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Der Israelit · 1893-06-01 · Heft 44 (1.6.1893) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 44 (1.6.1893)
Date
1893-06-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
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846 Rabbi 8 Bachurim aus dem Katalog herausgerufen, die sich zu ihm auf deu erhöhten „Almemor" verfügen mußten. Unwillkürlich treten beim Niederschreiben dieses Abschnittes angenehme und doch schmerzliche Erinnerungen vor unser geistiges Auge. Wenn uns die hohe, schöne, imponirende Gestalt unseres unvergeßlichen Lehrers, des großen Rabbi Samuel Wolf Sofer vorschwebt, wie er mit seinen milden, blauen Augen, aber doch mit durchdringenden sozusagen Herz und Nieren prüfenden Blicke, seine Schüler musterte und die obligaten drei Fragen stellte. Wie der Verfasser des Jauzer am Jaum Kippur seine Lobeshymne auf den Hohenpriester mit den Worten: „Emes ma needar hojoh kauhen hagodol:" „Ach, wie schön war der Hohepriester" beginnt, können auch wir diese Worte aus den berühmten Verfasser des „Ksaw Sofer" mit Recht anwenden. Wie schön war er, welche Ehrfurcht strahlte sein Antlitz aus, wenn er in seiner altpolnischen Tracht, mit hoher Zobelmütze, in seinem bis an den Boden reichenden Atlasrocke, mit seinem Ernst und doch Milde verkündendenGesichte, welches umrahmt von einem schönen, blonden, bis an die Brust reichenden Barte und umgeben von den Gabaim der Jeschiwa und begrüßt von dem hundertstimmigen Ruse der Bachurim: idux tt 1)211 uno „Es lebe unser Herr und Lehrer" zum Groß-Berhören erschien. Was nun das Verhören anbelangt, so wurden, wie oben erwähnt, vom Rabbi an den herausgerufenen Rabbinatsschüler drei Fragen gestellt. Wenn er diese gut beantwortet, so konnte derselbe, sobald sich der Rabbi einem Anderen zuwandte, gehen; seine beiden anderen Collegen kamen manchmal je nach den Anfangsbuchstaben ihres Namens, erst zu Ende des zweiten Tages an die Reihe. Die älteren, 5—6 Jahre die Jeschiwa frequentirenden Bachurim mußten wohl zum Groß-Verhören erscheinen, um beim Aufruf ihres Namens sich zu melden; doch wurden 'an dieselben nur in den seltensten Fällen eine Frage gestellt. Im Schiursaale gab es an diesen Tagen ein Gewoge und Gedränge von neugierigen Zuschauern. War die Prüfung zu Ende und gut abgelaufen, so herrschte Freude und Jubel unter den Bachurim, umsomehr als das Purimsest, welches zur Freude und Lustbarkeit auffordert, knapp vor der Thüre stand. Die höchste Freude herrschte in der Purimnacht, in welcher von den hiezu befähigten Bachurim das Purimsptel in der Wohnung des Rabbi aufgeführt wurde, welches lustige Episoden aus dem jüdischen und oft aus dem localen Gemeindeleben darstellend, viel zur Erheiterung der anwesenden Bachurim und der geladenen Gemeindemitglieder beitrug und erst spät nach Mitternacht zu Ende ging. In der zweiten sogenannten „Sudenacht" pflegten sich die Bachurim zu maskiren. was zu vielen Lustbarkeiten Anlaß gab. — Gleich nach Purim wird vom Rabbi ein Talmud-Abschnitt als Halacha-Tauswaus ausgegeben, welches von den Bachurim wie auch von den älteren Talmudiften bis Sabbat hagodaul. an welchem Tage der Rabbi in der „großen Synagoge" seine Derascha hält, gründlich durchstudirt wird. Oft entstanden über die vom Rabbi kundgegebenen „Chiduschim" und scharfsinnigen Deductionen des ausgegebenen Themas hitziger Pilpul und Disputationen, an welchen sich aber nur die älteren und gelehrtesten Talmudiften betheiligten, während den „guten Bachurim" erst am ersten Peßachtage nach dem Minchagebete, wo der Rabbi nochmals über dasselbe Thema seinen Vortrag hielt, Gelegenheit gegeben wurde, an dem Pilpul sich zu betheiligen. 7. Ksaw. Zu der von uns bezeichnten Zeitperiode war noch das Ksaw ein unschätzbares Kleinod, welches jeder Bachur vor seinem Verlassen der Jeschibah, besonders aber, wenn er auf dem Wege war, Bräutigam zu werden, zu erreichen strebte. Unter Ksaw (Schrift) versteht man das Ehrendiplom der „Morenu" — oder den „Chowertitel." Fast jeder Rabbinatsschüler, wenn er während seines Aufenthaltes in Preßburg ziemlich fleißig und einen moralischen und frommen Lebenswandel geführt, erhielt vom Rabbi vor seiner Abreise das Morenu-Diplom, in welchem in schwungvoller poetischer Sprache das Lob und die Vorzüge des betreffenden Bachurs je nach seinem Verdienste niedergeschrieben und ihm zum Schluffe der Morenu-Titel ertheilt wird. Zu damaliger Zeit war ein Morenudiplom dem Adelstitel gleich und schwerlich hätte der Inhaber eines solchen mit dem Besitzer eines Adeldiploms, noch weniger mit dem Inhaber eines Doctordtploms getauscht. Jedenfalls dünkte sich der „Morenu" so viel als Letzterer. Das Morenudiplom vom Preßburger Rabbiner war ein guter Empfehlungsbrief für dessen Besitzer und zugleich eine sichere Garantie für eine „gute Partie." Es kam aber auch eine Zeit, wo das Ksaw der „Morenu" ein nicht so gesuchter Artikel war. Es war zu Anfang der sechziger Jahre, in der Zeit der Bach'schen Regierungsperiode, da hatten die deutschen Frequentationszeugniffe der Preßburger Rabbinatsschule, welche zu dieser Zeit von der Regierung als eine öffentliche anerkannt wurde, mehr Werth als die „Morenudiplome." Der Vorzeiger und Besitzer eines solchen vom Rabbiner unterschriebenen und von einem kaiserlichen Rath gegengezeichneten deutschen Zeugnisses, laut welchem er sechs Jahre die Preßburger Jeschiwa mit Vorzug besucht, war vom Militärdienst befreit.

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