Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-08-28 · Heft 69 (28.8.1893) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 69 (28.8.1893)
Date
1893-08-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448381--36999-2485045
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1329 schwere Strafe über das Dorf und einen Theil seiner Bewohner gebracht und die Vortheile, welche der Bauernverein mit sich bringen sollte, ließen auf sich warten. Der Müller hatte sich ganz von der Sippe der Antisemiten zurückgezogen und fand in der Ordnung seiner Wtrthschaft nicht Zeit, sich um die Parteiverhältnisse zu kümmern. Wer war glücklicher als Louise! Sie zermarterte sich förmlich den Kopf, auf welche Weise sie sich Benjamin dankbar erweisen könne; er wies alles, alles zurück und war sogar nicht zu bewegen, die Geschäfte wie früher für die Mühle zu besorgen. „Geschwundenes Vertrauen kehrt nicht wieder," pflegte er auf Louisen's innige Bitten zu erwiedern, „und ich bin kein Freund von geflicktem Zeug." So mußten sich die Dorfbewohner neue Abnehmer für ihre Felderzeugnisse suchen, und da erst merkten sie, wie reell der alte Benjamin gewesen und welche Mühen er ihnen abgenommen hatte; jetzt erst erfuhren sie, daß eine Sache, die man zum Verkaufe anbietet, nur für die Hälfte ihres Werthes geschätzt wird. Benjamin selbst hatte endlich einen Käufer für sein Haus gefunden und er verdiente bei dem Verkauf noch ein schönes Stück Geld. Er zog mit seiner Tochter in die nahe Stadt und lebte da von den Zinsen feines Vermögens. Wohl hatte ihn der Antisemitismus von der ihm liebgewordenen heimatlichen Scholle verjagt, aber er hatte ihm auch gegeben, was er sich im anderen Falle dersagt hätte — die Ruhe des Alters. Auch Rahel wurde noch glücklich. Sie bewahrte ihrem Max die Treue und war ein eifriges Mitglied aller wohlthätigen Vereine. Und als nun nach Jahresfrist von Curtel die Botschaft eintraf, daß er in der neuen Welt einen lohnenden Wirkungskreis, eine neue Heimath gefunden, da widerstand sie nicht länger den Bitten desselben, zu ihm zu kommen und sein treues Weib zu werden. Eines Tages stand er, den sie fern in Argentinien wähnte, wieder vor ihr und fragte sie. ob sie mit ihm hinüberziehen wolle in die neue Welt, wo er sich eine neue Heimath gegründet habe, da wies sie ihn wiederum an ihren Vater und sagte: „Sprich mit ihm, was er beschließt, will ich thun." Curiel lächelte und sagte: „Das ist schon geschehen. Dein Vater will sich unserm Glücke nicht in den Weg stellen. Er ist zufrieden, wenn Du mir über's Meer folgen willst." „Und er, mein Vater?" „Er will bei seinen Söhnen, Deinen Brüdern bleiben, denn er fühlt sich zu alt, um sich in die neuen Verhältnisse drüben einzuleben. Zögere also nicht länger und willige ein." Rahel schwieg. Aus ihrem Antlitz war jeder Blutstropfen gewichen. Sie kämpfte einen schweren Kampf. Endlich kam es leise über ihre Lippen: „Nein, Max, so schwer es mir fällt — ich entsage. Die glänzenden Verhältnisse, in welche Du mich führen willst, selbst die Gewißheit, daß ich drüben an Deiner Seite das höchste Glück des Lebens genießen würde, können mich nicht bestimmen, meinen Vater zu verlassen. Wo mein Vater lebt, da bleibe auch ich; Gott hat es uns versagt, einander anzugehören und wir müssen uns fügen." „O, Rahel, mache mich nicht zum unglücklichsten Menschen! Weißt Du, was es heißt, am Ziele seines Strebens ankommen und enttäuscht einsehen, daß man einem Phantom nachgejagt? Habe ich deßhalb so gerungen und gestrebt, deßhalb rastlos gearbeitet bei Tag und Nacht, um mir eine Heimath und eine glänzende Existenz zu gründen, um jetzt zu entsagen, da ich erreicht, was ich in meinen kühnsten Träumen kaum erhoffen durfte? Soll alles, alles umsonst gewesen sein?" Traurig, gar traurig war der Ton, in dem er sprach, so daß Rahel das Herz fast brechen wollte, als sie leise, doch bestimmt sagte: „Verzeihe mir, ich kann nicht anders!" Da klang die Stimme des Vaters, der unbemerkt eingetreten und fast die ganze Unterhaltung mit angehört hatte, aus ihrer nächsten Nähe und sie vernahm wie im Traume die Worte: „Nein, meine Rahel, Deinem alten Vater sollst Du Dein Glück nicht opfern. Ich gehe mit Euch über das weite Meer und will mich freuen und theilnehmen an Eurem Glück. Und wenn mein Ende herankommt, so wird auch drüben im freien Lande ein Plätzchen sein, wo ein müder Waller nach des Lebens Mühe die ewige Ruhe finden kann und dann will ich mit unserem Vater Jakob ausrufen: Omusso hapoam.“ „Vater!" rief Rahel und flog weinend an seinen Hals. „Tausend Dank, mein Vater!" rief Max und preßte seine Lippen auf die Hand des alten Mannes. „Das ist die beste Lösung dieser schwierigen Frage und ich verspreche Dir, Du sollst einen angenehmen Lebensabend bei Deinen Kindern haben. Jetzt entführe ich Dich und dann wird Rahel schon von selbst kommen." „Nun ist mein Glück vollständig", sagte Rahel; „mit meinem Vater bei meinem geliebten Manne dem Gesetze unserer heiligen Lehre gemäß zu leben, mehr verlange ich nickt; bestimmt Ihr, wann wir reisen wollen, mir ist jede Stunde recht." — Die Formalitäten zur Trauung waren bald erledigt und in kürzester Frist vereinigte der Segen des Rabbi's das treue Paar. Nach der Hochzeit machten die jungen Leute eine Reise nach Pa-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.