Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-07-27 · Heft 60 (27.7.1893) · page 27

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 60 (27.7.1893)
Date
1893-07-27
Page
– (sequence 27)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448372--36814-2484851
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

der geschäftsführende Ausschuss zu bewältigen hat, mag beweisen, dass im Jahre 1892 gegen 400 Briefe von hier abgingen und über 100 Bittgesuche in 22 Sitzungen erledigt wurden. Was den Erfolg unserer Bemühungen betrifft, so war er trotz unserer geringen Mittel nicht unbedeutend. Den wichtigsten Zweig unserer Thätigkeit bildete die Hilfeleistung an arme Kranke. Unser Arzt, Herr Dr. Feuchtwan ger in Jerusalem, behandelte in den Sprechstunden gegen 14000 Patienten und machte etwa 8 800 Krankenbesuche. Die Zahl der in unserer Apotheke an gefertigten Rezepte bewegte sich zwischen 1800 und 2800 per Monat. Der Zuschuss, den unsere Kasse zu leisten hatte, belief sich auf nahezu 7000 Mark. Auch dem Hospital in Jaffa, welches seine Entstehung hauptsächlich dem bereitwilligen Entgegenkommen des hiesigen Hilfscomites für die russischen Juden verdankt, liehen wir unsere Unterstützung. Dem Frauenverein zu Jaffa, der sich die Aufgabe gestellt hat, armen kranken Frauen beizustehen, verschafften wir vom genannten Comite eine Beihilfe von M. 300. Dem Verein "pm rU^// bewilligten wir die Kosten zur Anschaffung ärztlicher Instrumente und wandten auch den Gemeinden Tiberias und Hebron Beiträge zum Honorar ihrer Armenärzte zu. Ferner gaben wir an 5 0 Personen Darlehen in der Höhe von Frs. 5200, wogegen Frs. 2438 von früheren Darlehen zurückgezahlt wurden. Auch sandten wir wiederum mehrere Nähmaschinen hinüber. Einer Anzahl von jungen Leuten wurde durch Zahlung ihres Lehrgeldes die Möglichkeit geboten, sich zu Handwerkern auszubilden. In der gleichen Absicht, die Knaben zu einem Berufe im heil. Lande zu befähigen, vergüteten wir die Kosten, welche die Ertheilung des arabischen Unterrichts den Gemeinden der Sephardim und Moghrabim in Jerusalem und der Gemeinde Hebron verursacht. Einer kleinen Zahl von jungen Leuten, welche sich ausserhalb Palästinas für einen im heil. Lande auszuübenden höheren Beruf vorbereiten, wurden Unterstützungen gewährt. Dass in einzelnen dringenden Fällen auch baare Spenden, selbstverständlich nur in geringem Betrage, verabfolgt wurden, liess sich bei dem in Jerusalem herrschenden Elend nicht vermeiden. So veranlasste uns der außergewöhnlich strenge Winter, wieder 200 Kameelladungen Kohlen zu kaufen und mit l0°/o Verlust an die arme Bevölkerung abzugeben. Noch vermehrt wurde die Noth durch das von der Regierung erlassene Edikt, wonach nichtnaturalisirten Juden jeder Umsatz in Häusern und Grundstücken in Palästina und Syrien untersagt worden ist. Das Verbot erstreckt sich sogar auf das Bauen, auf die Aufnahme und Rückzahlung von Hypotheken u. dgl. Unser Verein wurde gleichfalls von dem Edikt betroffen. Herr Bezirksrabbiner Dr. Salven di hatte nämlich ein Haus in R a m 1 e h erworben und wollte dasselbe dem Verein zum Geschenk machen; die Ueberschreibuug ist aber gegenwärtig nicht möglich. Hoffentlich wird das Verbot, welches so grosses Unglück über unzählige Existenzen gebracht hat, bald aufgehoben. Die Ansiedelung in R a m 1 e h macht im Uebrigen gute Fortschritte. Wir setzten die Bestrebungen, das bevölkerte Jerusalem zu entlasten, im vergangenen Jahre fort und gründeten Niederlassungen in Lud, Nazareth und Nablus (Schechem). Die Nachrichten, die uns von dort zugehen, lassen uns das Beste hoffen Eine plötzlich in Palästina eingetretene Kalamität, die Ein wan derung persischer Flüchtlinge, nahm gleichfalls unser Interesse in Anspruch; jedoch konnten wir statutengemäß aus unseren Mitteln nichts in der Angelegenheit thun. Wir begrüßten es aber mit grosser Freude, dass uns von anderer Seite die Summe von M. 2000 alsbald zur Uebermittelung nach Jerusalem überwiesen wurde. Wir wollen nicht unterlassen, allen Menschenfreunden, namentlich dem Hilfscomite für die russischen Juden, für die freundliche Unterstützung zu danken, deren wir uns in dringenden Fällen, wo es sicü um die Noth von Einwanderern oder Flüchtlingen handelte, stets zu erfreuen hatten. Unser besonderer Dank gebührt Herrn Bezirksrabbiner Dr. Salvendi in Dürkheim, unserem eifrigen und werkthätigen Comitömitgliede. Diesen bewährten Freund Palästinas, sowie alle Diejenigen, die uns seither durch Beiträge und Spenden zur Seite standen, bitten wir, uns ihre Mithilfe zu bewahren und in ihren Kreisen für unseren Verein zu wirken. Denn die Noth ist gross und wächst fortwährend, unsere Mittel aber sind schwach und nehmen andauernd ab. Zwei Comitemitglieder haben wir leider durch den Tod verloren. Am 30. vSe.pt. v. J. verschied Herr Michel Erlanger in Paris, im Febr. d. J. Herr Sigismund Simmel in Berlin. Beide Herren, welche ihre ganze Thätigkeit Werken der Menschenliebe widmeten, nahmen den wärmsten Antheil an dem Zustandekommen unseres Vereins und suchten unsere Zwecke nach Kräften zu fördern. Wir werden ihnen für immer ein ehrendes Andenken bewahren. Im April 1898. Der geschäftsführende Ausschuss: Rabb. Dr. J. Hildesheimer, Berlin, Vorsitzender.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.