Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 58 (20.7.1893)
- Date
- 1893-07-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448370--36752-2484787- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1113 Feuilleton. > Die drei Kronen. < Von H. Berger. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Es war ein regnerischer Tag und da die Landleute auf dem Felde nicht arbeiten konnten, waren die meisten zu Hause. Biele neugierige Blicke richteten sich deßhalb auf Louise, als sie jetzt mit zu Boden gesenkten Blick durch das Dorf g ng und gar manches Fenster wurde aufgerissen, um einem neugierigen Kopf zu gestatten, nachzusehen, wohin der Weg der Müllerin führe. Louise kümmerte sich um gar nichts; stille ging sie ihre Straße und blickte weder rechts noch links. Als sie an das Haus des Juden kam, pochte ihr Herz ganz gewaltig. Zitternd öffnete sie die Thüre zum Hofe und trat ein. Rahel ging gerade über den Hof, als Louise kam. Sobald als sie die Freundin erkannte, sprang sie auf dieselbe zu und rief: „Louise, Du hier! Was ist passirt?" Sie reichte Louise die Hand, welche sie zögernd ergriff und dann herzhaft schüttelte. „Du hast Recht", antwortete Louise, „es mußte erst etwas passtren, ehe ich hierher kam. Wo ist Dein Vater? Ich muß ihn sprechen." „Komm mit herein; Vater ist drinnen und er wird erstaunt sein, Dich hier zu sehen." Rahel schlang den Arm um die Freundin und beide stiegen die kleine Steintreppe, welche in's Haus führte, empor. Benjamin saß am Tische, als die Damen eintraten. Vor ihm lag ein großes Buch aufgeschlagen, aber Benjamin las nicht darin. Traumversunken starrte er über dasselbe weg in's Leere und als die Damen eintraten, fuhr er erschreckt zusammen. „Guten Tag, Herr Caro", begann Louise, „haben Sle einen Augenblick Zeit für eine Unglüäliche?" „Für das Unglück habe ich immer Zeit, mag es auftreten, in welcher Gestalt es auch sei", versetzte Benjamin, die junge Frau staunend betrachtend. „Wo befindet sich die Unglückliche?" „Sie steht vor Ihnen, Herr Caro", sagte Louise, ihn flehenden Blicks betrachtend, „und bittet um Beistand und Hilfe." „Sie, — Du Louise!" Benjamin sprang auf und streckte ihr die Hand entgegen; Louise griff nach derselben und wollte sie an die Lippen pressen; doch Benjamin duldete es nicht. Sanft nöthigte er die junge Frau, auf dem Sopha Platz zu nehmen, setzte sich ihr gegenüber auf einen Stuhl und sagte: „Die Tochter meines seligen Freundes soll nicht vergeblich in mein Haus gekommen sein. Was Dein Mann mir anch Böses zugefügt hat. Dir gegenüber sei es vergeffen; ich stehe ganz zu Deiner Verfügung; sprich, worin bedarfst Du meiner Hilfe?" „Worin?" fragte Louise seufzend, „in allem. Der Verwalter, dem mein Mann volles Vertrauen geschenkt hatte, hat uns schändlich hintergangen, betrogen und beraubt, die Bücher gefälscht, so daß ich rath- und mittellos dastehe und nicht weiß, was ich thun soll." „Auch das noch!" rief Benjamin aus. „Nun. so kannst Du ja Eure Ausstände etnziehen." Louise lachte bitterauf und sagte: „Ja, wenn noch etwas einzuziehen wäre; von überall her, wohin ich geschrieben habe, erhielt ich die Antwort der Betrag sei bezahlt und die Quittung des Herrn Verwalters stände behufs Einsicht zu meiner Verfügung." „Und die eingezogenen Gelder sind nicht gebucht?" „Nichts, gar nichts; seit drei Monaten sind die Bücher nicht angerührt worden." „Und was soll ich nun thun?" „€>, muß ich Euch das sagen, Benjamin? Helfen sollt Ihr mir; helfen den guten Namen meines seligen Vaters rein und fleckenlos zu erhalten, helfen, daß mein Name fleckenlos bleibe, wie seither. —" „Du trägst den Namen Deines Mannes; mag er besudelt und vernichtet werden; er hat es um mich nicht besser verdient. Wende Dich an seine Freunde, sie werden Dir helfen, denn noch ist die Zeit nicht gekommen, da der Wolf und das Schaf, Panther, Leopard und Reh friedlich neben einander weiden. Weißt Du, was er mir gethan hat, er, dessen Namen Du trägst? Schlimmer als der blutdürstigste grausamste Räuber mit seinem Opfer verfährt, ist er mit mir und den Meinen verfahren. Ein Schlag, ein Mefferstich, ein Schuß streckt das Opfer des Räubers nieder und das brechende Auge sieht nicht mehr die Gier, mit welcher er sein Opfer beraubt; ein rascher Tod macht seiner Qual ein Ende. Dein Mann ist schlimmer als ein Räuber und grausamer als der verruchte Mörder. Langsam, nach und nach, Zoll um Zoll mordet er sein Opfer und ergötzt sich an der Angst seiner Seele, an den Schmerzen seines gequälten Herzens. Zuerst mordet er es moralisch und materiell, untergräbt das Vertrauen zu ihm und ruinirt sein Geschäft, dann versucht er es seine Mitbürger gegen ihn aufzuhetzen — und mit Erfolg. Wie eine Meute beutelüsterner Hunde verfolgt die aufgeregte, irregeleitete Menge das unschuldige Opfer bis in sein