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Der Israelit · 1893-05-18 · Heft 40-41 (18.5.1893) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 40-41 (18.5.1893)
Date
1893-05-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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763 mals war er der liebe Herr Caro, der gute Herr Caro und heute — heute geschieht es ihm Recht, wenn er bestohlen wird — das ist der Dank, nicht wahr, der ewige Dank, den Du ihm schuldest. So ist aber die Menschheit! Undankbarer als das Vieh. Komm Pluto" rief er seinem Hunde zu, „ich geh' zu meinen Schafen, da brauch ich mich nicht zu ärgern!" Mit der Peitsche knallend entfernte er sich, während die Zurückbletbenden über seine Kraftpredigt lachten. Es war ein Sonderling, eine Art moderner Diogenes, dem man die bitterste Wahrheit nicht übel nahm. Sein Fortgehen hatte eine Unterbrechung der Unterhaltung zur Folge und als nun der Barbier sich auch entfernte und keine Aussicht mehr war, Neuigkeiten zu erfahren, ging jeder seines Weges. Der Hirt trieb seine Herde zum Dorf hinaus. Als er an der Mühle vorbei kam, sah der Müller zum Fenster hinaus. Der Hirt bot ihm guten Morgen und sprach: „Na, habt Ihr auch schon die große Neuigkeit gehört? Beim Juden ist heut' Nacht eingebrochen und viel Geld gestohlen worden." „Was?" rief der Müller, „was? Ihr macht wohl Spaß." „Nein, es ist wahrhaftig wahr. Sein halbes Vermögen soll man ihm gestohlen haben." „Sein halbes Vermögen! Warum nur sein halbes?" sprach der Müller. „Warum hat man ihm nicht Alles genommen? Es ist ja doch alles von den Christen erstohlen und erwuchert." Der Hirt brummte etwas in den Bart und zog weiter. Hinter der Mühle im Gemüsegarten stand die Müllerin. Als sie ihn kommen sah, trat sie an den Bretterzaun, der den Garten vom Wege trennte. „Guten Morgen, Fritz!" rief sie ihm zu; „hast noch Wollblumenthee?" „Ja Müllerin, wollt Ihr davon haben?" „Kannst mir ein Viertel bringen; sonst was Neues?" „Und was für eine Neuigkeit; beim Juden ist eingebrochen worden und sie haben sein halbes Vermögen gestohlen." Bei diesen Worten erbleichte die Müllerin und sie wäre hingefallen, hätte sie sich nicht an dem Zaune festgehalten. „Also doch!" sprach sie bebend; „ich konnt's verhindern und Habs nicht gethan!" Die scharfen Ohren des Hirten hatten diese Worte wohl gehört. Erstaunt blickte er die Müllerin an, doch diese hatte sich rasch gefaßt und sprach: „Dummes Zeug! Ein fauler Witz! Und ich bin so erschrocken!" Der Hirt blickte sie durchdringend an. Dann sagte er langsam und mit besonderer Betonung: „Kein fauler Witz, Müllerin, die Wahrheit hat Euch geschreckt. Ein gutes Gewissen braucht nicht zu erschrecken. Adieu, den Thee sollt ihr morgen haben." Wie einem Gespenst sah die Müllerin dem Hirten nach. Seine Bemerkung hatte sie in's Herz getroffen. Sie hätte ein Verbrechen verhindern können und hatte es versäumt; war sie dadurch nicht eine Mitschuldige des Diebes geworden? Bekümmerten Herzens ging sie in die Mühle; sie wollte sich ihrem Manne anvertrauen. Doch als dieser ihr mit lächelndem Antlitz und freudigen Blickes die eben gehörte Nachricht mittheilte, da schwand ihr der Muth. Sie wußte, daß ihr Mann sie auslachen würde und deßhalb schwieg sie und trug ihren Kummer und ihre Sorge allein, ganz allein. IX. In einer Mansardenstube eines Hauses der Rosenthalerstraße in Berlin saß ein junger Mann eifrig studierend. Der Lärm der Straße drang kaum in diese luftige Höhe und die Ruhe, die zur geistigen Arbeit unbedingt nöthig ist, wurde hier durch nichts gestört. Die ärmliche Ausstattung des äußerst reinlich gehaltenen Stübchens läßt uns schließen, daß der Bewohner desselben nicht allzureich mit Glücksgütern gesegnet sei, und trotzdem blicken wir, da der junge Mann jetzt von seinem Buche aufsieht, in ein intelligentes, hübsches Gesicht, in dem die Freudigkeit und der Lebensmuth der Jugend sofort erkennbar sind. Die etwas blasse Gesichtsfarbe, die schwarzen, glänzenden Augen, das dunkle Schnurrbärtchen lassen das Antlitz noch interessanter erscheinen und die feinen Züge zeugen von geistiger Arbeit. Sinnend blickt der junge Mann zu dem einzigen Fensterchen auf, durch welches der kleine Raum Luft und Licht erhält; jetzt zuckt ein Sonnenstrahl durch das schmale Fensterchen und trifft das Auge des jungen Mannes. Geblendet fährt er zurück und seine Lippen murmeln: „Das ewige Gesetz; die Sonne blendet und doch suchen wir sie. Wie die Motte umflattern wir das Licht der Wahrheit und haben wir sie endlich gefunden, so ist unser Auge geblendet und rathlos stehen wir vor der ungewohnten Helle. O möchten die Strahlen des Lichtes, der Wahrheit doch auch die Finsterniß erhellen, die auf meinem Vaterlande lastet; möchte die ewige Wahrheit den Geist desjenigen erleuchten, in dessen Namen meinen Brüdern jetzt Heimath und Vaterland, Hab und Gut geraubt wird, aus daß Erbarmen in sein Herz einziehe und in seinem Staate Recht und Gerechtigkeit herrsche!"

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