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Der Israelit · 1893-07-27 · Heft 60 (27.7.1893) · page 25

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 60 (27.7.1893)
Date
1893-07-27
Page
– (sequence 25)
Language
German
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Die Kolonisation Palästinas Ackerbau in Palästina. (I. Fortsetzung.) —-- -♦- III. Die judenfeindliche, so unsagbar rohe Bewegung in Deutschland, die blutigen Krawalle in Südrussland, — all’ diese Vorgänge mussten nun doch bei allen denkenden Juden endlich die Ueberzeugung hervorrufen, dass die achtzehnhundertjährige Leidensgeschichte unseres Stammes ihr Ende noch immer nicht erreicht habe, dass man im Jahre 1848 den Antisemitismus noch keineswegs zu Grabe getragen, sondern dass er seit jener Zeit in Ruhe und unbeachtet nur frische Kräfte gesammelt habe, um unter neuer Fahne sein altes blutiges Handwerk wieder aufzunehmen. Zu dem brennenden seelischen Schmerze über die antisemitische Schmach gesellte sich bei den Juden des Ostens noch die rauhe materielle Noth hinzu, die unabweisbare Frage: „Wo hinaus?“ tauchte plötzlich aus dem Dunkel längst vergangener Zeit hervor, und nun harrte sie ungeduldig und zudringlich ihrer schleunigen Lösung. Aller Mittel beraubt, ausgeplündert, stürzten plötzlich unsere Glaubensgenossen, wie bei einem Steppenbrande, aus den Thoren Ru s s 1 a n d s heraus und überschwemmten den ganzen Westen, überall vergebens bemüht, in diesen stark bevölkerten Ländern noch ein bescheidenes Plätzchen für sich ausfindig zu machen. In dieser schweren Zeit erinnerten sich zahlreiche Juden mit Wehmuth, die nicht frei war von Selbstanklagen, des Rabbi Hirsch Kalischer ^"sr, der mit prophetischem Blicke, wie ein Seher des jüdischen Alterthums, die kommenden Ereignisse vorausgeschaut, der jede Minute seines Lebens dafür eingesetzt hatte, um sich rechtzeitig vorzubereiten für den nahenden Sturm und um für das jüdische Schifflein in Palästina einen schützenden Hafen zu bauen. Wie bereuten es die „Grossen in Israel“, wie beklagte es der greise Montefiore, dass er damals nicht auf die warnende Stimme des Propheten in T h o r n gehört, dass dessen Ruf unbeachtet verhallt war! Aber für dieses Mal kam die Reue zu spät. Wie heute durch Preussen, so wälzte vor zehn Jahren der Strom der Auswanderer seine ungeheuren Finthen durch Oesterreich; *) 8. N. 484. in B r o d y stauten sie, und Auge in Auge mit der herandringenden Gefahr war es ganz unmöglich, weiter als für die augenblickliche Gegenwart zu sorgen. Der Schlag hatte uns damals wiederum ganz unvorbereitet getroffen, genau so, wie heut’ zu Tage. Krampfhaft verlegte man sich darauf, einen Unterstützungsfond in aller Eile zusammen zu bringen; Aufrufe und „Schneeballenbriefe“ flogen in alle Welt hinaus, Sammellisten wurden in Umlauf gesetzt, Bazare und andere WohlthätigkeitsVeranstaltungen drängten sich, man spielte, man tanzte zu Gunsten der Flüchtlinge, — ja man dichtete sogar zu ihrem Besten. Und das Resultat? Es glich völlig dem, welches wir heute zu verzeichnen haben: die Mittel reichten gerade aus, das Allernothwendigste zu beschaffen. Aber als der erste Schrecken vorüber war, als die Flüchtlinge in Brody glücklich nach allen Richtungen der Windrose zerstreut waren, da glaubten die Juden des Westens ihr Werk gethan zu haben; erleichtert athmete man auf von der schweren Anstrengung, man hatte ja durch seine Menschenfreundlichkeit reiche Lorbeeren geerntet, auf denen man nun ausruhen konnte. Dies aber that man denn auch in recht ausgiebiger Weise, man pflegte wieder der lieben Ruhe, schlief in dem fälschen Bewusstsein, seine Pflicht gethan zu haben und träumte wieder von einer Verbrüderung der Menschheit, von jenem goldenen Zeitalter, „da der Wolf mit dem Lamme wohnt. Der Parder beim Büchlein lagert, Kalb, junger Leu und Mastvieh beisammen sind und der Löwe wie ein Rind Stroh frisst. (Jes. 11, 6—7.) § 3. Die ersten jüdischen Kolonien am Rande des Verderbens. Nachhaltiger waren die Wirkungen der Judenverfolgungen in Russland und Rumänien für unsere dortigen, von ihnen betroffenen Glaubensgenossen selbst. Keineswegs wollen wir damit sagen, dass sie mit besserem Scharfblicke als die Juden des Westens die grosse politische und wirthschaftliche Bedeutung Palästinas erkannt hätten, — ach nein, ihr Optimismus und ihre Vertrauensseligkeit waren ebefl so stark wie bei den Juden in Deutschland. (Forts, folgt.)

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