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Der Israelit · 1893-06-01 · Heft 44 (1.6.1893) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 44 (1.6.1893)
Date
1893-06-01
Page
– (sequence 26)
Language
German
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Die Kolonisation Palastina’s Palästina oder Amerika? (I. Fortsetzung.*) --»--»-- Er sagt uns, dass in Palästina zu wohnen die Pflicht eines jeden Juden sei. Sechshundertuuddreizehn biblische Gebote, umkleidet mit der unantastbaren Autorität, wissen die Rabbiner dem Pentateuch zu entnehmen, und eine dieser ewig unveränderlichen, dieser gottgewollten Normen ist nach dieser Auffassung das Wohnen in Palästina. Und welch’ heisse Wünsche knüpfen sich nicht auch sonst an das Land Israels für den orthodoxen Juden! Kein Gebet verrichtet er, keine Freude im Hause und in der Familie kann er begehen, keine Trauer kann an ihn herantreten, ohne dass er dabei nicht des Tempels oder der Zionsburg gedächte, die beide in Trümmer gesunken sind, deren Wiedererstehen sein höchstes Glück bilden würden. „Wenn ich dein vergesse, so versage meine Rechte; es klebe meine Zunge an meinem Gaumen, wenn ich nicht dein gedenke, wenn ich nicht erhebe Jeruschalajim auf den Gipfel meiner Freude!“ (Ps. 137, 5—6). Diese Worte des Psalmisten drücken ganz das aus, was nach ihm jeder conservative Jude empfindet, der noch heute — nach achtzehnhundert Jahren — an dem Tage der Zerstörung Jerusalems klagend auf der Erde sitzt, wie wenn ihm soeben sein nächster Anverwandter gestorben wäre. Und er lässt die Sache damit keineswegs ihr Bewenden finden. Er, der sonst kargt und spart, wird mit einem Schlage freigebig, ja verschwenderisch, wenn es sich um Gaben für „Erez-Jisrael“ handelt, wenn es gilt, eine Spende für das heilige Land der Väter zu weihen. Kurz, das Leben des conservativen Juden ist auf das Innigste verknüpft mit Zion und Jerusalem. Alles dies trifft freilich beim freisinnigen Juden nicht mehr zu. Auch unter den orthodoxen Juden in Deutschland, Frankreich und England hat sich ein Prozess der Entnationalisirung vollzogen, der sie zugleich mit der hebräischen Sprache auch die mit dieser unzertrennlich verbundene Erinnerung an das heilige Land vergessen liess. Ganz anders aber verhält es sich in dieser Beziehung mit dem russischen Juden. Zion und Jerusalem sind sein Ideal geblieben, und je *) S. Nr. 478. schwerer der Druck aut ihm lastet, desto sehnsüchtiger lebt in ihm der Wunsch: „Ueber’s Jahr in Jerusalem!“ Und in der That: wollen wir den Verbannten eine neue Heimath bereiten, wohin sie mit Freuden gehen würden, soll ihnen ein Ersatz bereitet werden für das, was sie erduldet, und für die Entbehrungen, die ihrer vielleicht, durch die Uebergangs-Verhältnisse bedingt, noch harren, dann müssen wir sie nach Palästina schicken, als dessen Bürger sie sich im Geiste von jeher gefühlt. 3. Sociale Gründe. Der hohe n Bedeutung, welche, wie es des Nachweises wo hl kaum bedarf, den bisher erörterten Verhältnissen beizumessen ist, reiht sich ebenbürtig an die Beachtung, welche die socialen Zustände erheischen. Es ist nicht genug, für die materiellen Bedürfnisse und für die politische Sicherheit der jetzt heimathlos gewordenen russischen Glaubensgenossen zu sorgen, die Emigration hat auch die Aufgabe, nach der moralischen, nach der ethischen Seite hin einem Bedürfnisse zu entsprechen, das tief in der Seele aller unserer Schützlinge lebt. Man wirft den Juden vor, dass sie gegen den Ackerbau eine tiefe Abneigung empfänden, und in der That müssen wir — wenn anders wir den Standpunkt objectiver Betrachtung festhalten wollen — zugeben, dass die Juden den landwirtschaftlichen Berufsarten, welche gerade von ihren Vorfahren in Palästina vornehmlich gepflegt wurden, entfremdet worden sind. Die Juden befinden sich in socialer Hinsicht in einem Zustande der Anomalie, der, je länger er währt, desto bedenklicher wird, und den, wo immer sich die Gelegenheit bietet, zu beseitigen unsere wichtigste Aufgabe ist. Die Juden kennen nur einen Mittelstand in socialer Hinsicht. Jedes andere Volk, gleichviel, ob es eine politische Organisation und Selbstständigkeit besitzt oder nicht, hat einen Bauernstand, eine breite Volksschicht, auf welcher sich alles Andere aufbaut, das knöcherne Skelett, so zn sagen, das dem ganzen übrigen Volkskörper zur Stütze dient. Bleiben wir in dem Bilde, so ist der jüdische Volksstamm ein Lebewesen ohne Skelett, und hiermit fehlt ihm auch der feste Halt, der es widerstandsfähig macht gegen Stürme,

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