Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 51 (26.6.1893)
- Date
- 1893-06-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. Anlage M M 51 -es „Israelit". Leitender Artikel. Ein antisemitischer Prophet. Eine Betrachtung zum Abschnitt Balak von Rabbiner Dr. Carlebach (Lübeck). In unserer miD, welche der Anlässe zu Fragen und Erörterungen gar viele bietet, dürfte die schwerste und wichtigste Frage immerhin die bleiben, warum Gott n"3 einen Mann wie Bileam zum Propheten erkührt, auf ihn seinen Geist kommen läßt, auf dessen Zunge sein Wort legt? Schon die ältesten Erklärer befassen sich mit dieser Schwierigkeit und Raschi gibt uns die Antwort unserer Weisen wieder: „Damit die Nationen keine entschuldigende Ausrede hätten n. s. w." (zu V. 5). Unsere mosn legt uns vielleicht eine andere und sehr bedeutsame Erklärung nahe. Nachdem die zur messianischen Zeit erwartete Anerkennung Israels bei allen Völkern verkündet worden und Israels Rückkehr ganz und voll zu Gott geschildert ist, fährt der Prophet mit Cap. 6 fort, daß Gott ri"3 einen Prozeß habe mit seinem Volke und zwar vor den Stammvätern und -Müttern, welche ohne vorgängige Wohlthaten und Wunder Gott erkannt und verehrt haben, oder wörtlich, vor den Bergen und Hügeln, die aus der Vorzeit stammend, alles mit angesehen, was verhandelt werden soll. Unter den größten Wundern nämlich, wovon die Geschichte erzählt, ist das allergrößte, daß Israel Gottes Willen nicht in der von Gott gewünschten Weise erfüllt, und so der Aufgabe nicht gerecht wird. „Mein Volk," spricht Gott, „was habe ich nicht alles für dich gethan und wie gering ist doch die Gegenleistung, welche ich verlange, drum stehe mir Rede und Antwort." Und nun werden aus allen den Gotteswaltungen zwei Beziehungen herausgehoben, die Befreiung aus Egypten unter der Führung von Moses, Aaron und Miriam und die Pläne und Anschläge Balaks und Bileams, und dazu in Verbindung gebracht zwei Oertlichkeiten, Schittim und Gilgal, um aus diesen Gottes gerechte Waltungen zu erkennen. Wenn wir nämlich die Weltgeschichte in großen Umrissen betrachten, dann zerfällt sie in zwei Theile, entsprechend der Geschichte Israels; (ü’u v'3 -iSDD1? D’oy 2L' d*in »ja nosro) der 1. Thetl der Weltgeschichte geht bis zur Zerstörung des zweiten Tempels Md der Vernichtung unserer staatlichen Selbstständigkeit, der 2. Theil von damals bis heute. Der 1. Theil zeigt uns Israel unter stetem, sichtbarem Gottesschutz, mit Zeichen und Wundern, mit Propheten und Gottesmännern, dagegen die ganze übrige Menschheit befangen in Götzendienst und Aberglauben, bei aller hohen Bildung und Gesittung. Israels Lehre und Gesetz bleibt der übrigen Welt entweder gänzlich fremd oder begegnet höchstens ihrem Widerspruch und ihrer Verachtung. Ist es nun nicht wunderbar, daß in dieser Periode seiner Geschichte Israel nicht allezeit treu zu seinem Gotte stand? Auf wunderbare Weise zogen sie aus Egypten; durch Wunder wurden sie erhalten in der Wüste; durch Wunder zogen sie über den Jordan; mit Wundern nahmen sie das Land in Besitz; auf wunderbare Weise schützte Gott die Grenzen dieses Landes, wenn sie dreimal im Jahre hinaufzogen zu erscheinen vor Gottes Angesicht; auf wunderbare Weise brachte das Land jeweils im 6. und 48. Jahre das Dreifache seines Ertrags hervor; im Tempel erlosch nicht, in wunderbarer Weise, das Gotteslicht, kam in wunderbarer Weise Feuer auf den Altar; die Propheten sagten ihnen die Zukunft voraus, auf dem Brustschild ihrer Priester kam ihnen Antwort auf ihre Fragen; am nsan dv verwandelte sich jeweils das rothe Band in Weiß; auf den 17. Tammns fiel des ersten und zweiten Tempels Belagerung, auf den 9. Aw deren Zerstörung; kurz. Wunder reihte sich an Wunder und doch — das größte Wunder — Israel verließ immer und immer wieder seinen herrlichen, so laut und so sicher erhärteten Gottesglauben, verschmähte die reine, klare Quelle, „um sich Gruben zu graben, geborstene Gruben, die das Wasser nicht festhalten"!! Ist da des Propheten Frage nicht berechtigt: „Was haben denn eigentlich eure Väter an Mir Unrechtes gefunden, daß sie sich von Mir entfernt haben und dem Eiteln nachgingen, so daß sie selbst unnütz wurden", Hyv ipm '3 irip '3 O3'Nt3dr insd hd ^>3nn nrw?!! Und doch sollte sich noch ein größeres Wunder zeigen, und dieses Wunder bieten wir heute. Unser Staat ging in Trümmer, unser Temvel zerfiel in Asche. Der Mund der Propheten verstummte, der Gesang der Leviten hörte auf; die Priester kleideten sich nicht mehr in das Gottesgewand, Gottes sichtbare Wohnung war gewichen aus Israels Mitte, die sichtbaren Wunder hörten