Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 62 (3.8.1893)
- Date
- 1893-08-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXIV. Jahrgang. Erste Beilage?u M 62 des „Israelit". Leitender Artikel. Die Kolonien des Waran Kirsch. Von Lucien Gerbet. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Im Camp, so nennt der Argentinier die weiten Felder in der Pampa, ist Fleisch in Hülle und Fülle vorhanden — Brod und Kartoffeln hingegen gehören nicht zur alltäglichen Nahrung. Alles Vieh, Pferd, Rind, Schaf, lebt im Camp in Freiheit und sucht sich selbst Futter und Waffer; ein Draht-Zaun umschließt die ganze Besitzung und hindert das Vieh, sich zu verlaufen. Allerdings geschieht es, daß ganze Heerden die Umzäumung durchreißen oder über dieselbe hinwegsetzen, dies kommt aber nur bei großer Dürre und Futtermangel vor, in solchen Fällen muß man bei den Gutsbesitzern der ganzen Umgebung das verlorene Vieh suchen und dann auf den eigenen Camp zurücktreiben. Alles Vieh ist mit einer, in Buenos-Aires archivirten Marke gebrannt und hat jeder Hacendado, (d. i. jeder Viehbesitzer) ein eigenes Zeichen. In normalen Zeiten erfordert das Vieh nur wenig Arbeit, zwei höchstens drei Gauchos genügen um 1000 Stück zu hüten und beisammen zu halten. Wenn ein Rind für den Consum geschlachtet werden soll, reitet der Gaucho in die Heerde hinein, sucht eine fette Kuh heraus, treibt ihr solange nach, bis er sie von den übrigen Thieren isolirt. Nun beginnt die Jagd; und so eine erschreckte Kuh kann laufen, besonders wenn sie hinter sich her das Aufschlagen der Hufe des sie verfolgenden Pferdes vernimmt und oft hat der Gaucho Mühe sich dem Thiere so zu nähern, daß er mit Sicherheit ihm den Lazo, (Wurfschlinge), den er mit kräftigem Arm und sausender Geschwindigkeit über seinem Haupte schwingt, um den Kopf werfen kann. Aber das Pferd bringt schließlich doch seine Ueberlegenheit im Laufen zur Geltung und sein geschickter Reiter weiß der Kuh sich so zu nähern, daß er mit unfehlbarer Sicherheit seinen Lazo, welcher an dem Sattelgurt festgebunden ist, werfen kann. Nunmehr spornt er das Pferd, die Wurfschlinge zieht sich zusammen und der Gaucho hat die Kuh in seiner Gewalt. Er läßt sein Pferd eine kurze, rasche Wendung machen und der starke Ruck hat das Rind im selben Moment umgeworfen. Schon hat der Gaucho sein Messer gezogen, sein Pferd gewendet und im scharfen Galopp erreicht er die Kuh und sticht ihr sein Meffer in den Hals. So wird im Camp geschlachtet. Bei dieser Arbeit leistet der Gaucho Unglaubliches und es gibt nur sehr wenig Ausländer im Camp, welche diese Arbeit verrichten können. Unter den bis dahin in Mauricio eingetroffenen Colonisten, so wollen wir fortan die in der Colonie angelangten jüdischen Einwanderer nennen, waren 2 Schächter, welche koscher schlachteten. Diese Schächter haben in Europa zwar viel geschlachtet, aber nur zahme Thiere im Schlachthaus, jedoch hier sahen sie ihrer Aufgabe mit großer Furcht entgegen; das Thier wurde ihnen aber gebunden überliefert und sie konnten ohne Gefahr ihr Werk verrichten. Da wir vorher sagten, daß das Vieh im Camp ganz frei lebt, so wollen wir hinzufügen, daß das mit Mauricio angekaufte Vieh in dem „Alice" benannten Theil abgesperrt war, während die Colonisten in „Algarrobos" lagerten. Die für den täglichen Consum gebrauchte Anzahl wurde von „Alice" nach „Algarrobos" getrieben, hier erst von den Gaucho's eingefangen und von den Schächtern geschlachtet! ebenso wie die Schächter die Geschicklichkeit der Gaucho's, so bewundern auch die Gaucho's den geschickten, raschen, sofort tödtenden Schnitt unserer Schächter. Die Colonisten in Mauricio wurden wie folgt rationirt: sie erhielten pro Tag und Kopf ein halbes Kilo Fleisch, ein halbes Kilo Zwieback, hundert Gramm Hülsenfrüchte, 15 Gramm Zucker und 5 Gramm Thee; erwachsene Männer erhielten auch Tabak. Diese Lebensmittel, welche den Cololonisten als Vorschuß gegeben wurden, sind in kleine Bücher, die jeder Familie vertheilt, eingeschrieben worden, so daß jeder Colonist jederzeit wissen konnte, was er der Gesellschaft schuldet. Von der Centrale in Buenos Ayres waren wir beauftragt, nach Berechnung der Selbstkosten aller Maaren franco Mauricio 30 Prozent aufzuschlagen; dies galt sowohl für Lebensmittel als auch Handwerkszeuge und Kleidungsstücke. Auf diesen Punkt werden wir in der Folge zurückkommen. Nachdem die Colonisten provisorisch in Zelte untergebracht waren, hätte es unsere erste Aufgabe sein sollen, jeder Familie Land anzuweisen. Ingenieur Terracini constatirte aber, daß der Vermeffungsplan, auf Grund deffen Mauricio gekauft wurde, falsch ist, d. h. nicht etwa, daß weniger Land in Wirklichkeit vorhanden war, als der Plan aufweiste, im Gegentheil, es wurden einige Hectare mehr gefunden; die Pfähle aber, welche zur Erkennung der Subdivision an den Ecken von je 50 Hectar in die Erde getrieben waren, waren falsch angebracht, zum großen Theil fehlten sie ganz. Die Vermeffung und Parzellirung der Colonie mußte nun vor allem neu vorgenommen werden. Diese Arbeiten gingen aber in Folge der ungünstigen Jahreszeit, des Winters, welcher in diesem Jahre viel mehr Regen als sonst brachte, nur sehr langsam vor sich. Der viele Regen hielt auch alle anderen Arbeiten sehr stark auf; wir sagten bereits weiter oben, daß der Regen in dieser Gegend im Winter mehrere Tage anzuhalten pflegt; in diesem Jahre aber währte er drei volle Wochen an. Das war um so unglücklicher, als wir nicht nur kostbare Zeit dadurch verloren, sondern es konnte auch nichts gethan werden, um