Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 68 (24.8.1893)
- Date
- 1893-08-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. Erste Beilage M M 68 -es „Israelit". Leitender Artikel. Berliner Ferien-Colonie Mrstrnwalde. Nachdem die Berliner Feriencolonie nunmehr fast vier Wochen in den Häusern der Frl. Jda Cohn und des Herrn Pofthalters Meseritzer (Neuendorfer-, Seelower- und Gisenbahnstraße) unter der Aufsicht der Lehrerin Frl. Arnheim und Lehrer Jakob geweilt und der Schreiber dieses täglich die 60 Kinder bei den verschiedenen Mahlzeiten, bei ihren Ausflügen und Spielen beobachtet, kann man erst ein vollständiges Bild über diese Institutionen geben. Es gibt in der ganzen Welt keine Kinder, die beim Anblicke wunderbarer Gegenstände in Museen und Ausstellungen sowie exotischer Gestaltungen so blasirt sind, wie die Berliner. Das nil admirari ist ihnen gewissermaßen in Fleisch und Blut übergegangen. Ein fruchttragender Baum, ein blühendes Getreidefeld oder ein weidendes Schaf wird aber wie ein Weltwunder betrachtet. Es gibt ja auch in Berlin und Umgegend Wälder und Wiesen, aber wehe dem Kinde, das einen Baum erklettern oder auf einer Wiese umherspringen wollte. Was Wunder, daß solche Kinder hier im Freien aufleben. Hier kommt das kindliche Wesen, das in Berlin im Hause und in der Schule künstlich unterdrückt werden muß, in der Sommerfrische erst zum wahren Ausdruck. Bleich, matt und mitunter hohläugig kommen die Kinder hierher; von der Sonne gebräunt, gekräfttgt und vollbefriedigt verlassen sie unsere idyllische Waldstadt, und der Name Fürstenwalde bleibt ihnen auf ewig in Erinnerung. Luft und Wasser sind allerdings die Elemente, die den Großstadtkindern fehlen, aber sie allein können noch keine Gesundheit und Kräftigung geben, dazu gehört noch die leibliche Pflege durch Essen und Trinken. Was in dieser Beziehung speziell hier geleistet wird, ist fast unglaublich und für den unbetheiligten Beobachter geradezu rührend. Man sagt, nur eine natürliche Mutter könne mit Aufopferung für ihr Kind sorgen. Frl. Jda Cohn straft dem Worte Lügen. Eine Mutter von 60 kleinen und 20 großen Kindern, die sie allein in ihr großes Herz eingeschlossen! Auch in den besten Familien erhalten die Kinder keine bessere Pflege, kein reichhaltigeres Essen in der mannigfachsten Abwechselung. Morgens nach dem Bade Kaffee und frische Brödchen, zum zweiten Frühstück Stullen und Milch, Mittags Fleischsuppe, Gemüse, Braten und Kartoffeln, Abends Brod und Milch, Obst u. s. w. Sonnabend besonderer Braten und Speise, auch Kuchen. In den Vormittagsstunden werden Spaziergänge nach dem schönen Park, Nachmittags weitere Ausflüge in die Umgegend gemacht, wo die Kinder ebenfalls Speise und Getränke erhalten. Das genannte Aufsichtspersonal ist stets, auch Nachts, bei den Kindern und exekuttrt Spiele und Gesänge. Zweimal in der Woche werden besondere Gottesdienste abgehalten, wobei es auch nicht an Ansprachen fehlt. Die von dem Berliner Magistrat ernannten Komitee-Mitglieder, die Herren Weinhändler Mater und Korach kommen in jeder Woche zur Jnspection herüber, die niemals mit leeren Händen erscheinen und darum doppelt freudig begrüßt werden. Mit der vorstehenden Schilderung aller Vergünstigungen an Pflege und Zerstreuung sind noch lange nicht alle Vorthcile, die sich an den Sommeraufenthalt knüpfen, erschöpft. Es werden hier durch die ftctc Aufsicht und Sorgfalt hohe erzieherliche Resultate erzielt, die länger nachwirken wie die Kräftigung des Körpers. Sind es doch Kinder aus den verschiedensten Klaffen der Bevölkerung, aus Waisenhäusern, höheren und niederen Lehranstalten, die gemeinsam einen vollen Monat zusammen leben, Freundschaften für das Leben schließen und vor Allem das Gefühl der Dankbarkeit für ihre wirklichen Wohlthäter etngepflanzt erhalten. Nun noch einige Worte über die gesammte Ferten-Colonten des Berliner Magistrats. Es sind in diesem Jahre 3000 Kinder in die Sommerfrische gesandt worden, wozu etwa 93 000 M. aufgewendet und zum größten Theil schon durch Sammlungen gedeckt sind. 128 Kinder sind davon im Monat Juni in die Soolbäder Cammin, Elmen, Frankenhausen, Harzburg und Kösen gegangen. Im Monat Juli 274 ebenfalls nach verschiedenen Soolbädern. Nach den Seebädern Altenpamp auf Rügen Prerow, Dievenow, Wustrow, Zingst rc. gingen 480 Kinder. Als eigentliche Ferien-Colonten gelten Dargun, Herzberg, Lindow, Neu-Brandenburg, Neustrelitz, Rheinsberg, Waren, Ballenstedt rc. und Fürstenwalde. Nach verschiedenen Städten der Provinz Posen wurden circa 150 Kinder in einzelne jüdische Familien in Freistellen gegeben. Interessant ist die Aufzählung der Vertrauenspersonen, die die Kolonien unterbringen und beaufsichtigen. Wo es das Wohl der Heranwachsenden Jugend gilt, da hat der Racenhaß, Gott sei Dank, noch keinen Boden gefunden. Wir finden darunter 17 protestantische Geistliche mit ihren Frauen, mehrere Rabbiner, jüdische Lehrer und Kaufleute, Bürgermeister, Amtsrichter, Lehrer und Lehrerinnen. Den in diesem Bericht mehrfach genannten Herrn Kaufmann Ad.