Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 58 (20.7.1893)
- Date
- 1893-07-20
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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1124 des Schmerzes durch Thränen versagen; nur die Frauen können sich der Thränen nicht enthalten. Und die Tempelmauer? — Es existirt der alte Glaube, daß am 9. Ab die Mauer selbst Thränen vergießt, daß zwei unsichtbare Bäche auf den obersten Steinen entspringen und ihren Weg nach dem Jordan nehmen. Zur Zeit, wenn der Erlöser kommt, werden dieselben sichtbar werden und zu einem Strome sich vereinigen. Die Klageliede: sind zu Ende. — Ein alter Mann erhebt sich und hält eine Ansprache, welche sowohl Trost als das Bewußtsein von Israels Leiden erweckt. „Es hat Gott gefallen", so spricht der Greis, „Israel zu züchtigen, aber der Vernichtung hat er es nicht preisgegeben. Der Tempel ist zerstört, aber die Tempelstätte ist geblieben. Unsere Feinde streben dahin, uns ausznrotten, aber ihre Mühe ist vergebens, denn Gott selbst hält Wacht über Israel. Ja, meine lieben Brüter", fährt der ehrwürdige Greis fort, „Israels Hüter schläft nicht; aber auch wir dürfen nicht schlummern. Sollen wir, angesichts des Symbols von Israels Erniedrigung, nichts thun zur Hilfe unserer leidenden Brüder? Der Prophet Jirmijah weint über den Berg Zion, der verwüstet und zum Aufenthalt der Füchse wurde. Der Talmud erzählt, wie ein:s Tages Akiba — dieser begeisterte Patriot — in der Nähe oes Tempelberges mit seinen Genosien spazieren ging uud sie einen Fuchs aus den Trümmern Hervorkommen sahen. Die Rabbinen brachen in Weinen und Klagen aus, Akiba aber lachte. — „Warum lachst du?" fragten seine verwunderten Genossen. — „Und warum weinet ihr?" fragte er dagegen. — „Wie sollten wir nicht weinen", riefen sie verwundert aus, „da wir den Tempel Gottes zerstört und seine Trümmer zum Aufenthalt wilder Thiere geworden sehen?" — „Gerade darum lache ich", erwiederte Akiba; „wenn die Leiden, welche die Propheten vorher verkündet haben, über uns hereingebrochen sind, so wird auch die Erlösung, welche sie vorhergesagt, eintreffen zu der von Gott bestimmten Zeit. Vertrauen wir daher, geliebte Brüder, auf Gottes Verheißungen, denn in dem Glauben an und in dem Vertrauen auf ihn besteht unsere ganze Religion, ist unser ganzer Lebenswandel vorgezeichnet." — Amen! ruft die ganze Versammlung und alle Hügel Palästina's Wied erhallen diesen Freudenruf bis hin zum fernen Libanon. Nach Schluß dieser Rede zerstreut sich die Menge. Ich selbst aber stehe noch für längere Zeit festgebannt an die Stätte der „westlichen Mauer" und überwältigt von Eindrücken, welche Worte wiederzugeben nicht im Stande sind. vermischtes. Fürth. Bei der unter dem Vorsitze eines Kgl. Ministerial-- kommisiärS abgehaltenen Schlußprüfung der israel. Bürgerschule bestanden, ebenso wie in den Vorjahren sämmtliche Schüler des Oberkurses mit glänzendem Erfolge. Dieselben erlangten somit die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst. Freuden berge r, Lehrer. Aus Württemberg. Am 5. Tamus verschied Frau Pesle Hilbert, Lehrerswittwe, von Niederstetten. Dieselbe war ein Muster der aufrichtigsten Religiosität, der echten Gottesfurcht, der bereitwilligsten Nächstenliebe. Gewisienhaft in der Ausübung und Erfüllung der religiösen und menschenfreundlichen Pflichten, waren ihre Grundprinzipien ,min nrn nYP’QJi ,n*roy. Sie war bestrebt, die Thorabeflissenen nach Kräften zu unterstützen, mit Ehrerbietung ihnen entgegenzukommen, und für Wittwen und Waisen im heiligen Lande Sorgfalt zu hegen. L. W. Halevi. Bertha von Suttner erzählt in ihrem offenen Briefe an den Bersaffer von .Wehrt euch! Ein Mahnwort an die Juden," (Berlin, S. Fischer 1893) folgende Szene: „Wir wohnten einst bei einem jüdischen Ehepaar. Der Gatre war in einem Bankhaus beschäftigt, aber das knappe Gehalt genügte nicht zum Auskommen, daher vermietheten Herr und Frau Meyer einen Teil ihrer Wohnung. Sie hatten einen einzigen Knaben. Ein wunderhübsches, talentirtes, liebevolles Kind. Ich hatte oft Gelegenheit, das Familienleben dieser Leute zu beobachten; es war ein musterhaftes. Der kleine Leopold war der Stolz und das Glück der sonst in sehr beschränkten und zurückgegangenen Verhältnissen lebenden Eltern. Ich war oft anwesend, wenn der Kleine aus der Schule heimkam; selig war das Kind, wenn es wieder gute Zeugnisse bringen konnte. „Ach, ich bin so glücklich, so glücklich!" rief er einmal „Warum?" fragten wir. „Daß ich auf der Welt bin, es ist so schön aus der Welt, und weil ich's weit bringen werde, ich bin heute wieder der Erste gewesen." Eines andern Tages kam er ganz gedrückt nach Hause; nicht daß er ein schlechtes Zeugniß hatte. „Was ist Dir geschehen, Junge, Du siehst ja ganz verstört aus?" Da schluchzte er auf. . . Genug, ich schreibe hier keine Novelle. Was das Kind erzählte, man kann sich's ja denken. Es kommt wohl alle Tage vor. Der Sohn eines strammen Antisemiten, selber faul und rauflustig, höhnte und hänselte den fleißigen Kameraden: „Judenbub, zu was plagst Dich? Wirst doch Dein Leben lang nichts erreichen, bist ja nur Einer von der Semitenbande!" Das Weh, das in des kleinen Erzählers Stimme zitterte, das staunende Weh darüber, daß es ihm nichts nützen soll, wenn er brav und fleißig war. das herzzerreißende Weh der Ellern — sie tauschten nur einen Blick, — das Alles werde ich nie vergessen, zum wenigsten den eigenen Schmerz, der mir bei dieser Szene durch die Seele schnitt? Laurahütte, 12. Juli. Am 6. Juli starb plötzlich infolge Schlaganfall der jüdische Lehrer Herr Bock aus Königshütte. Derselbe, erst 32 Jahre im besten Mannesalter, hinterläßt trauernde Eltern, sowie eine untröstliche Braut. Welche Achtung er genoß, zeigte seine Beerdigung; denn von Nah und Ferne eilten Bekannte herbei, sowie auch sämmtliche christliche Kollegen aus Königshütte ihm das Geleite zur letzten Ruhestätte gaben. Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt hielt eine zu Herzen gehende Grabrede. n"3in London, 14. Juli. Gestern Abend verschied nach längerem Leiden der allgemein hochgeachtete Revd. Kay ser, welcher dreißig Jahre lang als Cantor und Sekretär der Haupt-Synage Dukes-Place fungirte, aber in Folge seiner geschwächten Gesundheit schon ca. 10 Jahre außer Function trat. Der selige M. Kayser war ein geborener Holländer, ein M nach traditionellem alten Style, genoß die Achtung und Liebe der ganzen Gemeinde. _ Anzeigen. Für den folgende« Th eil ist die Redaetio« nicht verantwortlich. 1Ü3 Hotel Landikron, Bad STeuenabr. Wtve. G Borg, Besitzer. 3425) Prospecte des Bades gratis und franco. Referenzen de? In- und Auslandes zu Diensten.