Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 60 (27.7.1893)
- Date
- 1893-07-27
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXTV. Jahrgang. Zweite Beilage di J\ß 60 Des „Israelit^. Leitender Artikel. Pie Kolonien des Waron Kirsch. Von Lucie« Gerbet. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Was lange wahrt, wird gut". Dieses Sprüchwort hat sich in diesem Falle sehr bewahrheitet. Dr. Loewenthal brauchte lange Zeit um sich zu entschließen, hatte aber dafür eine sehr glückliche Wahl getroffen. Das angekaufte Gut liegt in der Provinz Buenos Aires und verhältnißmäßig sehr nah von der Hauptstadt; es ist 25,000 Hectar groß, der Boden ganz außerordentlich fruchtbar und ist die Humus-Schichte 60—80 Centimeter, an verschiedenen Stellen sogar 90 Centimeter tief. Dieses Gut diente bis dahin zur Viehzucht, erst im letzten Jahre hatte sich der Besitzer entschloffen Ackerbau zu treiben und hatte 24 christliche Familien — Franzosen, Belgier, Schweizer, Italiener und spanische Basken — dort angesiedelt; diese Familien hatten bereits 15000 Hectar Weizen und 1000 Hectar Mais gesät. Ihr Verhaltnitz zum Gutsherrn war das in Argentinien sehr gebräuchliche Partnerschaft-Verhältniß, d. h. der Gutsherr giebt das Land, die landwirthschaftlichen Geräthe, Vieh und die Lebensmittel bis zur ersten Ernte und erhält hierfür die Hälfte der Ernte sowie die für den Lebensunterhalt geleisteten Vorschüffe. Unbemittelte Ackerbau treibende Familien, die nach Argentinien kommen, pflegen auf diese Weise anzufangen und sind oft schon nach 2 glücklichen Ernten in der Lage, das Partnerschafts-Verhältniß abzuschütteln und kaufen sich selbst an, entweder denselben Boden oder in der Umgebung. Der eine Theil der angekauften Besitzung führte bis dahin den Namen „Algarrobos", der andere Theil den Namen „Alice". Nach Uebergang in den Besitz der „Empresa Colonizadora del Baron Hirsch" wurde die Colonie „Mauricio" — nach dem Baron Hirsch — benannt. Der für das ganze Gut einschließlich der halben Ernte, 10,000 Kühe, 12,000 Schafe, 1500 Pferde, einige zur Verbesserung der Zucht importirte Race-Hengste und Stiere bezahlte Preis, belief sich auf 625,OOO Dollar Papier. In diesem Preis sind auch die Drahtumzänmungen, welche mit 40,000 Dollar abgeschätzt wurden und etwa 50 Hectar Waldanlage inbegriffen. Wir glauben nicht zu hoch zu greifen, wenn wir sagen, daß das lebende und tote Inventar allein dem für das Ganze bezahlte Preis beinahe gleichwertig ist; das vorhandene Vieh war* in der ganzen Umgebung weit und breit, infolge der , schon seit mehreren Jahren begonnenen Verbefferung des Blutes durch /ehr werthvolle Reproductoren, als vorzüglich bekannt und wurden die Viehherden „Alice" als eine besondere Leistung der Viehzucht gerühmt. Nach 9 sründiger Eisenbahnfahrt mit der Buenos Aires Westbahn erreicht man die Eisenbahn - Station Carlos Casares, von wo noch 15 Kilometer in südwestlicher Richtung zurückzulegen sind, um nach Mauricio zn gelangen. Man ist in der „Pampa". Grenzenlos ohne Abwechselung, gleicht sie einer Graswüste, selbst dort, wo sie von Vieh dicht bevölkert ist; die größten Viehheerden, welche viele Tausend Stück zählen, erschienen nur winzig auf dieser unendlichen Fläche und verlieren ganz das Aussehen ihrer wirklichen Größe. Man betritt die „Pampa" schon gleich beim Verlaßen der Hauptstadt und behält dasselbe einförmige Bild, selbst wenn man Hunderte von Meilen zurücklegt. Im allgemeinen stellt man sich die Pampas als große grüne Ebenen vor, welche von der Natur in verschwenderischer Weise mit üppiger Weide, fetten Kräutern bedacht und mit zahlreichen Pferde- und Rindviehheerden dicht bevölkert wurden. Diese so sehr verbreitete Anschauung ist eine irrige. Pferd und Rindvieh war in ganz Süd-Amerika nicht vorhanden, sie wurden erst von den Spaniern hingebracht und das üppige Weideland ist nicht ohne Arbeit, ohne lange Mühen entstanden. In ihrem Urzustand erzeugte die Pampa blos ein hartes Kraut, „Paja brava" oder „Pampa", welches ihr den Namen gegeben. Das Thier mußte selbst den Boden bearbeiten, mit den Hufen ackern und selbst die mannigfaltigen Gräser, welche es heute nähren, aus der Erde ersprießen machen. Wer sind die Bewohner der „Pampa"? Tie Ureinwohner dieser heute so fruchtbaren Ebenen waren Indianer, sie waren bis zur Eroberung durch die Spanier die alleinigen Herren dieses Territoriums, betrachteten sich von jeher, und die wenigen die heute existiren, betrachten sich noch immer als die eigentlichen Herren des Landes. Die Jndianerstämme der Andes verwendeten das Guanaco und das Lama als Nahrungs- und Transportmittel, während die Jndianerstämme der Küste diese Hilfsmittel nicht besaßen, und man kann sich schwer erklären, wie sic in feiner so nackten, so kahlen Gegend leben konnten; sie ernährten sich von Fischen, die in allen Wafferläufen dort reichlich vorhanden sind, von Füchsen, Gürtelthieren, einigen Reptilien und Vögeln. Wir sagten bereits, daß die „Pampa" in ihrem Urzustand nichts als Unkraut erzeugte. Der Europäer erst brachte die Cultur in dieses Land, der Indianer lebte von Jagd. Trotzdem sie über nur unausreichliche Nahrungsmittel verfügten, erscheint es festgestellt, daß keiner dieser Stämme Cannibalismus trieb. Nach langwierigen, blutigen Kämpfen sind die Indianer allmählich von den Spaniern zurückgedrängt worden. So groß auch der Haß dieser Ureinwohner gegen die Eindringlinge war, so schlossen sich dennoch viele den Eroberern von Anfang an und aus der Mischung dieser Racen entstand der „Gaucho".