Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 42 (25.5.1893)
- Date
- 1893-05-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448355--36401-2484426- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
MWWWWWWWWWWWDMM „Garnichts thut mir weh, Onkel. Ich bin nur so müde und kann nicht schlafen. Hier," sagte er, indem er auf die Schläfe deutete, „hier klopft es so sehr." Curiel legte seine Hand auf die Stirne des Knaben. Sie war glühend heiß. „Weißt Du, mein Alfred," begann er, theils zur Mutter, theils zum Kinde sprechend, „lege Dich in Dein Bettchen, dann legen wir ein kaltes Tuch ans Deinen Kopf und das böse Klopfen wird aufhören." „Ja, aber Du mußt bei mir bleiben, Onkel, und mir wieder Geschichten erzählen vom guten Josef und seinen Brüdern." „Ich will gerne bei Dir bleiben," versetzte Curiel, währenddem die Mutter das Kind auszog und es in sein Bettchen legte, „aber erzählen kann ich heute nicht." Der Knabe war auch damit zufrieden und während sich der junge Mann neben das Bett des kleinen Patienten setzte, legte die Mutter kühlende Umschläge auf die heiße Stirne des Kindes. Das that ihm augenscheinlich wohl, denn geduldig ließ er es sich gefallen und nachdem die Umschläge einige Male erneuert worden waren, war der Knabe eingeschlafen. „Glauben Sie, daß mein Kind krank wird?" fragte die Mutter leise ängstlich. „Das kann ich Ihnen im Voraus nicht sagen; jedenfalls ist Fieber vorhanden und Vorsicht geboten. Wenn es morgen nicht besser ist, müssen Sie zum Arzt schicken." „Zum Arzt!" sprach die junge Frau dumpf; „zum Arzt! Der Arzt ist nur für reiche Leute; wir Armen — haben keinen Arzt nöthig. Unser Leben ist der Welt nicht kostbar und wenn eines verloren geht, so kommen tausend neue wieder. Was kümmert sich die Welt um uns und unser Leid, um unser Leben und unser Weh? Sehe Jeder selbst, wie er damit fertig werde. Der Arzt der Armen wohnt weit, gar weit und wenn sie endlich nach mühseligem elenden Dasein zu ihm kommen, so bedürfen sie des Arztes nicht mehr. Der Tod ist barmherziger als die Menschen — ach, er hat mir schon gar viel geraubt. Mein Glück und mein Leben, meine Sonne und meine Freude, meine Stütze und meine Hilfe — alles, alles hat er genommen. Kein Arzt hat ernstlich versucht, ihm seine Beute zu entreißen. Einen Arzt kann ich wohl rufen — ob er kommen wird, ist fraglich. Unser Arzt, der Arzt der Armen — dort oben im Himmel wohnt er. Mein Ruf dringt nicht zu ihm — er ist zu weit entfernt. Verschlossen ist sein Ohr unserem Flehen; seine Hand hat er von uns abgezogen —" „Halten Sie ein, Frau Pinn, Sie lästern Gott! Nicht weit, weit entfernt von Ihnen ist er, sondern nahe, ganz nahe. Jedes Ihrer Worte vernimmt sein Ohr und kür jedes werden Sie einst Rechenschaft ablegen müssen. Ja, er ist ein Arzt der Armen, ein Beistand der Unterdrückten. Seine unerforschlichen Wege führen zum Ziel und dieses Ziel kann nur ein gutes, ein hohes, ein edles sein. Durch Leiden erzieht Gott seine Kinder, durch die Irrwege des Lebens und die Schläge des Schicksals führt er sein Volk in das Land des Glückes und der Freiheit. Sehen Sie, Sie sind arm, elend, stehen allein in der Welt, ohne Ernährer und Beschützer, mit zwei Kindern, denen Sie Vater und Mutter zugleich sein sollen. Die Noth und das Elend, Krankheit und Sorge lastet auf Ihnen und haben Sie bitter gemacht. Sie sind selbst noch jung und haben Ansprüche an das Leben, können solche an das Leben stellen und trostlos und dunkel mag die Zukunft vor Ihnen liegen. Sie meinen, Sie seien der Unglücklichsten, Aermsten, Elendesten eine, meinen, Sie hätten ein Recht an Gott und der Welt zu verzagen und die Menschheit ob ihrer Erbarmungslosigkeit und Härte anzuklagen! Sie arme Thörin! Ich sage Ihnen, Sie sind eine Königin im Vergleich zu den Armen unseres Volkes, die jetzt in Tausenden aus Rußland vertrieben werden — denn Sie haben ein Vaterland; sie sind eine Glückliche im Vergleich zu jenen, die heimathlos und arm, elend und allein hilf- und rathlos daftehen und denen man die letzte Stütze rauben möchte, die sie aufrecht erhält, die ihnen das elendeste Leben noch als ein kostbares Gut erscheinen läßt, die ihrer Religion halber Hetmath und Vaterland, Hab und Gut, Leben und Gesundheit opfern! Vaterland und Religion, die heiligsten und edelsten Güter des Menschen, Sie besitzen dieselben; niemand wagt es, seine Hand frevelnd danach auszustrecken; das sind Güter, die doch noch des Lebens werth sind! Warum wollen Sie, da Sie doch noch heilige Pflichten zu erfüllen haben, verzweifeln? Ihr Knabe wird wieder gesund werden; Ihre Kinder werden heranwachsen und für Sie werden im Schoße der Zukunft noch mannigfache Freuden verborgen sein." „Ich bin eine Wittwe und eine Waise; mein Glück birgt die kühle Erde." „Nein, Frau Pinn," sagte der junge Mann warm, „Ihr Glück liegt in der Zukunft. Das Glück der Eltern sind die Kinder und so lange der liebe Gott Sie mit diesem Glück begnadigt, sind Sie eine arme, aber trotzdem glückliche Mutter. Hoffen Sie auf Gott, beten Sie zu Gott, daß er Ihnen die Kinder erhalte. Ich jedoch will nun gehen und einen Arzt holen."