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Der Israelit · 1893-06-05 · Heft 45 (5.6.1893) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 45 (5.6.1893)
Date
1893-06-05
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XXXIV. Jahrgang. Erste Beilage M M 46 des ,Jsrnelit“. Leitender Artikel. Einige aufkkärende Worte »öer den Halmud. Von I. Eifenmann (Gail in gen). Zu den brennendsten Fragen der Gegenwart gehört unstreitig die Talmudfrage. Fast keine po^ littsche Versammlung vergeht, in welcher nicht über die jüdische Morallehre debattirt wird. Haben wir doch erst in jüngster Zeit im preußischen Abgeordnetenhause, das doch der letzte Ort ist, wo Glaubensstreitigkeiten ausgetragen werden sollten, Scencn erlebt, die uns lebhaft an das Mittelalter erinnern. Wie eine Art Konzil über jüdische Glaubenslehren und ihre Quellen hat sich bei der letzten Berathung über den Kultusetat das preuß. Abgeordnetenhaus benommen. Talmud und Schulchan Aruch schwirrten in den Debatten hin und her, und gestützt auf die absolute Unkenntniß wurden schwerwiegende Anklagen gegen das jüdische Gesetz von der einen Seite erhoben und von der andern zurückgewiesen. Das Traurigste an der Sache ist jedoch, daß sich im ganzen Parlamente auch nicht Einer befindet, der vom Talmud etwas versteht. Bei jeder andern Streitsache kann man bestimmt voraussetzen, daß der Kläger sowohl, als auch der Angeklagte das Streitobjekt näher kennen. Hier ist das Gegentheil der Fall. Gerade diejenigen, die auch nicht einen Schimmer von Kenntniß in Sachen des Talmud besitzen, fühlen sich am ersten berufen, unser Religionsgesetz zu schmähen, zu lästern und zu verlänmden. Wahrlich, das Herz muß einem bluten, wenn man daran denkt, wie das Judenthum, dessen anerkannter Ruhm es von jeher war, daß edelmüthige Aufopferung und thatkräftige Barmherzigkeit in seinen Lehren und Satzungen gelehrt und geboten und von seinen Bekennern geübt werden, verunglimpft und geringeschätzt wird. Man behauptet mit frecher Stirne, der Talmud gestatte den Juden die Uebervortheilung, Benachtheiligung und Unterdrückung der Nichtjuden, überhaupt sei das Judenthum die intoleranteste von allen Religionen. Leider haben solche Verdächtigungen von Seiten unserer Gegner zur Folge gehabt, daß mancher unserer eigenen Glaubensgenossen, der selbst den Talmud noch nicht einmal gesehen, geschweige denn studirt hat, zu der falschen Ansicht kam, diese ungerechtfertigten Angriffe am besten dadurch abwehren zu können, wenn er öffentlich erklärt, der Talmud habe für ihn keine Geltung mehr, derselbe bilde überhaupt nicht die dogmatische Grundlage der jüd. Religion. Mehr denn je ergeht daher in dieser bewegten Zeit, wo die Wogen des Antisemitismus so hoch gehen, au uns der heilige Ruf, in unfern Kreisen dafür Sorge zu tragen, daß die Liebe zu unserer heil. Religion und die Kenntniß derselben immer mehr erstarke, damit wir auch im Stande sind, eingedenk des Satzes : Da mah schetoschif leepikuros, wisse, was Du dem Gottesleugner zu erwiedern hast, für unseren Glauben und unsere heil. Sitte, dem Erbe unserer Väter, durch Wort und That einzutreten. Wollen wir es darum versuchen, indem wir folgende zwei Punkte: 1) Geschichte und Wesen des Talmud, 2) Verhältniß desselben zum Nichtjudenthum, näher behandeln, den wahrhaften Charakter des Talmud zu beleuchten. I. Geschichte und Wesen des Talmud. Der Talmud, aus Mtschna und Gemara bestehend, dessen Inhalt Gott dem Mosche mündlich lehrte, wurde Jahrhunderte lang nicht niedergeschrieben, sondern seit Moses Zeiten von Mund zu Mund, vom Lehrer auf den Schüler, vom Vater auf den Sohn fortgepflanzt, daher der Name, mündl. Lehre (Tora schebaal peh). Erst in Folge der Auflösung des jüd. Staates, sowie des Verfalls der großen Lehrhäuser zu Palästina, wodurch man befürchten mußte, ein Theil des mündlich überlieferten Gesetzes könnte in Vergessenheit gerathen, machte sich die Notwendigkeit geltend, den Schatz der überlieferten Gesetze und Erklärungen, Einrichtungen und Meinungen zu sammeln, zu sichten und niederzuschreiben. Schon um das Jahr 200 wurde die Mischna. das ist die Zusammenstellung des ganzen religionsgesetzlichen Stoffes der mündl. Lehre, durch den größten Gesetzeslehrer seiner Zeit Rabbi Jehuda hanasi, auch Rabenu hakodosch (heil. Lehrer), oder kurzweg Rabbi (Lehrer) genannt, der sich besonders durch seinen großen Wohlthäligkettssinn auszeichnete, niedergeschrieben. Die Sprache der Mischna ist wie die, welche Rabbi Jehuda in seinem Hause pflegte, jedoch ist dieselbe durch lateinische und griechische Ausdrücke, wie Antignos, Sumkos Tarfon u. s. w. bereichert. Die Ausdrucksweise ist klar, einfach und bestimmt. Die Mischnalehrer heißen Tanaim, auf sie folgen die Ainorami (Mischnaerklärer.) Die Mischna wird in 6 Ordnungen, wovon jede Ordnung wieder in Traktate, jeder Traktat in Abschnitte und jeder Abschnitt in Paragraphen zerfällt, etngetheilt dieselben heißen:

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