1805—90 355 hinzu, 342 in neuen (darunter 297 in außereuropäischen), 13 in todten Sprachen, so daß auf 1 Jahr 4 Uebersetzungen entfielen. Von 1881—91 nahm die Britische Bibelgesellschaft 50 neue Sprachen in Angriff, also jährlich 5, 1892 weitere 9. Bei den nunmehr 306 außereuropätscheu Uebersetzungen ist Afrika mit 75, Asien mit 146, Ozeanien mit 42, Amerika mit 43 betheiligt. Europa besitzt die Bibel in 80 Sprachen, oder genauer in 55 Sprachen und in 25 Mundarten, wie auch bei jenen 306 Sprachen 37 Mundarten einbegiffen sind. Von den 386 Sprachen wurden viele (etwa 120) erst durch die Bibel zu Schriftsprachen erhoben. Dies geschah mittelst einer Bilderschrift in China, einiger Silbenschriften in Japan und Nordamerika im Uebrigen durch 36 Alphabete. 70 Uebersetzer waren Deutsche. Bei den meisten Uebersetzungen handelt es sich nur um Bibeltheile. Die ganze Bibel ist erst in 88 Sprachen vorhanden. Von den 1440 Mill. Bewohnern den Erde können 1000 Mill. die Segnungen der heiligen Schrift genießen und sie ganz oder theilweise lesen. Die 18 Hauptsprachen, in denen sie gedruckt ist, werden von etwa 600 Mill. gesprochen, das Mandarin-Chinesische von 200, das Englische von 120, das Russische von 75, das Deutsche von 54, das Arabische von 50 Mill. u. s. w. Die Gesammtzahl aller Sprachen soll 3000 betragen. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz.