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Der Israelit · 1893-08-28 · Heft 69 (28.8.1893) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 69 (28.8.1893)
Date
1893-08-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1333 die Festgebete, die häuslichen Segenssprüche, das Gebet in der Bibel sagt; aus dem Abschnitt „Das Gebet im Talmud" sei nur der Satz hervorgehoben: „Ueber dem Ganzen aber strahlt ein leuchtender Glanz, — die im Talmud sich offenbarende Durchdringung des ganzen Daseins des Juden mit sittlichen Forderungen. Das die „Hymnen der Juden" bewundernd würdigende und durch eine Anzahl Uebertragungen erläuternde elfte Kapitel bringt unter anderem einen Ausspruch Newtons, er beneide das jüdische Volk, daß es einen Tag habe (das Versöhnungsfest), wo es volle vierundzwanzig Stunden Gott geweiht sei. Aus dem Abschnitt über die hebräische Sprache spricht laut die außerordentliche Liebe und Bewunderung der Verfasserin für die hebräische Sprache, mit der sie wohlvertraut ist. Das Schlußkapitel, ein Vergleich des nichtjüdischen Gebetes mit dem jüdischen, kommt zu dem Ergebniß: „Kein Volk der Welt hat die hocherhabene Idee der absoluten Einheit und vollkommenen Einzigkeit Gottes in seinen Gebeten so fleckenlos erhalten wie sie (80. die Juden.)" Es ist aber nun im höchsten Grade zu bedauern, daß neben so vielem Vortrefflichen in diesem Buche sich da und dort Grundfalsches und der jüdischen Tradition und der echt jüdischen Gesinnung geradezu Widersprechendes findet. Es würde zu weit führen, wenn wir alles im Einzelnen kennzeichnen wollten. Der aufmerksame Leser wird das selbst wahrnehmen. Wir wollen uns hier nur ganz entschieden gegen das oben bereits genannte zweite Kapitel betitelt „Fragliches" wenden. Ihm gegenüber ist zu bemerken: Jedes Wort in unseren Gebeten ist an seinem Platz, da ist nichts zu streichen, nichts zu deuteln und nichts zu mäkeln. Und die Hoffnungen und Wünsche, die in ihnen niedergelegt sind, sind heute wie nur je der aufrichtige Herzensausdruck eines jeden Juden, der es eben wahrhaft ist. Nahtda Remy scheint selbst dies Unrichtige ihres Beginnens im weiteren Verlauf ihrer Arbeit gefühlt zu haben; denn in dem Abschnitt über die hebräische Sprache S. 290 und 291 macht sie ganz entschieden Front gegen pietätlose Geiger'sche Kritik. Die Ursache für ihre Verwirrung liegt klar zu Tage: Nahida Remy scheint nichts, nicht die Spur davon zu wissen, daß es heute noch Millionen von Juden gibt, die fest und ganz auf dem Boden der alten Tradition stehen, sie hat keinerlei Fühlung mit diesen Kreisen (wir hatten ihr früher schon einmal den Rath gegeben, sie zu suchen), sie sieht in den Halben und dem Judenthum Entfremdeten der.Berliner Hauptgemeinde die Judenheit, in den Anschauungen der leitenden Männer dieser Kreise die moderne Anschauung der Judenheit, sie steht ganz unter deni Banne des^Herrn Prof. Lazarus und seiner Gesinnungsgenossen, sie weiß offenbar nicht, daß es in Berlin eine Adaß Jisroel und ein Rabbinerseminar gibt, ja, verehrte Frau, Sie sind bei Ihren besten Absichten im wahrsten Sinn des Worts ein nato? pun, Sie leben in dem Wahne, das alte traditionelle Judenthum sei nur noch etwas Historisches, ja, vielleicht bei 50,000 Berliner Juden, aber nicht bet Millionen ihrer Brüder in der weiten, weiten Welt. Da kann es einem nicht Wunder nehmen, wenn Nahida Remy mit Ehrfurcht von den Synoden zu Leipzig und zu Augsburg spricht und alles Ernstes über gekürzte Gebetbücher sich ausläßt — wir verübeln es ihr nicht, sie weiß es eben nicht besser, sie ist es so gelehrt worden, aber sie sollte endlich einmal diesen Bannkreis durchbrechen, und wie sie sich bewunderungswürdig in die jüdische Literatur versenkt hat, so sollte sie nun endlich auch das heute wie immerdar und in aller Zukunft stets lebendig pulstrende unverfälschte Judenryum, wie es sich in Millionen treuer Bekenner verkörpert, persönlich kennen lernen. Da wird sie sehen, wie jeder herrliche Gedanke, jedes edle Gefühl, jede schöne Sitte, die sie im jüdischen Schriftthum kennen lernte, ungeschwächt fortlebt, und sie würde über Synoden und Gebetkürzungen u. dgl. lächeln, — wenn es nicht so traurig wäre. — Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Berlin, 21. August. Die Annahme des Schächtverbots durch die Volksabstimmung in der Schweiz benutzt die „Nordd. Allg. Ztg." zu einem Angriff gegen die Volksabstimmung überhaupt, indem sie schreibt; „Man schließe aus diesem Ergebniß aber ja nicht auf einen Regierungsantritt des „Antisemitismus" in der Schweiz. Das Gesetz ist gerade von denjenigen Parteien durchgesetzt worden, welche bei uns als in hervorragendem Maße judenfceundlich gelten, von dem nationalistischen Aufklärungs-Radikalismus, während die dem modernen Reformjudenthum antisemitisch gegenüberstehenden Katholiken, als Berthe.diger j der Kultusfreihett, die eifrigsten Gegner des Schächtverbots waren. Daß das Erbarmen mit dem Vie'i, der „Thierschutz", nichts war als ein ganz fadenscheiniger Vorwand, zeigte sich immer deutlicher, je näher man der Abstimmung rückte. Das erste Verfassungsgesetz, welches durch das ultrademokratische Jnitiativbegehren der schweizerischen Eidgenossenschaft auferlegt worden, ist einfach ein „Kulturkampfgcsetz." Es wird schwerlich das letzte dieser Art sein, denn die tiefste Leidenschaft des fortschrittlichen Radikalismus ist und bleibt die Terrorisirung des religiösen Bewußtseins."

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