Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 50 (22.6.1893)
- Date
- 1893-06-22
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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964 Frage, ob ihm wohl je schon in seiner Praxis eine so ab- * surde Forderung vorgekommen sei. Der Angeredete schwieg einen Augenblick, dann entgegnete er lächelnd: „Vor meinem Beth-Din ist ein solcher oder ähnlicher Fall allerdings noch nie vorgekommen. Aber er ist doch nicht so selten wie man glauben sollte, ja man kann ohne Uebertreibung sagen, er kommt täglich millionenmal vor und zwar ganz in der Weise, wie er sich bei Euch zugetragen hat. „Gott, gesegnet sei er, und der Mensch mit seinem doppelseitigen Wesen, mit Körper und Geist bilden eine aus drei Faktoren bestehende Verbindung, ganz wie die von Euch geschilderte. Der Zweck dieser Verbindung ist Gutes auf Erden zu fördern. Die Mittel hierzu, das ganze Betriebskapital, Gut und Blut, alles was erforderlich ist, um den Pflichten und Aufgaben dieser Vereinigung nachzukommen, gewährt Gott. Körper und Geist sind an und für sich schwach und hilflos, was sie zu leisten vermögen, verdanken sie dem großen, vielvermögenden Alliirten, der sich mit ihnen verbunden hat. So bemerken ja die Weisen zu den Worten in Hiob (Cap. 41, 3): „Wer ist mir je znvorgekommen, daß ich ihn bezahlen mußte?" Wer hat je seinen Sohn beschneiden lasten, ohne daß ich ihm vorher den Sohn gegeben hätte, wer hätte je eine Mesusa an seiner Thür befestigt, ohne daß ich ihm vorher eine Wohnung gegeben hätte, wer hat je Zizis an sein Kleid geknüpft, ohne vorher das Kleid von mir zu erhalten?" — Die Mittel mit denen wir die Pflichten unserer Vereinigung nachzukommen vermögen, verdanken wir ausschließlich Gott Nicht einmal Hand und Fuß könnten wir rühren, ohne von Gott Kraft und Einsicht dafür zu haben. „Und da stellen nun Körper und Geist noch ihre maßlosen Ansprüche an Gott und verlangen auf Grund ihrer Verbindung, was sie für alle denkbaren Bedürfnisse des Lebens gebrauchen und noch mehr als das. „Der Allgütige gewährt ja nach seinem Ermessen, wie er das Leben schenkt auch die Mittel zum Leben. Aber das genügt den Klägern nicht. Sie klagen Gott an, daß er ihnen nicht mehr, daß er ihnen nicht just die Summe in der Höhe gegeben, wie sic ihnen gerade vorschwebt. „Haben sie ein Recht dazu? Haben sich Körper und Geist durch eine Einlage irgend welcher Art ein solches Recht erwirkt? Doch gewiß nicht. Hat sich die Vereinigung so reich an Erfolg und Gewinn bewährt, daß mit Rücksicht darauf ein solcher Anspruch gerechtfertigt wäre? Uebersteigen die Passiva nicht die Aktiva, wird das etwa geübte Gute nicht reichlich ausgewogen durch das vielfach begangene Unrecht? Heben diese notorischen Verluste die bescheidenen Gewinne nicht in einer Weise auf, daß selbst die von Gott gewährten Mittel als eine Gnade zu betrachten sind, nach dem Worte des Psalmisten: „Dein o' Gott ist die Gnade, denn du zahlst dem Manne, als ob er etwas geleistet hätte?!" Wahrlich nichts zu fordern, zurückzuzahlen hat jener, von dem, womit ihn Gottes Gnade überschüttet, wenn erst unser großes Schuldbuch entscheiden soll, das sich selber öffnet und sich selber verliest, in welches jeder mit eigener Hand sein Soll und Haben eingetragen hat! „Und wenn wir in unentwegter Treue vom ersten Habnenruf der Jugend bis zum letzten Abendroth des Lebens im Dienste Gottes ständen, häiten wir wirklich bei dieser eigenartigen Verbindung einen Schimmer von Recht einen höheren Lohn zu verlangen? Dabei aber sind wir doch weit davon entfernt, auch nur irgendwie behaupten zu können, wir widmeten unsere ganze Ze>t und Kraft dem Lebensgeschäfte, das uns mit Gott verbindet und für das wir so gut bezahlt zu werden verlangen. Wie viel, wie wenig widmen wir von den 24 Stunden jenen höchsten Zielen des Lebens, durch welche das Gute und Edle auf Erden gefördeit wird! Der größte Theil der Zeit und Energie gehört unseren eigenen Geschäften, Genüssen, Wünschen und Neigungen, und nur ein verschwindender Bruchtheil bleibt für die Hochzwecke des Daseins frei, für welche doch diese ganze Vereinigung gestiftet wurde. Mit welchem Feuer, mit welcher Kraft stürzen wir uns auf die Befriedigung dieser unserer persönlichen Anliegen und wie kalt und schlaff und lässig treten wir ein, wenn es sich um Erfüllung derjenigen Pflichten handelt, die jene Verbindung auferlegt! .Was aber dieser unserer Anmaßung die Krone aufseßt, das ist die niedere Gesinnung, mit welcher wir unsere Ansprüche mit Scheingründen ausstatten. Weil diesem und jenem das von Gott bewilligt wird, was er uns versagt hat, daraus leiten wir das Recht ab, für uns daffelbe zu verlangen und halten uns dabei vielleicht noch für bescheiden, weil wir nicht das Doppelte fordern. „Wir fragen uns nicht, ob der Andere es vielleicht verdient hat, reichlicher bedacht zu werden, ob wir vielleicht es nicht verdienen, besser bezahlt zu werden, wir murren über die ungleiche Vertheilung der menschlichen Güter, sind für keine vernünftige Erwägung zugänglich, bedenken nicht, wie unser ganzes Gebahren uns noch dasjenige verscherzt, was uns in seiner Gnade Gott heute gewährt und fordern mürrisch unsere 400 Rubel per Monat: ist das nicht in noch höherem Grade als Euer Erlebniß ein überaus curioser Rechtsfall?" IF Anzeigen. "W> mr Für de« folgende« Theil ist die Redaetio« nicht verantwortlich, -m ü'ir Küche und Hansar- WlUUUjUl beit gesucht. Fra« Siegmund Moritz, 3820) Mainz. Fleischer-Lehrling jüdischer Eon efsion ges. Off. u. 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Verantwortliche Redaction: OScar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Aktien-Gesellschaft in Mainz.