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Der Israelit · 1893-06-22 · Heft 50 (22.6.1893) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 50 (22.6.1893)
Date
1893-06-22
Page
– (sequence 18)
Language
German
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958 nach allen Einzelheiten glauben, untrügliche Daten zu erlangen. Paulus Meyer, früher David Leib Aschkenazi, ist der Sohn eines jüdischen Thoraschreibers (Sofer) in Brzeß litewskt. Von seiner frühesten Kindheit an zeigte er einen so schlechten Sinn in seinen Neigungen und seinem Betragen, daß er von seinen Eltern und Bekannten als Auswurf betrachtet ward. Er war eine Plage für seine früh verwitwete Mutter und seine Angehörigen. In den Knabenjahren nahm ihn ein Oheim in Ostrow zu sich. Dort weilte er einige Zeit, und aus jenen Tagen rührt auch seine Bekanntschaft mit der Oertlichkeit und dem Namen des gewesenen Rabbiners und seines Bedienten. Bald lief Paulus Meyer seinem Onkel davon, und nun führte er ein unstetes, abenteuerliches Leben. Man verheirathete ihn später mit einem anständigen, fromm erzogenen Mädchen, er schied sie aber schon nach einigen Monaten und lief wieder davon. So verbrachte er einige Jahre, ein Vagabundenleben führend, bis er sich vor ein paar Jahren nach Berlin verschlug, wo er sich taufen ließ und jene fieberhafte antisemitische Thätigkeit entfaltete, die ihm seither eine so zweifelhafte Berühmtheit verschafft hat. (Fr. Bl.) M a r o c c o. Mogador, 12. Mai. Die Lage der Juden in Marokko ist eine sehr traurige. Der Gouverneur fahrt immer noch fort, den marrokanischen Juden die Wunder der Knute zu zeigen. Einer Reihe von Unterbeamten dieses Tyrannen liegt keine andere Beschäftigung ob, als — auf einen Wink des Richters — an den im Saale der Justitia erscheinenden Juden mit dem Kantschu eine Justiz ohne Erbarmen zu üben. Kein Tag vergeht, an welchem solche unerhörte Mißhandlungen nicht gemeldet würden. Angst und Schrecken liegen auf der israelitischen Bevölkerung Marokkos. Mit falschen Anschuldigungen erpreßt man von denselben ihren Leib und Leben, ihr Hab und Gut. — Ein Mohammedaner stellt arglistig die Behauptung auf, daß ihm ein Jude, sei er nun Handwerker oder Kaufmann, eine Summe Geldes schulde, die er dem Ersteren geliehen resp. dem Letzteren zur Anfbewahrung gegeben habe. Entweder zahlt der Israelit die ihm ungerechter und betrügerischer Weise abverlangte Summe gutwillig, oder aber er hat im Weigerungsfälle zu gewärtigen, daß er vor den Richter geführt wird, der ihm alsdann eine wunderwirkende Knutenkur zu Thetl werden läßt. In diesem Falle entrichtet der Jude nach dieser Procedur — gezwungen — die von ihm erpreßte Summe, und nun hat er für den Spott — da er jetzt den doppelten Schaden hat — nicht mehr Sorge zu tragen, denn nun wird er erst — in eisernen Ketten gefesselt — ins Gefängniß transportirt. Am Vorabend des Osterfestes wurden einem Juden auf Geheiß des Gouverneurs 600 Knutenhiebe ertheilt, — weder der Gouverneur noch der Jude wußten den Grund für diese Prozedur; am 25. April wurden zwei Israeliten je 1000 Schläge zudtktirt 2C. rc. O, Herr! — Laß schon genug sein des grausamen Spiels! — Ein Brief des Sultans an den Fürsten, in welchem Ersterer denselben ersuchte, die israelitischen Unterthanen milder zu behandeln, sowie ein Schreiben des Ministers an die Juden Marrokkos, sind, wie der A. Z. d. I. geschrieben wird, nicht in die Hände ihrer Adressaten gelangt, trotzdem die Briefe schon in einer Reihe von Zeitschriften veröffentlicht worden. Beamte haben die Schriftstücke unterschlagen und vernichtet.— Zum Nachfolger des portugiesischen Vicekonsuls, welcher vor einigen Monaten verschieden, wurde unser verehrter isr. Mitbürger Signor David Kubiza ernannt. — Unser allverehrter, ehrwürdiger Rabbiner, Herr Rob. Almasiat, österr.- ungar. Konsul, reifte am 2. Mai nach Tanger, von wo aus er sich auf einem englichen Schiffe nach Spanien etnzuschiffen gedenkt, um sich von seinen europäischen Glaubensgenossen Rath und Hilfe zu erflehen. Mögen seine Bemühungen von Erfolg gekrönt sein! Vermischtes. Wien. Das fünfzigjährige Jubiläum der israelitischen Kinderbewahr-Anstalt wurde am 28. Mai in ungemein solenner Weise abgehalten. Jeder Jugend- und Menschenfreund konnte sich mit vollster Seele dieser Feier freuen. Wem weitet sich nicht das Herz, so er der Festschrift entnimmt, daß während der verronnenen Zeit d e Zahl der Zöglinge, die doch sämmtlich den Hütten der Armen und Aermsten entnommen sind, die stattliche Höhe von 1,337.290 erklommen hat, daher auf jeden Tag durchschnittlich 132 Kinder kommen, die der Noth, dem Mangel, dem Hunger, der leiblichen und geistigen Verwahrlosung entrissen, die genährt und belehrt wurden, denen die kindliche Lust und der Frohsinn ihres Alters durch den Segen edler Menschm erhaltenblieb.—Segensei dem Andenken des hochherzigen Gründeis und Stifters Herrn Josef Ritter von Werlheimer. In dieser seiner Humanitären Schöpfung hat er sich ein Ruhmesdenkmal für alle Zeiten gestellt. Die Anstalt erfreut sich des Allerhöchsten Protektorates Ihr. Majestät der Kaiserin. Zur Festesfeier erschienen in dem mit Fahnen und Festons geschmückten Gebäude: die Präsidentin des Vereines Baronin Sofie v. Todesco, Stadtrath Dr. Vogler als Vertreter der Stadt Wien, Gemeinderath I. C. Müller, LandeSfchulinspector Ryger als Vertreter der Schulbehörden, Herrenhausmitglied Ignaz Edler von Plener sen., Pfarrer Welzwich von der Pfarrkirche zum heiligen Leopold, Superintendent Reichsrathsabgeordneter Haase, ferner als Vertreter der Culrusgemeinde Vicepräsident Simon, Oberrabbiner Dr. Güdemann, Herr Hildburghäusser mit Gemalin, dann Herrenhausmitglied Baron Königswarter mit Gemalin und der gesammte Ausschuß des jubilirenden Vereines, Commerzialrath Stiaßny, Sigmund Ritter von Bauer, Director v. Jauner u. a. m. New-?)ork. Der Antisemitismus ist auch nach Amerika gekommen und zeigt seine Wirkungen.

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