Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 51 (26.6.1893)
- Date
- 1893-06-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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971 und die Armen und die Kranken sahen sie bald als ihren guten Engel an. Da war kein kranker Armer im Dorfe, für den Rahel nicht in ausgiebiger Weise Sorge trug, keine arme Wöchnerin, für welche sie nicht eine kräftige Suppe bereit hatte. Ihr Vater wußte nichts davon, sollte nichts davon wissen, denn er hätte ihr vielleicht die Ausübung der Mildthätigkeit erschwert, da die Familien der eifrigsten Antisemiten am tiefsten im Elend steckten und während die Antisemiten den Vater wie Bluthunde verfolgten, genossen deren Frauen und Kinder die Wohlthaten, welche die Tochter ihnen erzeigte. Sie wollten nicht wissen, wer der gute Engel sei, dem sie Dank schuldeten, weil sie sich sonst hätten verachten müssen, da sie Gutes mit Bösem vergalten. Da brach eine böse Krankheit unter den Kindern im Dorfe aus, welche in kurzer Zeit viele Opfer forderte. Fast in jedem Hause lag ein kleiner Patient und die Trauer um diejenigen, welche der kühle Rasen schon deckte, war groß. Rahel hatte keinen Augenblick Ruhe. Von Haus zu Haus ging sie, tröstend, Hilfe spendend, und Verhaltungsmaßregeln ertheilend. Wo sie erschien, verschwand für eine kurze Zeit die Sorge und die Hoffnung kehrte ein in die sorgenvollen Herzen der Mütter, deren Lieblinge an der Krankheit daniederlagen. Wohl schickte der teutsche Bauernverein täglich einen Arzt ins Dorf, der die Kranken besuchte, deren Vater sich offen zur Partei der Antisemiten bekannte, aber der Arzt betrachtete die Sache als Geschäft und behandelte die Kranken geschäftsmäßig. Mit brutaler Offenheit sagte er da, wo das Ende erwartet werden durfte, dieses den Angehörigen und raubte ihnen jeden Trost und jede Hoffnung, um sich einen Weg zu ersparen und vergeblich bemüht zu werden. Diesen armen Eltern erschien Rahel wie ein Engel des Himmels, und wenn sie auch das Leben des Lieblings nicht retten konnte, so gab ihr Trost und ihr Zuspruch den gebeugten Eltern doch die Ergebung in den Willen Gottes^ Eine traurige Zeit war über das Dorf gekommen. Die Ernte war mißrathen, Krankheiten waren auch unter dem Vieh ausgebrochen und haltenden Bauern großen Schaden zugefügt; die schon vorhin erwähnte Kinderkrankheit bedrohte noch immer die Kleinen und die Bauern wußten sich keinen Rath. Martini kam heran und die Zinsen sollten bezahlt werden. Wenn in früheren Jahren ein solcher Nothstand ausgebrochen war, so hatten sie bei Benjamin immer Hilfe gefunden. Entweder hatte er selbst sein Geld hergeliehen, oder er hatte reiche Glaubensgenossen dazu veranlaßt unter seiner Bürgschaft den nothleidenden Bauern Gelder vorzustrecken. Doch in diesem Jahre war Benjamin für Niemand zu sprechen. Er war wohl bereit, Frucht und Vieh zum hohen Marktpreis zu kaufen, weigerte sich jedoch entschieden, irgend welche Geldgeschäfte zu machen, oder fällige Zinsen und Gelder zu stunden. Zum größten Unglück wurde auch noch wegen der ausgebrochenen Klauenseuche die Viehsperre über das Dorf verhängt, so daß die auswärtigen Metzger und Viehhändler wegblteben und die Bauern selbst gesundes Vieh nicht verwerthen konnten. Eine furchtbare Erbitterung bemächtigte sich ihrer; sie suchten den Sündenbock, dem sie die Schuld an ihrem Unglück aufbürden konnten und die Antisemiten hatten ihn bald gefunden. Lebte nicht immer noch der Jude im Dorf, der Mann, dessen Tochter so verderblichen Einfluß auf die Frauen und Kinder hat, der bei diesem gräßlichen Nothstand das Herz hat, seine vollen Taschen zu verschließen und die verlangte Hilfe zu verweigern? War es nicht ein gottgefälliges Werk, diesen Juden zu vertreiben, ihm sein ruchloses Handwerk zu legen. Konnten nicht dann Christen den Verdienst einheimsen, an dem sich nun der Jude bereicherte? Die Hetzer wußten die Leidenschaften der Bauern, den Neid und die Habsucht wohl zu erregen, so daß der Boden, auf welchem Benjamin stand, einem Vulkane glich, der jederzeit auszubrechen drohte. Rahel gab sich keiner Täuschung hin. Auch sie wußte, daß jede Wohlthat, die sie ausübte, Anlaß zu hämischen Bemerkungen gab und trotzdem ließ sie nicht nach in ihrem Bemühen. Das beste Mittel, Kummer und Schmerz zu vergessen, ist die Arbeit und als Rahel's Arbeit ein wenig nachgelassen hatte, da schien sie überwunden zu haben. Mit Ruhe konnte sie jetzt an den Geliebten denken und an die Abfassung des Briefes gehen, der jenem ihren Entschluß verkünden sollte. Es fiel ihr schwer, sehr schwer, die erste Liebe ihres Herzens ersticken zu müssen, aber sie war eine echte Tochter unseres Volkes und das Wort des Vaters hatte für sie Geltung, gleich dem Worte Gottes. So ging eines Tages der Brief ab, der das Urtheil über das Lebensglück zweier Menschen enthielt. Es war an einem Sonntagmorgen. Die Glocken läuteten zur Kirche und die gläubigen Dorfbewohner eilten in Schaaren ins Gotteshaus. Nur die kleinen Kinder, die Kranken und deren Pfleger und Pflegerinnen blieben zu Hause. Auch Louise war auf dem Wege zur Kirche. Sie war allein, denn schon in aller Frühe war ihr Mann nach W. gefahren, wo man heute einen der bedeutendsten Antisemiten, den Hofprediger M. erwartete. Louise hatte sich sehr verändert; sie war kaum wiederzuerkennen. Langsam schlich sie die Straße entlang und als sie endlich das Kirchlein und ihren Kirchenstuhl erreicht hatte, hatte der Gottesdienst schon begonnen. Aufmerksam lauschte sie den Worten