Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 43 (29.5.1893)
- Date
- 1893-05-29
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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826 BuCT.yiyqpfl'Wj t ittti eines Konvertiten, Namens Paulus Meyer, veröffentlichte, welcher behauptet, als vierzehnjähriger Knabe Zeuge eines Ritualmordes gewesen zu sein, den er mit den grausamsten Einzelheiten erzählt unter Angabe von Namen und Orten, die sich der Cvntrole entziehen, weil Paulus Meyer vorsichtig genug ist, das Märchen in Rußland spielen zu laffen. Jntereffant und charakteristisch ist es, daß Deckert in der bisherigen Polemik immerfort mit der Veröffentlichung dieses Briefes gedroht hat, allerdings ohne den Namen des Autors zu nennen, während der Abgeordnete Dr. Bloch, welcher von der anderen Seite die Polemik führte, schon vor Veröffentlichung des Briefes den Verfasser kannte und in einer in der Mittwochnummer des „Vaterland" publicirten Berichtigung mitgetheilt hat, daß der Brief, mit welchem Pfarrer Deckert droht, von Paulns Meyer herrühre. Wer ist nun Paulus Meyer? Wie er selbst zugibt, ist er aus Berlin ausgewiesen worden. Die Kreuzzeitung hat ihm unter dem 13. August 1892 eine merkwürdige Empfehlung mitgegeben, in welcher es heißt: er durchziehe die Welt, um auf Kosten Anderer zu leben; man habe ihm wiederholt zu einer geordneten Lebensstellung verhelfen wollen, er habe sich aber allenthalben unmöglich gemacht. In Stettin habe er als ein um seines Glaubens willen vertriebener Christ die Hilfe evangelischer Geistlicher und zugleich die von Juden in Anspruch genommen, denen er sich als ein in Rußland ausgewiesener Rabbiner vorstellte. Aehnlich und noch schärfer äußern sich über Paulus Meyer die Miffionsschrift „Nathanael", Hamburger Blätter, Pastor v. Bodelschwingh in Elberfeld, welcher dessen Ausweisung aus Elberfeld veranlaßte, und schließlich das Stöcker'sche Organ „das Volk". Ein Mensch, welchen die deutschen Antisemiten von sich abzuschütteln wußten, wird also vom Pfarrer Deckert und dem „Vaterland" als Kronzeuge für den Ritualmord auf gestellt. Das „Vaterland" macht zwar eine einbegleitende Bemerkung, welche andeuten soll, daß das Blatt selbst an die Sache nicht recht glaube; es sagt nämlich: „Wir kommen dem Verlangen (nach Veröffentlichung des Briefes) hiemit nach, ohne an das Schriftstück irgend welche Folgerungen zu knüpfen, welche den außerhalb der hier angeführten ruffischen Secte stehenden Juden abträglich sein könnten" Das ist jedoch die bereits oben gekennzeichnete Methode, welche es der denkfaulen Maffe überläßt, die erhobene Beschuldigung dann auf alle Juden zu übertragen. Der vom Pfarrer Deckert publicirte Brief des Paulus Meyer ist gestern hier unbeanstandet im „Vaterland" erschienen, während gleichzeitig das Amtsblatt das Erkenntnitz des Prager Landesgerichtes verlautbarte, durch welches gegen die vor Ostern erschienene Schrift Deckert's über das Blutrituale das Verbot der Weiterverbreitung ausgesprochen wurde. vermischtes. Wiesbaden. Wie verlautet, beabsichtigt die seit kurzem hier organisirte antisemitische Partei einen Candidaten für den 2. naff. Wahlkreis aufzustellen. Berlin, 8. Mai. Dem Buchhändler Gustav Ad. Dewald, (i. F. Georg Höppner», ging folgendes Schreiben zu: „In der Strafsache wider Gibeler und Genoffen gereicht Ihnen zum Bescheide, daß das wegen des Flugblattes „Der Werth des jüdischen Eides" auf Grund des § 166 St.-G.-B. eingeleitete Strafverfahren eingestellt ist. Der erste Staatsanwalt gez. Drescher." — Es handelte sich um das Flugblatt, in welchem das „Kolnidre-Gebet und der Judeneid schimpflich behandelt worden waren. Berlin, 18. Mai. Gestern Abend hat der bekannte Schwennhagen das Verschwinden eines Kindes, in einer hiesigen Versammlung mit Redensarten über Ritualmord erörtert und die Polizei beschuldigt, daß sie nicht an den richtigen Stellen, die er andeutungsweise bezeichnete, nach dem Kinde suche! Natürlich glaubt der Mensch kein Wort von dem, was er sagt; er gibt für 20 Pfennig Eintrittsgeld eine Vorstellung nach dem Ahlwardt'schen Muster. Aber daß dieser Gesellschaft bisher von den Organen der Staatsautorität, durch deren Unterwühlung sie ihr Publikum unterhalten, noch keine Scheu eingeflößt worden, das ist bezeichnend für den Stand der Dinge. Kassel, 18. Mai. Die Konservativen stellen mit den Antisemiten den Oberlehrer Pfarrer Hüpeden hier als gemeinschaftlichen Kandida'en auf. v. Alvensleben und Förster haben abgelehnt. Karlsruhe, 17. Mai. Der Ausschuß der konservativen Partei Badens tritt in dem soeben veröffentlichten Wahlaufruf für unbedingte Annahme der Militärvorlage ein. Neben erhöhter Börsensteuer und einer Jnseratensteuer wird eine Wehrsteuer gefordert, die als Zuschlag zur Einkommensteuer von den vom Militärdienst Befreiten zu erheben sei. Der Aufruf erklärt sich gegen das System der Handelsverträge, verlangt die Verschärfung und Ausdehnung der Wuchergesetze, hohe Besteuerung der Börsengeschäfte, den christlichen Staat durch christliche Richter und christliche Lehrer, sowie die Absperrung der Grenzen gegen weitere jüdische Einwanderung. Coblenz, 5. Mai. Der Vorsitzende des Provinzial- Rathes der Rheinprovinz hat durch Erlaß vom 18. April ds. Js. der Stadtgemeinde Coblenz auf Grund des 8 27 des Zuständigkeitsgesetzes und des § 117 des Landesverwaltungsgesetzes, vorläufig versuchsweise auf drei Jahre, die Abhaltung zweier Pferdemärkte am zweiten Mittwoch im Monat März und am ersten Mittwoch im Monat October jeden Jahres mit der Maßgabe gestattet, daß, falls auf diese Tage christliche oder jüdische Feiertage fallen, die Märkte an dem folgenden Wochentage abzuhalten sind. Elberfeld, 18. Mai. Die Kandidatur des Gärtners Herrn Karl Dahm ist außer von den Antisemiten und Konservativen nunmehr auch von den Vorständen der nationalliberalen Vereine angenommen worden. AnS Schlesien, 18. Mai. Auf die Wahlverwandtschaft der Konservativen und der Antisemiten wirft ein Vorfall im Wahlkreise Ohlau-Strehlen ein sehr bezeichnendes Licht. Die „Bresl. Ztg." berichtet darüber: Auf einer konservativen Versammlung in Strehlen befürwortete am Sonntag Graf Zedlitz-Trützschler auf Petrikau, der Vorsitzende des Bundes der Landwirthe im Wahlkreise, die Kandidatur des antisemitischen Gutsbesitzers Rother. Zwei andere hochkonservative Herren wandten sich gegen diese Kandidatur sowie gegen den Antisemitismus überhaupt und empfahlen die Kandidatur deS Grafen Saurma. Graf Saurma gab bie Erklärung ab, daß er sich entschlossen habe, zu Gunsten des Herrn Rother von der Kandidatur zurückzutreten. Als ein Herr an den Kandidaten Rother die Aufforderung richtete, er möchte doch seine Stellungnahme klarlegen, antwortete Herr Rother: „Ja, da müsse er erst einmal den Vorstand fragen". Auf die Frage, wer denn eigentlich der Vorstand wäre, erhoben sich mehrere Antisemiten, gingen ins Nebenzimmer und beriethen, ob sie Herrn Rother als Antisemiten, oder dem Vorschläge des Grafen Zedlitz gemäß, als Deutschkonservativen Stöcker'scher Richtung aufstellen sollten. Schließlich verkündeten sie, daß Rother seinen Sitz im Reichstage unter den Letzteren einnehmen solle. Graf Zedlitz verpflichtete darauf den Kandidaten, der nunmehr, nachdem er „den Vorstand" befragt hatte, über seine Stellungnahme klar war, auf das deutschkonservative Programm. AuS Sachsen, 16. Mai. Im Wahlkreise Annaberg- Schwarzenberg ist für den zurücktretenden Fabrikanten Holtzmann der nationallibercl-sächsichfortschrittliche Justizrath Böhme aufgestellt, zu dessen Gunsten voraussichtlich die An-