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Der Israelit · 1893-08-21 · Heft 67 (21.8.1893) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 67 (21.8.1893)
Date
1893-08-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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77/. XXXIV Jahrgang. Jfs 67. Der Israelit. Ein Eentrak-Hrgan für das orlhodore IudenIHum. Begründet von! l)r. Lehm«,» in Mai»». Montag» de» «1 August 5653 (1893). Letteuder Artikel. Die Reform im Lemberger Tempel. I Wien, tm August. [i Daß manches, ja daß vieles faul ist im Staate 1 Dänemark, das weiß jeder, der nur je einen flüch- 1 Ligen Blick in die Verhältnisse der Lemberger Re- 1 formpartei zu werfen Gelegenheit hatte. Aberdaß alles so von Grund aus verlottert und verrottet ist, wie das eine soeben in Lemberg erschienene anonyme Schrift enthüllt, das sollte man kaum für möglich halten. Diese „Streiflichter" — so luutci der Titel — werfen einen grellen Schein auf das wüste Treiben der Lemberger Tempelpatrone und I— auf ihren Verräther. Doch halten wir uns zunächst einmal an die Lemberger Tempelherren, wie sie die „Streiflichter" darstellen. Man hat. wie es scheint, die Einführung einer Orgel in den Lemberger Reformtempel beschlossen. Das ist es, was unseren Streiflichter- 1 Mann zunächst in Harnisch bringt. Er eifert da- 1 gegen mit Aufgebot seiner ganzen Beredtsamkeit. I Sein Hauptarsenal, dem er sein Geschütz für diesen I Kampf entnimmt, ist — die Wiener „Neuzeit" vom | 7. Oktober 1892. Diese soll nachgewiesen oder I doch behauptet haben, im Wiener Tempel in der I Seitenstettengasse sei der alte Ritus noch in Gel- 1 tung, wie ihn ein Mannheimer und Sulzer geregelt habe. „Der alte Tempel in der Seitenstettengasse", heißt es daselbst, „ist ein Monument auf den Anfängen (?) in Wien und auf dem historischen Boden des jüdischen Gottesdienstes, er muß daher architektonisch und liturgisch ohne wesentliche Veränderungen erhalten werden. Der Ritus, die Grundmelodien, das Zeremoniell müssen so bleiben, wie sie seit mehr als einem halben Jahrhundert in Geltung sind.*) In diesem Tempel ist demnach eine Orgel durchaus nicht am Platze. Dieses musikalische Instrument bewirkt eine tief einschneidende Umgestaltung des Cultus und würde den historischen Character des alten Tempels total vernichten. Im Jahre 1846 gab es, mit Ausnahme des Tempels in Hamburg, keine einzige jüdische Gemeinde, in deren Synagoge Orgeltöne erklungen wären. Dieses Instrument influirt nicht blos auf den eigentlichen Ritus, sondern veranlaßt eine „architektonische Umwälzung durch seine Form und würde daher das historische Bewußtsein verni-,m es in esnem Bethanse, das den Charakter eines ehrwürdigen Denkmals hat, das Auge träfe." So vernichtend ist allerdings noch niemals der Stab über diese ganze Orgelei gebrochen worden, wie es hier von ihren eigenen Gevattern geschieht. Unser Laternen-Mann erzählt uns nun ein mündliches Rencontre mit einem der Lemberger Reformheiligen und die Gründe, die er dem letzteren gegen die Einführung der Orgel in's Treffen führte. Bet diesem Scharmützel entschlüpfte dem Tempelverwalter das naive Geständniß: „Eigentlich bin ich gar nicht für die Verherrlichung des Gottesdienstes. Ich will damit nur die Juden ärgern!" Das Tempellicht ist wenigstens ehrlich; es sagt das, was seine Gesinnungsgenossen sonst mit schönen und gelehrten Phrasen verbrämen, frisch und frei heraus. Nun ärgert der gute Mann aber nur sehr *) Wenn das Alter eines halben Jahrhunderts genügt, um dem Ritus den Character des Ehrwürdigen, Unantastbaren zu verleihen, welche Rücksicht verdient dann erst der alte, ächte, einzige, eigentliche jüdische Eultus, der c. viermal so viel Jahrhunderte alt ist, als der altneue Wiener Jahrzehnte! Und die Abrogiruug, Verdächtigung und Verwässerung dieses alten Ri tus ist es doch, was mau gewöhnlich Reformjudenthum nennt! Red.

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