Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 50 (22.6.1893)
- Date
- 1893-06-22
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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962 Worauf aber der Bericht besonders die Aufmerksamkeit der Leser zu richten wünscht, ist der notwendig gewordene Neubau, von dem wir hier eine Abbildung geben, ein recht einfach aber doch architektonisch schön wirkendes Gebäude, welches die Zöglinge im Juli d. I. s. G. w. beziehen werden. Wir lassen über diesen Punkt die 28orte des Berichts folgen und hoffen, daß bisher Fernstehende fich, je nach ihren Kräften, bei einem Werke betheiligen werden, das wie kein anderes besser geeignet ist, Elend zu mildern und Gutes zu fördern. Der Bericht lautet: „Im vorjährigen Bericht konnten wir von dem Ankauf eines großen und schöngelegenen Grundstückes für den Bau eines eigenen Heims für unsere Zöglinge Mitteilung machen; jetzt sind wir imstande zu berichten, daß das Haus bereits unter Dach gebracht ist und voraussichtlich im August d. I. wird bezogen werden können. Leider war es dem wackern und gewissenhaften Leiter des Baues, Herrn Architekt Ph. Striegler aus Frankfurt a. M., der sein bestes Wollen und Können daran gesetzt hat, ein zweckmäßiges und zugleich äußerlich ansprechendes Gebäude ohne zu große materielle Mittel in Anspruch zu nehmen, uns herzustellen, nicht vergönnt, die Vollendung dieses seines Werkes zu sehen. Er starb während der Bauzeit im rüstigen Mannesalter; die Anstalt wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Sehen wir nun auch in der Fertigstellung des eigenen Heim langgehegte Wünsche in Erfüllung gehen, so kann die Freude darüber uns nicht über die schwere Frage hinwegtäuschen: Werden auch die Mittel geschafft werden können, welche das Haus erst wirklich zu unserm Eigentum machen? Und hier wenden wir uns nun zuversichtlich an die Herzen unserer Glaubesgenoffen, an die noch nie vergeblich appelirt worden ist, sobald eS sich um ein Werk der Menschenliebe und der Wohlthätigkeit handelte. Zuerst an Euch, die Gott mit Glücksgütern gesegnet, die Ihr eine Schar fröhlicher Kinder um Euch erblühen zu sehen das unendliche Glück habt; wenn Eure Kinder Euch so recht lebensfroh und innigheiter in's Auge blicken, dann gedenket derer, die von doppeltem Elend heimgesucht sind, der Kleinen, denen die Not das Auge nicht fröhlich aufleuchten läßt und die, wollten sie einmal freudig aufblicken, vergebens das Auge des Vaters, das mild lächelnde Antlitz der Mutter suchen. — Dann zu Euch, denen das Leben die schwerste Prüfung auferlegt hat, indem es ein geliebtes Kind für immer Euch genommen; wollt Ihr den herben Schmerz stillen und wirklich Trost finden, gedenket der armen verlaffenen Waisen, werdet ihnen Vater, Mutter, tragt dazu bei, daß sie in ihrer Kindheit nicht den Schmerz fühlen, ohne Eltern zu sein. — Und endlich Ihr, denen bei allem zeitlichen Gut, der Kindersegeu versagt worden, nehmt Euch der Waisenkinder an, werdet diesen die geistigen Eltern; das Gefühl, in dieser Weise das Gute und Edle gefördert zu haben, wird Euch den Mangel eigener Kinder minder fühlbar machen. „Wer zur Erziehung fremder Kinder beiträgt, ist so gut als hätte er sie erzeugt und geboren." — Unsere Anstalt bietet der Wohlthätigkeit ein weites Feld! hier können Menschen sich einen Gedenkstein für ewig setzen; ihr Andenken wird für alle Zeiten bewahrt bleiben; wenn sie längst im Grabe ruhen, werden unschuldige und dankbare Kingerlippen an ihrem Sterbetage auch ein Gebet für sie zu Gott emporienden. Bemerken wir noch dazu, daß das Kinderheim nicht nur Verwaisten Aufnahme gewährt, sondern auch Kindern, die in ihrer Häuslichkeit in Gefahr kommen, der Verwahrlosung anheimzufallen, und daß es auch Kinder aufnimmt, die in andern Waisenhäusern keine Aufnahme finden können, so wird dies gewiß noch viele veranlassen, sich auch die Förderung des Kinderheims angelegen sein zu lassen, wenn sie auch ihrem eigenen Provinzial- oder Landeswaisenhause den schuldigen Tribut zollen. Die Verwaltung des Kinderheim besteht aus den Herren D. H. Appelt-Hall, Herrn. Cra mer-Frankfurt a. M., Louis Feist (Firma: Beer, Sondheimer u. Co.)in Frankfurta. M., LouisGold schmidt (Firma I. M. Bon) in Leipzig, Jul. Goldschmidt- Frankfurt a. M., Bankdirektor Carl Herzberg- Frankfurt a.M., Louis Mainz-Frankfurta.M., Rechtsanwalt Memelsdorf-Limburg, S. Mayer- Diez, Leop. Rosenthal-Diez, Prof. Dr. A. Sulzb a ch-Frankfurt a. M., von den jeder der Herren bereit ist, Gaben für das Kinderheim in Empfang zu nehmen. *** Gin curtofer Mechtsfall'. +** Mitgelheilt von Robert Hänlein. Vor einem russischen Rabbiner, der die Vermögensrecht' lichen Streitigkeiten seiner Gemeinde nach dem Gesetze der Thora zu entscheiden hat, erschienen drei Männer, die geschäftlich associrt waren, um ihn als Richter anzurufen. Zwei der Eompagnons waren persönlich erschienen, der dritte ließ sich durch einen Anwalt vertreten. „Wir haben", hob der eine der beiden Eompagnons an, „eine Streitigkeit, die jetzt schon längere Zeit dauernd, und die durch Eueren Richterspruch entschieden werden soll." „Wer von Euch ist Kläger?" fragte der^ Rabbiner. „Nach jüdischem Rechtsgrundsatze muß der Kläger immer zuerst gehört werden, deshalb muß ich dieses vor allen Dingen wissen, bevor über die Streitsache selbst ein Wort fällt." „Kläger sind wir beide", sprechen einstimmig die persönlich erschienenen zwei Associe's. „Wir haben gegen unseren hier vertretenen dritten Eompagnon eine Forderung geltend zu machen, welcher er trotz unserer wiederholten Vorstellungen nicht nachzukommen gewillt ist, weßhalb wir genöthigt sind, die Hilfe des Richters zu suchen. Wir verlangen nämlich zur Bestreitung unserer Haushaltungskosten monatlich die Summe von 400 Rubel, während er uns nur 20 Rubel bewilligt. „Mit wie viel Capital seid ihr bei dem Geschäfte betheiligt?" fragte der Rabbiner. „Mit Capital", antworteten die Gefragten, „sind wir bei dem Unternehmen gar nicht betheiligt. Wir sind von Hause aus unbemittelt, der eigentliche Capitalist ist eben unser dritter Theilhaber. Er hat das gesammte Capital in Hän-