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Der Israelit · 1893-08-17 · Heft 66 (17.8.1893) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 66 (17.8.1893)
Date
1893-08-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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i!j 1269 Juden eine Schuld auf, die man in sich selbst hätte suchen müssen. Benjamin suchte einen Käufer für sein Haus und für sein Feld, aber eS fand sich keiner, und so mußte er auf dem Dorfe ausharren. Auch gegen Rahel hatte sich, seit dem Verschwinden des Kindes die Stimmung der Dorfbewohner gekehrt. Auch sie war schon öfter von denen, welche sie unterstützte, beleidigt worden und hatte in Folge dessen ihre Unterstützungen jenen Undankbaren entzogen. Darüber waren diese nun aufgebracht und anstatt Liebe und Dankbarkeit erntete sie Haß und Undank. Früher waren ihr bei ihrem Erscheinen die Kinder froh entgegengelaufen, jetzt zogen sie sich, wo Rahel sich blicken ließ, scheu vor derselben zurück; man merkte ihnen an, daß sie vor dem jungen Mädchen gewarnt worden waren. Rahel fühlte sich dadurch arg gekränkt und der Aufenthalt im Dorfe wurde ihr immer lästiger. Außerdem hatten sich ihre Brüder jetzt alle verheirathet und waren anderwärts hin gezogen, so daß sie und der Vater noch allein in dem geräumigen Hause lebten. Sie sehnte deßhalb auch die Zeit herbei, wo sie das Dorf verlassen und wieder ein menschenwürdiges Dasein führen konnten. Der Müller war, nachdem er durch Benjamins Eingreifen seine Freiheit wieder erlangt hatte, in das Dorf zurückgekehrt und hatte sich mit großem Eifer der Ordnung seiner derangirten Vrehältnissen gewidmet. Von Louise hatte er erfahren, was Benjamin ihr während der Zeit seiner Haft gewesen sei und wie ihn seine Freunde, die Antisemiten, zu ihrem eignen Vortheil mißbraucht hatten. Karl hatte kein Wort auf diese Mittheilungen seiner Frau zu erwiedern; er war tief erschüttert und ging tagelang ganz verstört einher. Von den Antisemiten wollte er nichts mehr wissen; er sagte sich von ihnen los und lebte still für sich hin. Seitdem er wieder zurück war, hatte Benjamin die Mühle nicht wieder betreten und auch Louise hatte er nicht wieder gesehen. Was zu erledigen war, geschah auf schriftlichem Wege durch Rahel und Louise. So waren Benjamin und Rahel fast ausschließlich auf sich angewiesen und auf das alte treue Dienstpersonal, welches sich trotz aller Bemühungen der Antisemiten nicht entschließen konnte, die guten Leute zu verlassen. Die antisemitische Presse hatte das Verschwinden deS Kindes zu einem Skandal aufgebauscht, dcr schon an die Vorgänge auf Corfu erinnerte; ja die antisemitischen Abgeordneten hatten nicht umhin gekonnt im Reichstage die Sache zur Sprache zu bringen und im Anschluß daran die Rechtspflege schwer zu verdächtigen. Mit Erstaunen hörte das deutsche Volk die Deductionen des „berühmten" Antisemitenapostels, der, wenn er auch an einen Ritualmord nicht glauben wolle, doch die Möglichkeit eines Mordes aus Fanatismus nicht ableugnen könne. Was in jener Sitzung ausgesprochen wurde, griffen die Bauern lebhaft auf und obschon weder die Leiche des Kindes aufgefunden, noch sonst ein Beweis für einen Mord erbracht worden war, war es bei ihnen sicher und erwiesen, daß Benjamin oder Rahel das Kind getödtet und sein Blut zu rituellen Zwecken verwendet haben. Was half alles Predigen des alten Pfarrers, was nutzte alles Agitiren des Bürgermeisters und seiner Gesinnungsgenossen — die Leidenschaften waren entfesselt und weder durch Bitten noch durch Lehren zu dämpfen. Vierzehn Tage waren verflossen, seitdem Benjamin einen ihm ergebenen Mann zur Beobachtung jenes Elenden, dessen Drohung ihn seiner Zeit so erschreckt, abgeschickt hatte. Noch hatte der Mann nichts von sich hören lassen und Benjamin erwartete jeden Augenblick Nachricht. Endlich erhielt er einen Brief, worin ihm sein Gewährsmann mit theilte, daß dort augenscheinlich nicht alles in Ordnung sei, daß er selbst jedoch nicht hinter das Geheimniß kommen könne, und er bitte, einen gewandten Criminalbeamten an seine Stelle treten zu laffen. Benjamin war diese Nachricht sehr unangenehm, und er schrieb jenem Mannne auf seinem Posten zu bleiben und weiter zu beobachten. Wiederum hatten die Antisemiten eine Volksversammlung einberufen. An die Stelle des flüchtig gewordenen Dr. Z. war ein anderer getreten, über dessen Ehre und Vergangenheit ebenfalls einige dunkle Punkte schwebten. Wiederum jauchzten die Bauern den Hetzreden dieser Ehrenmänner zu und glaubten die nichtswürdigen Lügen, die sie in von deren Anhängern verbreiteten Flugblättern lasen. Was half es, wenn Männer vom besseren Wissen sie zu widerlegen suchten und die Lügen auch glänzend widerlegten! Sie waren von den Juden bestochen und bezahlt und sprachen gegen ihre beffere Ueberzeugung. Wer versucht die Bosheit zu belehren, der gleicht einem Thoren, der edlen Samen auf unfruchtbaren Fels säet. Vergebens sind die schönen Reden, die besten Worte. Die Opponenten wurden niedergeschrieen und aus dem Saale gejagt; der Antisemitismus kann nur Blindgläubige gebrauchen. Das Verschwinden des Kindes gab willkommenen Stoff, die Leidenschaften der Menge auf's Höchste zu entflammen, und als nun ein Redner sagte, der Jude scheine doch kein gutes Gewissen zu haben, da er das Dorf verlassen und in die Stadt ziehen, sich also der gerechten Strafe wohl entziehen wolle, da loderten die Flammen der Leidenschaft hoch empor. Ein furchtbarer Tumult erhob sich, die Stimme des Bürgermeisters, der zur

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