Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 63 (7.8.1893)
- Date
- 1893-08-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1213 Hexenglaube, Religionsverfolgungen und Bruderhaß sind wieder auf der Tagesordnung und alle die edlen und idealen Güter der Menschheit, wie Toleranz, Gewissensfreiheit und allgemeine Menschenliebe, die Errungenschaften unserer Cultur flüchten vor der rohen Gewalt des Barbarismus. Du hast muthig gehandelt, meine Tochter, und ich bin Dir Dank schuldig; aber Du wirft Unannehmlichkeiten haben." „Ich werde die Folgen meines Thuns tragen, Benjamin, und damit vielleicht ein ganz wenig von der Schuld abtragen, die mein Mann gegen Euch verübt. Seid deßhalb unbesorgt." Benjamin schüttelte mißbilligend sein Haupt. „Du bist nur ein Weib", sagte er, „und weißt nicht, was es heißt, den Haß der Menge auf sich zu laden. Du wirft nach zwei Richtungen zu kämpfen haben — gegen Deinen eigenen Mann und gegen seine Freunde — und es müßte wunderbar zugehen, wenn Du nicht unterliegen würdest. Meinethalben sollst Du diesen Kampf nicht ausfechten, denn ich verlasse dieses Dorf und ziehe in die Stadt. Dort bin ich wenigstens meines Lebens sicher." „Keiner kann diesen Entschluß mehr bedauern als ich", versetzte Louise traurig, „denn ich verliere in Euch einen väterlichen Freund, dessen ich besonders in der nächsten Zeit so nöthig bedurft hätte, aber ihr habt Recht. Euer guter Name schützt Euch ebensowenig, wie Euer in Ehren grau gewordenes Haupt vor den Beleidigungen des Pöbels. Auch Andere werden, wenn Ihr erst fort seid, Euch entbehren — aber es geschieht ihnen schon Recht. Doch wir vergessen ganz, weßhalb ich Euch rufen ließ. Die Wechsel, die Euch entwendet wurden, sind da. Gestern erhielt ich einen Brief aus London, der die Wechsel enthielt und wohl Aufschluß über den Einbruch bei Euch geben wird. Selbstverständlich steckt unser sauberer Verwalter hinter der Sache und mein Mann ist unschuldig, obschon indirekt an der Sache beiheiligt." Louise erhob sich, trat an den Schreibtisch und nahm aus der Schteblade ein Couvert. Diesem entnahm sie einen Brief und die Wechsel, welche sie Benjamin reichte. Ein Blick auf die Papiere genügte für Benjamin, um dieselben als die gestohlenen zu erkennen. Mißtrauisch blickte er aus die junge Frau und sagte: „Es sind die gestohlenen Wechsel; doch, wie kommen sie in Deine Hand?" „Dieser Brief wird es Euch erklären", antwortete stolz die Müllerin, „lest ihn und gebraucht ihn, wie Ihr für gut findet." Sie reichte Benjamin den Brief hin, doch dieser gab ihn zurück und sagte: „Meine Augen' sind schwach und auch das Lesen geht nur sehr langsam bei mir. Lies mir vor, was in dem Briefe steht." Louise erfüllte die Bitte des alten Mannes und begann: „London, den 15. c. 1891. Sehr geehrte Frau Bastian l Jetzt, da ich und Dr. Z. unser Schäfchen in's Trockne und uns selbst in Sicherheit gebracht haben, kann ich mein Schweigen brechen und Ihrem Manne, der für uns ins Gefängniß wandern mußte, vielleicht seine Freiheit wiedergeben. Versuchen Sie nicht uns zu verfolgen, denn wenn dieser Brief Sie erreicht, schwimmen wir beide, Dr. Z. und ich schon auf dem Ocean, erfterer der neuen Welt, ich dem Caplande zu, um dort die Früchte unserer^gcmeinsamen Arbeit zu vermehren und dann ruhig zu genießen. Also Ihr Mann ist unschuldig und ist, wie so mancher andere Gimpel ahnungslos in das Rch gegangen und hat für uns die gebratenen Kastanien aus dem Feuer geholt. Dr. Z. und ich sind Corpsbrüder, Universitätsfreunde. Nachdem wir so viele Schulden gemacht hatten — selbstverständlich haben wir nur Juden angepumpt — daß unseres Bleibens nicht länger war, verschaffte ich mir durch meine Gewandtheit auf jede mögliche Weise reichliche Existenzmittel. Auch hier halfen die Juden mit. Sie versilberten, ohne daß sie es ahnten, die Früchte meiner Raubzüge und als sie anfingen mißtrauisch zu werden, da mußten wir eine andere Taktik einschlagen. Ein Vortrag unseres Meisters, des Hofprcdigers in Berlin zeigte uns den Weg, auf welchem wir ernten konnten ohne gesäet zu haben. Wir wurden Antisemiten. Die Gründung der Bauernvereine verschaffte uns einen großen Credit und reiche Mittel, indem die Herren Vorsteher der Vereine uns Blanco-Accepte gaben, die wir bei Bedarf ausfüllten und Weitergaben. Auf diese Weise entstanden auch die Wechsel Ihres Mannes, die uns aus einer großen Verlegenheit helfen mußten. Doch sollten die Wechsel nicht weiter coursiren und als dieses dennoch ohne unfern Willen geschah, da mußten sie vor dem Verfalltage verschwinden. Ich besorgte*dieses mit noch einem Genossen, indem ich bet dem Juden Benjamin cinbrach und die Wechsel an mich nahm. Daß dabei noch andere Papiere mitgingen,^ wissen Sie; daß ich das Geld unberührt ließ, dafür verschaffte^mir mein Freund Dr. Z. die^Slelle eines Verwalters bei Ihrem Manne, in welcher ich mich für den Gefallen, den ich durch den Einbruch Ihrem Manne gethan, entschädigte. Zu früh wurde ich von der Polizei, die allerhand mit mir abzurcchnen hatte, entdeckt. Ich mußte fliehen und nahm, um Ihrem Manne keine Ungelegenheiten zu machen, die Wech-