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Der Israelit · 1893-05-29 · Heft 43 (29.5.1893) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 43 (29.5.1893)
Date
1893-05-29
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XXXIV. Jahrgang. Mette Beilage;u M 43 ftea „Israelis. Zeitungsnachrichten und Correfpoudenzerr. Deutschland. Kiel, 16. Mai. (Antisemiten-Abend.) Wenn die Herren Antisemiten, deren es ja nun auch in unserem sonst gesegneten und gesunden Schleswig-Holstein einige zu geben scheint, in dem Dr. Danneil eine neue Stütze ihres Glaubens und einen tröstlichen Ersatz für den verflossenen Ehren-Ahlwardt gefunden zu haben glaubten, so sind sie seit gestern Abend auch dieses Trostes und dieser Stütze jäh beraubt worden. Denn wie der Abg. Richter im Reichstage mit dem Rektor, so verfuhr der Rabbiner der israelitischen Gemeinde, Dr. M. Stern, mit dem Pastor aller Deutschen, das heißt, er verfolgte ihn mit der Waffe aktenmäßigen Beweises in die letzten Schlupfwinkel seines Baues, entlarvte ihn, nach den verschiedensten Seiten dieses gentilen Charakters hin, in unentwindlich überzeugender Weise. Herr Dr. Danneil ist hier in Kiel und hoffentlich ein für alle Mal fertig; er darf sich angesichts dieser Thatsache allenfalls mit dem finanziellen Erfolge trösten, der falls er allein mit demselben davongeht, ein sehr ansehnlicher war. Denn der große Saal des Kolosseums war allerdings bis auf den letzten Platz besetzt, theils von Antisemiten, unter denen die Studentenschaft ein hervorragendes Kontingent stellte, theils von Gegnern derselben, unter denen die Sozialdemokratie recht stark vertreten war, theils endlich von Reugieiigen, welche sich an dem Verlauf dieser traurigen Komödie ergötzen wollten. Am Eingang des Etabliffements erhielt man eine ganze Anzahl von Drucksachen, darunter den von Danneil verwendeten Talmud-Auszug des Dr. Jakob Ecker, die sogenannten hundert Gesetze; ferner den „echten Talmud-Auszug" des Dr. H. Hildesheimer, sowie eine „Offene Anfrage an Herrn Herrmann Pohl," desgleichen ein Flugblatt, enthaltend das Urtheil des Herrn F. Coblenz über Danneil; und endlich, wer wollte, konnte auch einen sozialdemokratischen Wahlaufruf haben. Nachdem Dr. Danneil sich eine Weile durch abwechselndes Trinken von Bier und Selterswaffer gestärkt hatte, eröffnete er die Versammlung, sich selber als deren Vorsitzenden proklamirend und das Versprechen gebend, daß nach Schluß seiner Rede Jeder zu Wort kommen solle. Der trotzdem aus der Versammlung heraus laut werdende Ruf nach Bildung eines Bureaus wurde durch eine Ansprache des Herrn Heinzel beschwichtigt, und so konnte Dr. Danneil, hinter welchem Kriminalkommissar Kleinschmidt mit einem anderen Kriminalpolizisten Platz genommen hatte, sein Werk beginnen. Auf eine detailirende Wiedergabe der Danneil'schen Ausführungen können wir getrost verzichten, weil wir dadurch in unseren Lesern nicht einmal das pikantere Gefühl des Widerwillens, sondern lediglich und allein dasjenige einer endlosen und freudebaren Langenweile Hervorrufen würden. Danneils Vortrag erweckte ungefähr dieselbe Empfindung, wie Bier und Selterswaffer durcheinander getrunken; auch wäre ihm wohl unter den fortwährenden Schlußrufen kaum gelungen, bis an's Ende zu gelangen, wenn er sich nicht einer ganz außerordentlich leistungsfähigen, darum allerdings keineswegs sonoren Stimme erfreute, mit welcher er sich immer wieder durch' zuschreien wußte. Dieses gelang ihm um so leichter, als er immer in den Augenblicken, da der Widerwille in der Versammlung überhand zu nehmen drohte, die Geschicklichkeit besaß, irgend eine besänftigende Phrase zu dreschen, die ihn von dem Vorwurf des prinzipiellen Judenfreffens freisprechen und ihm einen Schimmer von Toleranz anheften sollte. Den Eindruck, welchen die nahezu zweistündige Rede hervorgerufen, charakterisirte der zunächst das Wort ergreifende Herr Heinzel dahin, durchaus richtig, daß es ihm nach der gehörten Rede überhaupt nicht der Mühe werth erscheine, daß der Antisemitismus festen Boden fasse; Quintessenz der Danneil'schen Ausführungen sei keine andere als: „der Schulchan Aruch (Talmudauszug) muß abgeändert werden" und wenn das Alles sei, so hätte man eigentlich keine Ursache, sich mit dem Antisemitismus zu beschäftigen. Nachdem Redner sodann unter wiederholtem Beifall der Versammlung einzelne Punkte des Vortrags, betreffend die den Juden von den Antisemiten gemachten bekannten stereotypen Vorwürfe abfällig kritisirt hatte, nahm Dr. M- Stern das Wort, mit Nachdruck vorausschickend, das er nicht für Kiel allein spreche, sondern in der Absicht, Herrn Dr. Danneil ein für alle Mal unschädlich zu machen; was er saqe, erkläre er Punkt für Punkt aktenmäßig vor Gericht beweisen zu wollen. Und nun kam aus den Taschen des Redners ein aktenmäßiges Beweisstück nach dem anderen hervor; Schlag auf Schlag hagelten die vernichtenden, unwiderlegbaren und unwiderlegten Anschuldigungen aus das Haupt des Anti'emitenpredigers hernieder; und diese Anschuldigungen, durch welche Redner den hülflos Dasitzendcn als Ignoranten, Lügner und Denunzianten zeichnete, machte um so mächtigeren Eindruck, als er jedes einzelne Aktenstück nach Verlesung auf den Tisch des Hauses, d. h. in die Hände des Herrn Kriminalkommissars Kleinschmidt niederlegte, damit auch diejenigen, welche gestern Abend nicht zugegen waren, sich nachträglich von dem wahren Werthe der Danneil'schen Bestrebungen und des Danneil'schen Charakters überzeugen könnten. Ungeheure Heiterkeit erregte es, als Dr. Stern diesem Manne ein von hiesiger Bibliothek entlehntes Exemplar des Schulchan Aruch vor Augen hielt und konstatirte, daß Dr. Danneil überhaupt nicht im Stande war, eine Zeile zu lesen. Länger und länger wurden die Gesichter der Antisemiten, deren Versuche, den Redner zum Schweigen zu bringen, durch die von demselben in die Versammlung hineingedonnerten Worte vereitelt wurden, daß wenn er so unerhörte Beschuldigungen gegen einen Mann ausgesprochen, ihn einen Ignoranten, Lügner, Denunzianten genannt habe, man ihm doch Zeit lassen müsse, seine Anklage zu beweisen. Und dieser Beweis ist gelungen auf das allergründlichste; das sah auch Danneil ein, der, ohnmächtig etwas zu erwiedern, sich dieser Verpflichtung überhob, indem er schließlich den Redner unterbrechend, die Versammlung schließen wollte. Doch dieser Gewaltstreich rief eine solche Empörung im Publikum hervor, es entstand auf der Bühne wie im Zuhörerraum ein solcher Tumult, daß der Kriminalkommissar sich in die Lage versetzt sah, die Versammlung im Namen des Gesetzes zu schließen und damit der Kieler Danneil- Komödie hoffentlich für immer ein Ende zu setzen. Oester.-Ungar. Monarchie. Wien, 12 Mai. (Das wiederaufgefrischte Blutmärchen.) Es gehört mit zur Signatur der Zeit, daß im Organ des österreichischen Clerus und Feudal-AdelS gegenwärtig eine Polemik ausgefochten wird, in welcher der Antisemitismus die Juden nicht als Race und nicht vom wirthschaftlichen Standpunkte, sondern ganz direkt als Confession angreift. Man tischt das Märchen vom Blutritual aus, und man wählt die schwer angreifbare Form, daß man nicht alle Juden, sondern nur eine Secte, die Chaffidim, des Ritualmordes beschuldigt, in der sicheren Erwartung, daß die große Masse die Beschuldigung auf alle Juden übertragen werde. Den Höhepunkt hat dieses Treiben damit erreicht, daß der Pfarrer Deckert von Weinhaus gestern im „Vaterland" den Brief

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