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Der Israelit · 1893-07-20 · Heft 58 (20.7.1893) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 58 (20.7.1893)
Date
1893-07-20
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XXXIV. Jahrgang. Zweite Beilage ju M 58 des „Israelit“. Leitender Artikel. Die Feier des 9. Ad in Jerusalem. Von dem Touristen Elechanan Segal aus Dünaburg. (Aus dem Englischen übersetzt von 2- Cohen, Rees a. Rhein.) (Schluß.) Hier hrben wir nun ein treues Gemälde von der „westlichen Tempelmauer", dem Lagerorte der Thränen Gesammtisraels. Ja, wenn Thränen diese Steine erweichen könnten, sie würden längst von dieser Bildfläche verschwunden sein. Feierlich und ergreifend ist die Szene, welche sich hier am Freitag Nachmittag abspielt, wenn alle treuen Unterthanen der „Königin Sabbat" an der geweihten Stätte sich versammeln, der Himmelskönigin ihre Huldigung darzubringen. Feierlich und wehmüthig ertönt das herrliche Lied, welches den Sabbat begrüßt. rra ntop? HH rDt\ Der Chasan, ein ehrwürdiger Greis mit silberweißem Haupthaar und Barr und in ein weißes Gewand gehüllt, singt unter freiem Himmel: ..Mach' dich auf, wirf ab den Staub, zieh' dein Prachtkleid an, mein Volk! Weine nicht, klage nicht, denn dein Licht erscheint, die Glorie Gottes bricht herein!" Von diesen geweihten Trümmern hallt die Stimme wieder in den Ohren des jüdischen Volkes auf dem ganzen Erdenrund. Von dem einsamen Orient verbreitet sie sich nach dem fernen Abendland, theure und fromme Erinnerungen des Glücks sowohl, als schmerzliche Gefühle erweckend, alle vergessenen Schrecken, alle entschwundene Herrlichkeit in die Erinnerung zurückrufend und das Herz sowohl mit tieferer Theilnahme an den Leiden Israels, als mit einem lebhafteren Gefühl der Solidarität an seinem Glück und Schmerz erfüllend. Es waren der Thränen nicht wenige, welche während dieses herrlichen Liedes floflen. In meiner Heimath habe ich manches Lied gehört, welches den Schmerz über das traurige Verhängniß unserer Nation zum Ausdruck brachte; keines aber hat sich so unauslöschlich meiner Erinnerung eingeprägt, als das, welches ich zu Jerusalem in der Nähe der „Klagestätte" vernahm. Die Szene ist so ergreifend, so tragisch, daß kaum ein christlicher Tourist verfehlt, der westlichen Mauer am Freitag Abend einen Besuch abzustatten. Mancher derselben vermischt die Thränen seines Mitgefühls mit denen, welche jüdische Augen weinen. Es ist 3N3 nyssn my. Schon vor Mittag sind alle jüdischen Läden geschlossen, alle Handwerker verlassen ihre Werkstatt. Die Juden, welche in den Vorstädten wohnen, begeben sich schon nach den Synagogen. Aus welchem Grunde am Abend dieses Tages nicht an der „westlichen Mauer" gebetet wird, ist mir nicht bekannt. Man sollte ja meinen, daß dieser Unglücksabend sich besonders eignen würde, an demselben an dieser Klagestätte zu beten. Sei dem aber, wie ihm wolle, sowohl Sephardim als Aschkenasim sagen nwp (Klagelieder) in ihren Synagogen. Ich begab mich nach der portugiesischen Synagoge, welche bis auf den letzten Platz besetzt war; das Innere war gedrängt voll von Männern und die Vorhalle von Frauen und Kindern, alle in weiße Kleider gehüllt. Nachdem das anyo beendet war^ begann der Chasan die Klagelieder rD’N vorzutragen, wahrend die Gemeinde auf dem Fußboden saß. Als er an den Vers kam: D’DKTiD:» O7)y ’rvco ua’itnn, „In Finsterniß ließ er mich fitzen, wie längst Verstorbene" (Klagelied 3, 6) wurden plötzlich alle Lichter ausgelöscht und eine totale Finsterniß erfüllte die Räume des Gotteshauses. Feierliche Stillc, gleich der, welche einem Gewitter vorausgeht, herrschte ringsumher während einiger Minuten. Plötzlich wurde eine Stimme laut, welche spanische Verse recitirte. Der Vortragende weinte bitterlich. Kaum hatte er den ersten Vers beendet, als unter den Andächtigen ein jämmerliches Klagegeschrei ausbrach. Männer, Frauen und Kinder, Alle schienen außer sich zu sein vor Schmerz. Ich saß im Finstern inmitten dieser klagenden Menge und wider meinen Willen verirrten sich meine Gedanken in das Labyrint vergangener Zeiten. In meiner Phaniasie stand Jerusalem auf mit seinen Festungswerken, seinen im Bürgerzwist zerfleischten Einwohnern, hingerafft durch Hunger und bedroht durch grausame und unerbittliche Feinde. Ich sah jenen böswilligen Römer, welcher den ersten Feuerbrand in den Tempel schleuderte. Tumult entsteht in den Straßen — Blut, Feuer, Todesächzen, wildes Sieges ge schre i, Kettengerassel, das letzte Röcheln Sterbender, alles dieses zauberte meine Phantasie herauf. — Nach ungefähr einer Stunde hatte der Vortragende seine Lamentationen beendet und sofort wurde es ruhig und still in der Versammlung; nur eine alte Frau in der Vorhalle schluchzte noch dann und wann. Die Lichter wurden nun wieder angezündet und mit der Recitation der Klagelieder fortgefahren. Ich hatte mich später vergewissert, daß der Redner von der Schreckensszene, die sich bei der Tempelzerstörung und später bei der Austreibung der Juden aus Spanien zutrugen, sowie von den Leiden, welche diesen schrecklichen Ereignissen folgten, erzählt hatte. Um Mitternacht begaben sich die ältern Männer nach der „westlichen Mauer", um das übliche Mitternachtsgebet zu verrichten. Es war eine helle und klare Nacht, so daß man vom Berge Zion aus die ganze Umgegend überschauen konnte. Jenseits der Mauer erblickte man die Omar- Moschee und noch weiter den Oelberg, Jericho, Bethlehem und den Jordanfluß, während in der Ferne die Hügel Judäa's sichtbar wurden. Ein kräftiger Wind aus den Gebirgen zog wehklagend über die Wälle. Auf dem Oelberg bogen sich die Bäume vor dem Sturme, als wollten sie sich betend gegen die Tempelstätte verneigen. Auf der engen Plattform vor der Mauer stand eine Gruppe weißgekleideter Männer und Frauen, die wie Todte erschienen, welche den nahen Gräbern entstiegen waren. Eine dieser Personen las mit vor Thränen erstickter Stimme: \n ’Dip, „Auf, klage laut in der Nacht! Beim Anbeginn jeder Nachtwache ergieß' dein Herz wie Wasser vor dem Herrn. Hebe deine Hände zu ihm empor um des Lebens deiner Kinder willen, die vor Hunger verschmachten an den Ecken aller Straßen!" (Klagel. 2, 19.) Ein Chor von Klagetonen folgt diesen Worten. Der Wind seufzt, der Mond wirft seine blaffen Strahlen auf die phantastische Gruppe. In nicht weiter Ferne erschallt Harfen- und Flotenton, von einigen jauchzenden und tanzenden Türken angestimmt, die das Bairamfest feiern, jan welchem sie bei Tage fasten und des Nachts jubeln und zechen. Allmählich wächst der Haufe an der Klagestätte und bei Tagesanbruch hat das Gedränge auf der Plattform vor der Mauer seinen höchsten Punkt erreicht. Am Tage des 9. Ab ist kein öffentlicher Gottesdienst. Jeder nimmt sein Buch, welches die Klagelieder enthält, setzt sich auf die Erde und recitirt dieselben. Diese stille Andacht wird nur durch die Klagetöne der Frauen unterbrochen. Die Männer sind von dem Tragischen der Situation und von der tiefen Weihe des Augenblicks so durchdrungen, daß sie sich eine Linderung

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