Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-06-19 · Heft 49 (19.6.1893) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 49 (19.6.1893)
Date
1893-06-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448362--36567-2484600
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

034 Jahre abgelaufen ist. „Niemand geht auf den Geist seines Lehrers voll und ganz ein, bevor er das vierzigste Lebensjahr erreicht hat." Wer daher den Geist gebildet hat von frühester Jugend an, wer ihn bereichert zmd für ihn gelebt hat zur Zeit als noch der Körper seine vollen Rechte geltend machte, den beirrt das Schwinden der Körperkräfte nicht, denn er fühlt die Schwingen des Geistes wachsen und sieht ihn in kühnem Fluge sich über die Misöre des Lebens erheben. Je älter der Kenner der Thora wird, desto näher rückt er seinem Lebenselement, desto reicher weiß er sich an den wahren Gütern des Lebens, um so weiser wird er. Wer aber nur dem Körper und seinen Ansprüchen gelebt hat, für den Geist und seine Ansprüche nicht Zeit und Sinn, nicht Bedürfniß und nicht Befriedigung hatte, dem sind die Tage des Alters die Tage, an denen er kein Wohlgefallen hat. Er sieht die Reize schwinden, die ihm so lange zugelächelt, er sieht die Stützen und Säulen brechen, auf welche er so fest gebaut hatte, es bleibt ihm nichts übrig, als sich noch fester an die Thorheit seines bisherigen Lebens zu klammern, er wird noch thörtchter, als er in der Jugend war. Aus alledem ergibt sich, daß es nicht das Alter an und für sich ist, welches zum Lehramt berechtigt, sondern die Erfahrung, die mit dem Alter naturgemäß verbunden sein kann, sie ist es, welche es befähigt, Lehrer der Jugend zu sein. Ein Alter ohne Erfahrung, ein Leben, das nicht denkend und forschend die Geschehnisse der Tage und Jahre verwerthet, ein solches Alter schützt vor Thorheit nicht. Ihm ist gewiß die Jugend vorzuziehen, die frühzeitig schon dem Ernst des Lebens Rechnung trägt und ihre Erfahrungen Anderen lehrend mittheilen möchte. Dieser nur bedingten Werthschätzung des Alters und der Jugend gibt Rabbi in dem nun folgenden Väterspruch Ausdruck. ar u vrw no3 pjpn bnDn bn "idin "qt .u j’N tnn irsNs? jbh ]#’ t<b□ unn ipjp Rabbi sagt: „Achte nicht auf den Krug, sondern auf den Inhalt, ein neuer Krug kann voll mit Altem sein und ein alter kann nicht einmal Neues enthalten." So naheliegend die Wahrheiten auch sind, welche diese beiden Sprüche lehren, so vielfach wird gegen sie gesündigt. Man kann sagen, daß der Abfall und Verfall, wie er sich seit den jüngsten Generationen innerhalb der Judenheit vollzieht, im Grunde genommen, nur in der .Verkennung der hier gelehrten Wahrheiten wurzelt. Während die erprobte tausendjährige Väterweisheit darauf dringt, Belehrung bei den Alten zu suchen und die Weisheit der Jugend als unreif und ungeläutert bezeichnet, hat die sogenannte Reform des Judenthums den umgekehrten Weg eingeschlagen. Sie verachtet die Lehren der Alten und begeistert sich für die Eingebungen der Neuen. Sie achtet nicht auf Kern und Inhalt, sondern stößt sich an der Form. Die Väter lehrten: p3 n\jp* mTiDi mTiD ohH „Wo die Jungen zu bauen glaubten, reißen sie nieder, während die Alten selbst mit ihrem Ntederreißen aufbauen." (Talmud Nedarim, fol. 40.) Dagegen hat unser Fortschrittsdünkel die ehrwürdigen, felsenfesten Bauten des jüdischen Alterthums abgetragen und sich beredet, mit den Kartenhäusern, die man an ihre Stelle gesetzt, Wunder von Bauwerken errichtet zu haben. Man hat den Reiz der Neuheit dem erprobten alten Ernste vorgezogen und hat als etwas ganz Selbstverständliches den alten Wein, weil er herb schmeckt, dem süß mundenden Most hintangesetzt. Man hat die alten Formen abgeschafft und neue Förmlichkeiten eingeführt. Man hat nicht den alten Wein in neue Flaschen gelegt, sondern hat den alten Wein geringschätzig hinweggeworfen, aber die neuen Schaalen und Hüllen sind leer an Sinn und Geist geblieben und befriedigen daher nicht einmal ihre Eifinder auf die Dauer. Aber die Ernüchterung ist auch diesem Rausche gefolgt und wenn nicht alle Zeichen trügen, so hat auch bei uns die Gährung der Geister und Gemüther bereits ihren Höhepunkt überschritten, welcher die Klärung folgen wird. vywyw pm mr.' »w rv3 nifos 'n crp ’d „Denn ein Weinberg des Gottes Zebaoth ist das Haus Israel und jeder jüdische Mann e!n Gewächs seiner liebenden Fürsorge." (Jesajas, Cap. 5, V 7.) Um aus der Frucht des Weinbergs den reinen Wein zu gewinnen, muß die Traube gepreßt, getreten und gekeltert werden, muß selbst der gewonnene Wein noch einen Läuterungsprozeß durchmachen, bei dem das dem Menschen Unzuträgliche ausscheidet, damit der reine, edle Theil sich frei erheben kann. In einer solchen Zeit der Läuterung befinden wir uns gegenwärtig. Sie ist das Morgenroth jener Zukunft, die keinen Druck, keine Trübung und Gährung mehr kennt. Es ist die Zeit des ivilvvn i" nwo 'v' nttwo d’3jj?3, in welcher die Traube schon den abgeklärten Wein in sich birgt, wie dies dem ursprünglichen Plan des Schöpfers schon seit der Weltschöpfung entspricht. Selbst dann wird somit die neue Zeit nur eine Verwirklichung unserer uralten Ideale bieten und erleuchtet vom Geiste unserer großen Altvorderern werden die Enkel, die so glücklich sind, sie zu erleben, sich in dem beglückenden Rufezusammenfindcn:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.