Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 44 (1.6.1893)
- Date
- 1893-06-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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die von aussen eindringen, gegen Leiden, die es von innen her erfasst. Diesem Uebel, das uns schon so unendlich viel Schaden bereitet, muss jetzt von Grund aus abgeholfen werden. Aber stellen sich dem nicht unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen? Gerade der Ackerbau ist ja eine Beschäftigung, zu der ein Jude erst erzogen werden muss, er erfordert grosse Geduld, welche dem abgeht, der im Handel und im lauten Geschäftsverkehr an schnelle Abwickelung seiner Angelegenheiten sich gewöhnt hat. Anders der Landwirth, der geduldig Zusehen und warten muss, bis die Natur vollendet, was er begonnen, der im Schweisse seines Angesichts säet und im Schweisse seines Angesichts erntet. Hierzu kommt die grosse körperliche Anstrengung, welche der Ackerbau den ihm Ergebenen zumuthet. Vor allen Dingen aber gebricht dem Neuling hier mehr als irgendwo anders der Vorzug langer Erfahrung. Wo soll nun der Jude, für dessen Ansiedelung in Argentinien Viele das Wort einlegen, und den sie dort in seiner neuen Heimath dem Ackerbau zuführen wollen, wo soll er' dort, so fragen wir, all’ dies, was ihm noch abgeht, lernen, wie soll er sich stählen für körperliche Arbeit, wie soll er die schwer zu erlernende Geduld sich aneignen, und womit und wann soll er die Erfahrungen erkaufen, die ihm so gänzlich fehlen, und die doch unerlässlich sind, wenn anders ihm nicht, um mit der Schrift zu reden, der Boden nur Dornen und Disteln hervorbringen soll? Gerade der Mangel an all’ diesen Voraussetzungen ist es ja, der den russischen Juden in der Fremde, wohin der flüchtige Fuss ihn auch führt, gleichviel, ob er nach Amerika oder nach Australien, nach Deutschland oder England verschlagen wird, überall wieder dem altgewohnten Handel in die Arme treibt, und der ihn alle Ackerbau-Kolonien, die man in der letzten Zeit dort errichtet hat, nur als lästige Vorstufen betrachten lässt, auf denen er zu Handel und Gewerbe emporsteigt. Jene Kolonien in Amerika haben Unsummen von Anlagekosten verschlungen, bei ihrer Begründung hat man es nach keiner Richtung hin an der nöthigen Umsicht fehlen lassen, und doch schlug das ganze Unternehmen fehl. Die Schule war gut, aber die Schüler waren nicht willig, und sobald sich dem „kolonisirten“ Juden eine günstige Gelegenheit bot, dann schlug er seinen Acker los, wie sonst irgend eine Waare, und errichtete aus dem Erlös ein „Geschäft“. Es genügt eben nicht, den Juden den Ackerbau zu lehren, wie sonst irgend eine technische Fertigkeit, man muss ihn dazu erziehen. Man muss ihn darum nach einem Lande schicken, welches einmal für den Kleinhandel keine Aussicht bietet, und dessen Boden andererseits wieder in den Augen des sich dort ansiedelnden Juden ein Heiligthum, ein unveräusserliches Erbthum ist, an dem seine Seele haftet mit allen'ihren Wuizeln und Fasern. Und das eben ist einzig und allein Palästina. Sollten ihm die grössten Opfer, die grösste Mühe daraus erwachsen, dort in Palästina wird der russische J ude nie seines Grundbesitzes sich entäussern, er wird ruhig Alles ertragen und erdulden, um nur an der Scholle haften zu bleiben. Und dass wir hier nicht bloss eine Hypothese aufstellen, die bald Gefahr läuft, durch die Erfahrungen des Lebens Lügen gestraft zu werden, das beweisen beredter als alle Deductionen die Thatsachen selbst. Während nämlich, wie wir soeben zu bemerken Gelegenheit hatten, die für Juden in Amerika errichteten Kolonien sammt und sonders es nicht über die ersten Jahre des Bestehens hinausbrachten, trotzdem sie reich dotirt waren und alle Hilfsmittel bereitwilligst den Kolonisten zur Verfügung standen, während dort also ein klägliches Fiasco zu verzeichnen war, sehen wir andererseits, wie die Kolonien in Palästina von ihrem ersten Anfänge an sich blühend entwickeln, trotzdem den Ansiedlern urspünglich keine Mittel zur Verfügung gestellt wurden, trotzdem sie unter beispielloser Entbehrung zu wirthschaften anfangen mussten, da sie nur den kahlen Boden ohne Häuser, ohne Vieh und ohne Ackergeräthe ihr eigen nennen konnten. Aber mit bewunderungswürdiger Energie, mit zäher Ausdauer, mit liebevoller Geduld widmeten sie sich ihrem neuen Berufe, und so erhielten sie sich aufrecht und brachten es durch langsame, aber gedeihliche Arbeit vorwärts, zu wohlhabenden Besitzern von gut bestelltem Acker und reichem Inventar. Keiner dachte daran, zu verkaufen, Jeder im Gegentheil war bestrebt, sein Besitzthum zu vergrößern, den Boden zu verbessern, die Landescultur zu heben, kurz, es entwickelte sich in Palästina, eben weil es dem Juden der heilige Boden ist, ein Fortschritt in der von ihm betriebenen Landwirtschaft., der eben wiederum zu dem Schlüsse führt: Wir müssen die russischen Flüchtlinge nach Palästina bringen; hier allein in dem Lande ihrer Väter werden sie aus Kleinhändlern wieder zu Ackerbauern werden. 4. Oekonomische Gründe. Aber auch wenn wir uns darauf beschränken, die vorliegende Frage vom rein wirtschaftlichen Standpunkte aus zu betrachten, — auch dann gelangen wir zu demselben Resultate, zu welchem die bisherigen Erwägungen uns geführt haben. Sehen wir einen Augenblick einmal von Palästina ab, so könnte nach Lage der gegebenen Verhältnisse etwa noch Süd-Amkerika mit ^seinen weitausgedehnten Ländergebieten, die des Anbaues harren, in Betracht kommen. Aber bald begegnet uns dort ein anderer Uebelstand. DerUeberschuss an Bevölkerung und Arbeitskräften, welche bisher Europa an die anderen Erdteile abzugeben