Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 46 (8.6.1893)
- Date
- 1893-06-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXIV. Jahrgang. Imelte Beilage M M 46 des „Israelis. Zeitungsnachrichten und Correspoudeuzen. Deutschland. Crefeld, 2. Juni. Gestatten Sie mir, geehrter Herr Redakteur, einige Anregungen zu gleicher Zeit auszustreuen: Eine Anzahl Berliner Herren hat vor einigen Tagen ein Preisausschreiben erlassen für die beste Jugendschrift über „Hillel und seine Zeit." Unsere Jugendschriftenliteratur ist gerade nicht besonders bedacht, und cs wird mit Freuden zu begrüßen sein, wenn sie durch eine wirklich werthvolle Gabe bereichert wird. Es wäre nur zu wünschen, daß man es den in den Wettbewerb eintretenden Schriftstellern zur Aufgabe gemacht, besonders die bürgerliche Berufsthätigkeit der zu zeichnenden Charaktere hervortreten zu lassen. Die sozial-politische Aufgabe des Judenthums im Augenblicke besteht wesentlich darin, immer weitere Kreise seiner Angehörigen einer produktiven Erwerbsthätkgkeit zuzuführen. Dieser Gedanke muß in der Schule durch Hinweis auf die Vorbilder in der Vergangenheit, und auf die Verhältnisse in der Gegenwart gepflanzt, gepflegt, gestärkt werden. Diesem Zwecke würden aber auch in vorzüglicher Weise Jugendschriften dienen, die sich die Verherrlichung von Ackerbau und Handwerk zum Ziele gesteckt haben. Das darf selbstverständlich nicht in nüchterner Tendenzmacherei geschehen, sondern im Geiste echter Dichtung. Greife man den Stoff aus der Gegenwart. Die Aus- und Einwanderungen der russischen Juden, ihr Leben, Mühen, Gedeihen auf einem selbstbebauten Boden, ihr Emporkommen aus eigner, unermüdlicher Kraft, das wäre ein ebenso dankbarer Stoff, wie seine rechte Verwerthung sich segenbringend gestalten würde. Möge es nicht an Federn fehlen, die sich dieser Aufgabe widmen, nicht an Gönnern, die sie fördern. Es hat zwar unlängst „ein Schulmann" die Meinung ausgesprochen, die Religionsschnle sei viel eher in der Lage, die Ziele des Religionsunterrichtes und damit diejenigen der religiös-sittlichen Erziehung überhaupt zu erreichen, als die Volksschule. Der Herr ist zu beneiden um seine ungetrübte Raivetät in Erziehungsdingen. Eine Widerlegung ist aber unnötig, weil jeder, der nur eine dezimale Kenntnis von Pädagogik besitzt, vom Gegenteil fest überzeugt ist. Die Gründe, die für die Errichtung und Bei behaltung jüd. Volksschulen sprechen, sind so häufig — auch von mir — erörtert und von Laien und Fachleuten als stichhaltig anerkannt worden, daß wir sie hier billig bei Seite lassen. Das jüdische Volksschulwesen Deutschlands ist aber so vielgestaltig und farbenreich, von so mannigfach wechselnden Bedingungen erzeugt und getragen, daß es für weite Kreise von wirklichem Interesse sein müßte, dasselbe eingehend kennen zu lernen. Eine derartige Darlegung würde zugleich den jüd. Seminarien eine Handhabe bieten für all' die Dinge und Verhältniffe, für welche sie ihre Zöglinge auszurüsten haben. Dem strebsamen Lehrer eröffnet sich ein weiter Blick. Er würde erkennen, daß für jede Kraft auf dem Volksschulgebiete ein geeigneter Wirkungskreis sich bieten kann und daß die Zahl der jüd. Schulen, auch der öffentlichen, durchaus keine kleine ist. Das statistische Jahrbuch des D. I. G. B. erwähnt zwar auch die Schulen, doch beschränken sich seine Angaben lediglich auf den Charakter der Anstalt und deren Zahlenverhältnisse und sind nicht durchweg zuverlässig. Eine Aufstellung, wie ich sie mir denke, soll alle Verhältnisse der jüd. Volksschule beleuchten, ihre Geschichte, ihre wesentliche Grundlage, den verschiedenartigen Charakter u. s. w. Ich würde mich zur Schaffung einer derartigen Uebersicht gerne mit einer Anzahl gleichgesinnter Kollegen aus den verschiedenen Landesteilen verbinden. Wie der Wochenabschnitt des nächsten Sabbats überzeugend nachweist, lassen sich eingewurzelte Unarten bei einem fertigen Geschlechte schwer ausrotten. Vorkommnisse aus jüngster Zeit lassen es aber als notwendig erscheinen, daß die geistigen und geistlichen Führer immer wieder gegen manche Dinge ankämpfen. Ich würde es für durchaus angebracht halten, wenn die Herren Rabbiner von Zeit zu Zeit „Hirtenbriefe" ergehen ließen (wie das die Herren Dr. Munk in Marburg und Dr. Meyer in Zweibrücken gethan) und deren Mahnungen unermüdlich auffrischten. S. Andorn, Hauptlehrer an der Volksschule 11 zu Crefeld. Literarische Umschau. (Schluß.) Eine Art Erbauungsbuch übergibt Frau Varo n i n I a m e - vonRothschild „Jugend-Gedanken. Aus den Heften eines jungen Mädchens" (Frankfurt a. M. 1893 I. Kauffmann) in zierlichem Gewand dem Publikum. In erster Linie ist das Buch für die Töchter der Verfasserin bestimmt, die gewiß das größte Interesse an dem haben werden, was ihre Mutter als achtzehnjähriges Mädchen niedergeschrieben hat. Die ethischen und religiösen Themata, die das Buch behandelt, legen für die verständige Erziehung, die im Hause Rothschild gepflogen wurde, das günstigste Zeugniß ab; freilich würde es für die jüdisch-religiöse Erziehung von größerer Wirkung sein, wenn über die Heilighaltung des Sabbat nicht nur gesprochen würde, sondern wenn die Mutter ihren Töchtern erzählen könnte, daß sie das Opfer gebracht, zu Gunsten dieses Tages auf eine Reise an demselben zu verzichten, ein Opfer, zu dem sie sich jedoch nicht entschließen konnte. — Eine Predigt, die Rabbiner i > LM