Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 62 (3.8.1893)
- Date
- 1893-08-03
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. Zweite Beilage zu M 62 des „Israelit^. Leitender Artikel. Fllmillschk Gelrhrte iidrr den Aniisemitirmus. Paris, 1. August. Die französische Gesellschaft für politische Oekonomie, ein hervorragender wissenschaftlicher Verein, dem die besten Sociologen und volkswirthschaftlichen Schriftsteller ^Frankreichs angehören, hat vor Kurzem in einer Sitzung das Thema vom Antisemitismus und von der Rolle der Inden in der modernen Gesellschaft verhandelt. Die Berathuug war überaus interessant und ebenso lehrreich. Es behelligten sich an ihr: Limousin, Eourtois, Brelap, Anatole Leroy-Beanlien und Worms. Die Diskussion drehte sich vorwiegend um die ökonomische Seite der Frage, aber es wurden auch die politischen und sittlichen Momente eingehend gewürdigt. Als Referent fungirte Limousin, der zunächst den Ursprung der antisemitischen Bewegung zu ermitteln suchte. Auf die Frage, ob hier Glaubenshaß die Triebfeder sei. gab er eine veruemende Antwort. Selbst in Rußland scheine dies nicht der Fall zu sein, geschweige denn in Frankreich; wie wäre sonst die Feindseligkeit von Freidenkern und Atheisten gegen die Juden zu erklärend Auch daß Raccnhaß das Motiv sei, will Limousin nicht glauben, denn er habe aus den einschlägigen S'udien die Erkenntniß geschöpft, daß es eine semitische Rare ebenso wenig wie etwa eine jafetische mehr gebe. Limousin nimmt an, daß die religiösen und ethnischen Gründe, die der Antisemitismus für sich geltend macht, lediglich Vorwände seien. Seiner Ansicht nach handle es sich hier um eine rein ökononlische Erscheinung. Er sagt: Man wirft den Juden vor, daß sie vermittelnde Functionen ans dem Gebiete des Handels und des Finanzwesens mit Vorliebe verrichten, daß sie darin eine außerordentliche Geschicklichkeit bekunden, und daß sie, da sie sich dabei bereichern, die Vermittlung in wenig loyaler Weise besorgen. Eigenthümlicherweise scheinen die Juden selbst die Prämisse dieses Satzes zuzugeben, um alsdann diese Vorliebe ihres Stammes für Vermittlergeschäfte aus der vielhundertjährigen Bedrückung heraus zu erklären, während welcher der Jude vom Bovenbesttz und von der Ausübung der Industrie ausgeschlossen war. Die Juden behaupten dann noch, daß diese Vorliebe seit der gesetzlichen Befreiung ihrer Religion immer mehr und mehr schwinde, und daß ihre Glaubensgenossen allmählich auch in anderen Laufbahnen sich hohe Stellungen zu erringen wissem Freilich, fügt! Limousin hinzu, gibt dies wieder zu anderen Vorwürfen Anlaß. Man findet, daß die Juden in der Gesellschaft eine Stellung einnehmen, die ihnen vermöge ihrer Anzahl nicht zukommt. Den von antisemitischer Seite theils vertretenen, theils angefochtenen Standpunkt, daß sie dies ihrer größeren Intelligenz und ihrer tüchtigeren Willenskraft zu danken haben, läßt Limousiu nicht gelten. Er bestreitet nicht den großen Werth der aus dem Judenthum hervorgeganqenen Männer, doch betont er, daß es in Frankreich und anderswo verhältnißmäßig ebenso viele intelligente und thatkräftige Leute anderen Glaubens gebe. Das Mißverhältniß zwischen der socialen Rolle der Juden und ihrer numerischen Schwäche lasse sich durch den Umstand et klären, daß die Juden allesammt BourgoiS sind, während die überwiegende Mehrheit der Nation aus Bauern und Arbeitern besteht. Stellt man den Vergleich auf nicht zwischen den Massen einer Nation und ihren Juden, sondern zwischen ihrer christlichen Bourgeoisie und der jüdischen, so verschieben sich die Verhältnisse gründlich, und die Atolle der Juden in den höheren Berufen wird sofort eine begreiflichere. Als accefsorische Ursache zieht Lrmousin auch noch die Eintracht der Juden in Betracht, eine Solidarität, die er als eine Folge langwieriger Bedrückung natürlich findet. Das Gleiche sei ja in Frankreich auch bei den Protestanten wahrzunehmen, und doch werde man diesen nicht eine Geheimbündelei zur Bevormundung der Angehörigen anderer Religionen vorwerfen. Die Juden seien überdies wesentlich positivistisch veranlagt, und ihr raelistischer Gerst bedingt ihre Fähigkeit, Geld zu verdienen. Limousin meint, die Inden werden forlfahren sich zu bereichern, und so auch unwillkürlich die gegenwärtige Bourgeoisie durch eine Aristokratie des Geldes uud der Race verdrängen. Der Geburtsadel, meint er, hatte doch wenigstens den Glauben und die Nationalität mit dem Volke gemein; die Juden besitzen selbst diesen Vortheil nicht. Auf Grund alles dessen glaubt Limousin, daß die antisemitische Bewegung in der Folge noch anwachsen werde. Eourtois bekämpft entschieden die Ansichten des Vorredners. Seine Studien über die wissenschaftliche, commerzielle und literarische Thätigkeit der Juden im Mittelalter haben ihm ganz unerwartete Dinge offenbart. Er war überrascht von dem glänzenden Antheil, den die Juden an der civilisalorischen Entwicklung der Menschheit genommen. Verfolgt in ihrer Person und in ihrem Eigenthum, mußten sie nach mobilem Besitz streben, der der Habgier Einzelner und der Staaten weniger aus-