Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 71 (4.9.1893)
- Date
- 1893-09-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448383--37040-2485088- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1368 beim wahren Namen zu nennen, kann mir kein Einsichtiger verwehren; es kann daher auch Niemand verlangen, daß ich bei Juden die Augen schließe gegen Verirrungen, die ich auch Sei Christen mit gleichem Nachdruck getadelt habe. Ergebenst Rochow, Pfarrer." Mit dieser Erklärung gesteht der Pastor Rochow zu, daß er dasjenige gethan hat, was wir als ungehörig, und unrecht zu mißbilligen hatten. Statt sich auf den Todesfall zu beschränken, aus dessen Anlaß er die Trauerrede zu halten hatte, hat er sich in feindseligen Ausführungen über die Juden verbreitet, die als solche und als Gesammtheit mit dem Grünauer Unglück in keinem anderen Zusammenhänge stehen, als der Herr Pastor Rochow. Er hat seinen Tadel nicht gegen leichtsinnige junge Leute gerichtet, wozu er wohl berechtigt gewesen wäre, sondern er hat in verletzenden Wendungen von den „jüdischen Jungen" gesprochen und eine Erregung der Zuhörer nicht gegen den Unfug und die Unfugstifter an sich, sondern gegen den von Juden ausgehenden Unfug herbeifüyren wollen. Die Mittel, mit denen er diesem Zweck zu dienen suchte, unterscheiden sich in keiner Weise von denjenigen der berufsmäßigen antisemitischen Agitatoren, wie aus den von dem Herrn Pastor in ihrer Richtigkeit nicht angezwetfelten Theilen seiner Rede unzeideutig hervorgeht. Der Herr Pastor hat verallgemeinert und wollte verallgemeinern, und was war das Gegentheil von Gerechtigkeit und Nächstenliebe. Hätte der Pastor Rochow, wenn zufällig ein christlicher junger Mann an dem beklagenswerthen Unfug behelligt gewesen wäre, die Christenheit in den Umkreis seiner Kritik htneingezogen? Sicherlich nicht. Run, was dem Einen recht ist, ist dem andern billig, und nach diesem C'ruudsatze sollte vor allem ein Mann seines Berufes handeln. Aus der Provinz Posen. Seit einigen Jahren hatte ich Gelegenheit, die Beobachtung zu machen, daß die Weinhändler in Norddeutschland häufig ibo i» an andere Händler verkaufen, die das mrvnr für den Verkauf von v’ nicht besitzen. Es wäre nun hierdurch in keiner Weise ein mtn zu befürchten, wenn die betr. Händler nur versiegelte Flaschen von “112a V’ erhalten und diese Originalfiaschen wieder verkaufen würden. Die Weinyändler haben aber vielfach die Praxis eingeführt, den irn-Wein in Fässern den betr. Händlern zu verkaufen und gleichzeitig eine größere Anzahl von Etiquetten denselben zu übergeben. Hierdurch sind selbstredend die größten zu befürchten, und es wäre daher zu wünschen, daß die Herren Weinhändler künftighin an Kaufleute, die das zum -uto* Weinverkauf erforderliche nuoM nicht besitzen, nur versiegelte Flaschen verkaufen, jedenfalls aber das Abgeben von Etiquetten unterlassen. Arabien. Aden. Man wird sich gewiß noch an die von einem gewissen Herrn Friedman aus Berlin nach Arabien geführte Schaar russischer Juden erinnern, die dort den Boden cultiviren und sich dort eine neue Heimath gründen sollten. Leider ist dieser schöne Plan des Herrn Frtedmann schnell zu Wasser geworden und die so nach Arabien gekommenen jüdischen Emigranten haben sich dann nach allen Richtungen der Windrose zerstreut. Wie nun arabische Blätter melden haben sich auf der Stelle, wo Herr Friedmann diese jüdischen Emigranten ansiedeln wollte, gleich nach dem Abzüge der Letzteren von dort, Beduinen niedergelassen, die dort ein Dorf gründeten, das schon eine stattliche Anzahl von Wohnhäusern hat. Da dieses Dorf auf der Straße, die von Mekka nach Egypten führt, liegt, so wird dasselbe sehr oft von Karawanen besucht, welche die Bewohner desselben nicht nur mit den nöthigen europäischen Fabrtkswaaren versehen, sondern von ihnen auch Fleisch und andere Lebensmittel kaufen und ihnen so ein schönes Stück Geld zu verdienen geben. -£• Vermischtes. Breslau. Im Herbst begeht Herr Rabb. Dr. P. Neustadt seinen 70. Geburtstag. Um nun diesen Tag des Jubilars, der im Dienste unserer Religion ergraut und sich ats Lehrer große Verdienste erworben, würdig und in angemessener Weise zu feiern, hat sich hierorts ein Eomite — bestehend aus Gönnern, Freunden und ehemaligen Schülern — gebildet, welches für den Jubilar eine Ehrengabe zu überreichen gedenkt. Herr Hugo Redlich dahier, Gartenstraße 43a, III. Etage ist gern bereit, hierzu Beiträge in Empfang zu nehmen. Budapest. Der uns vorliegende Bericht der Pester Chewra-Kadischa über das Verwaltungsjahr 1892 liefert ein getreues Bild von der Großartigkeit dieses Vereines in der Großgemeinde der ungarischen Judenheit. In erster Reihe wird des neuen Siechenhauses gedacht, dessen Erhaltungskoste, l 14.232 fl. 18 kr. betrugen. Zur Erhaltung des israelitischen Spitals und des Armenärzte-Instituts wurden seitens der Chewra-Kadischa fl. 15.000 beigesteuert. Außerdem hat sie auf die Verabreichung der rituellen Pesach-Kost an die Zöglinge des Blindeninstitutes und die Kranken des Rochusspitals und auf die Besoldung von Wärtern bei armen Hauskrankeu fl. 1840.76 verwendet. Auf Unterstützungen wurden von ihr fl. 19.422.07 ausgegeben. Die Beerdigung von 1091 Armen kostete fl. 10.054. Entsprechend solchen Leistungen sind aber auch die Zuflüsse, die die Chewra-Kadischa aus Stiftungen, Legaten und Schenkungen erhielt. In der Chewra-Kadischa concentrirt sich gegenwärtig der noch vorhandene jüdische Sinn. Allerdings müssen auch an der Spitze dieser Vereine Männer stehen, wie der achtzigjährige ehrwürdige Greis Herr Carl Reutz, der Präsident der Pester Chewra-Kadischa, der durch seine Frömmigkeit der Sammelpunkt dieser zerstreuten Gefühle sein kann. In Würdigung der Verdienste ihres Präsidenten hat die Pester Chewra-Kadischa auch im letzten Jahre eine den Namen Carl Reuß führende Stiftung von fl. 10.000 kreirt, mit der Bestimmung, die Zinsen derselben alljährlich an alte arme Chewra Kadischa-Mitglieder in thunlichst größeren Beträgen zu vertheilen.