Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 53 (3.7.1893)
- Date
- 1893-07-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1017 „Ich dachte schon, unser Loos sei kaum zu ertragen; wenn ich aber höre, wie es unseren Brüdern im Osten ergeht, will ich mein Schicksal in Geduld und Ergebung tragen." „Nein, Vater", entgegnete Rahel, „das ist nicht das Rechte. Nur Feiglinge und Schwachköpfe setzen einer Verfolgung seitens böser Menschen Geduld und Ergebung entgegen und ich meine, gerade dieses Zusehen und Abwarten bis es schlimmer werden könnte, hat die Antisemiten so frech gemacht. Warum wehrt man sich nicht seiner Haut P Warum gibt man den Hetzern in den Versammlungen nicht die richtigen Antworten auf die von ihnen vorgebrachten Lügen und Gemeinheiten? Warum verbreitet man nicht Flugblätter, welche die Landbevölkerung über den wahren Werth der Antisemitenführer, über die letztenZiele des Antisemitismus aufklären? Warum geschieht seitens der Juden so wenig zu ihrer Verteidigung P" „Du hast Recht, meine Tochter, daß Du so fragst; Deine Jugend rechtfertigt diese Fragcn. Aber die Vorsicht, die Klugheit, das Vertrauen auf den endlichen Sieg der gerechten Sache lassen unser Schweigen in einem andern Lichte erscheinen." „O ja", entgegnete Rahel bitter, „Israel geht es wie den Schweizern. Erinnerst Du Dich noch des Schauspiels Wilhelm Tell von Schiller, welches ich Dir im Winter vorgelesen habe? Auch die Schweizer wollten warten und warten, bis die Bedrückungen der Vögte den höchsten Grad erreicht hatten. Da war plötzlich das Auge nicht mehr sicher in seiner Höhle, die Tugend des Weibes nicht mehr geborgen im Heiligthum des Hauses. Zuerst mußte der Vater Melchthals geblendet, die Frau des Baumgarten im eigenen Hause von jenem Bedränger tödtlich beleidigt werden. Soll es erst so weit kommen? Das ist eine feigherzige Vorsicht, die erst das Schlimmste herankommen läßt, ehe sie auf Abwehr sinnt!" „So weit wird es nicht kommen. Noch schützt uns die Regierung. —" „Ja, noch schützt sie uns. Aber wird sie es ferner können. Wenn diese Bewegung in immer weitere Kreise getragen wird, wird sie nicht bald große Volksmassen ergreifen, denen selbst die Regierung wehrlos gegenüberstehen wird? Ist es nicht leichter, ein kleines Schadenfeuer als einen großen Brand zu löschen." „Du siehst zu schwarz", meinte der Vater; „der gerechte Sinn des deutschen Volkes. —" „O, Vater, wie kindlich denkst Du doch von den Menschen. Ueberall, wo die Leidenschaften der Menge in Betracht kommen, da steht es schlimm um die Gerechtigkeit, und wer sich an die Leidenschaften des Volkes wendet, der weiß es wohl, daß er auf dessen gerechten Sinn nicht zu zählen hat." „Aber was sollen wir thun?" „Das kann ich Dir nicht sagen, mein Vater. Das müssen kluge und gewandte Männer unseres Volkes wissen. Eine Nothwehr ist's, die man uns aufzwingt, und heute haben wir noch die Sympathteen der Edleren und Besseren des deutschen Volkes; ob's in einem Jahre noch so ist, wer vermöchte es zu sagen. Böses Gift in einen gesunden Körper gebracht, macht auch diesen krank." Benjamin schwieg. Die Worte seiner Tochter hatten ihn überzeugt, daß die Gefahr größer sei, als er seither angenommen und er beschloß, so bald es ihm möglich wäre, in die Stadt zu reisen und mit gleichgesinnten Männern die Sache zu besprechen. Rahel war hinausgegangen, um in der Küche etwas zu besorgen. Das Küchenfenster, welches auf den Hof führte, stand offen und ohne es zu wollen, vernahm sie, was im Hofe zwischen ihrer Magd und deren Freundin verhandelt wurde. „Wenn Du bet dem Juden bleibsi", hörte sie die Freundin sagen, „so wirst Du bald keinen mehr haben, mit dem Du gehen kannst; Du wirst aus unserer Spinnstube ausgeschloffen und kein ordentliches Mädchen wird mit Dir verkehren. Also besinne Dich nicht lange und kündige morgen." „Aber ich bin zufrieden, habe einen guten Dienst, einen guten Lohn und gute Herrschaft. —" „Das ist uns alles einerlei; es sind Juden, und kein christliches, braves Mädchen. —" Mehr mochte Rahel nicht hören; sie schlug das Fenster zu und ging wieder in das Wohnzimmer, woselbst der Vater noch ihrer harrte. Sie erwähnte nichts, von dem, was sie soeben gehört hatte. Noch eine kurze Weile sprach sie mit dem Vater über häusliche Angelegenheiten und als die zehnte Stunde vom Kirchthum schlug, da begaben sie sich zur Ruhe. XIV. Die Reise des Bürgermeisters nach der Residenz hatte manche Folgen gehabt. Zuerst sah man jetzt zu jeder Tageszeit Gensdarmen durch das Dorf patrouilliren, welche mit größerer Strenge als sonst jedes Uebertreten des Gesetzes zur Anzeige brachten. Sogar während der Nacht streiften Patrouillen durch das Dorf und sorgten dafür, daß die polizeiliche Feierabendstunde stricte eingehalten werde. Einige Trunkenbolde, die sich dem strengeren Regiment nicht fügen wollten, waren schon verhaftet, ins Gefängniß abgeführt und zu Geld- und zu Freiheitsstrafen verurtheilt worden. Das hatte natürlich böses Blut gesetzt und auch dafür mußte der Jude verantwortlich gemacht werden. — Auch in der Verfolgung der Einbrecher wurde man jetzt wieder rühriger und neue Vernehmungen wurden