Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 38 (11.5.1893)
- Date
- 1893-05-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. i Jfi AH, Der Israelis Ein Kenlrat-Hrgan für das orlhodore Zudenthum. Begründet von Br. Lehmann in Mainz. Donnerstag, den II. M a i 5653 (1893). Leitender Artikel. Sprüche der Wüter. Viertes Buch. LXVI. Mainz, 10. Mai. niv^n njuttw tht nn now min’ ’:n V“n Rabbi Iehuda lehrte: Sei achtsam imLernen, denn einJrrthum im Lernen gilt als vorsätzliche Sünde. In dieser Mtschna exiftiren drei verschiedene Lesarten. Statt hat eine andere Lesart i'übn und eine dritte niv^. niv^>n ist der spezifische Ausdruck für das Studium der Thora, das wir kurzweg als „Lernen" bezeichnen. niD^» ist Lernen im Allgemeinen, auch solcher Dtsciplinen, die nicht zur Thorawissenschaft zählen und n^.n ist der Schüler. — Ihrem Sinn nach gehen sämmtliche Lesarten nicht weit auseinander. Wenn die vorhergehende Mischna mit der Mahnung schloß, die Ehrfurcht gegen den Lehrer mit derselben Rücksicht wie die gegen Gott zu beachten, so legt hier Rabbi Jehuda die Gegenleistung in ihrer Bedeutsamkeit nahe, durch welche die Hochachtung vor dem Lehrer seinerseits verdient wird, und empfiehlt deren eingehende Beachtung durch den Hinweis, daß Vernachlässigung und Gleichgiltigkeit hier die Bedeutung und Tragweite eines vorsätzlichen Vergehens habe. Die von uns gewählte Lesart macht auf die Folgen aufmerksam, die den Lernenden selbst unmittelbar berühren. Die Lesart tid’V dehnt diese Folgen auf jedes Studium aus, und die Lesart tb^-i hat die Folgen unachtsamen Lernens dem Schüler gegenüber zum Gegenstand. Kein Studium der Welt erfordert sorgfältigere, unablässtgere Aufmerksamkeit als dasjenige der Thora. In der Stufenleiter, die Rabbi Pinchas den Jair mit ihren einzelnen Stufen aufzählt (Talmud Aboda sara, fol. 19), wie sie immer höher, bis zur Erlangung des heiligen Geistes führen, werden als unterste Sprossen: Thora und Achtsamkeit genannt und uns gelehrt: n’üö mm nn\n-, Thora führt zur Achtsamkeit. So wahr dieses ist, daß Jemand, der nichts gelernt, der daher den Willen Gottes und die Pflichten, die er uns auferlegt, niemals in ihrem vollen Umfang und chrer tiefen Bedeutsamkeit erfahren hat, daß ein solcher die für einen pfltchternsten Lebenswandel erforderliche Achtsamkeit und Gewissenhaftigkeit nicht besitzen kann, so gewiß ist auch, daß Achtsamkeit zur Thora führt und wer nicht von ersterer durchdrungen an das Studium des göttlichen Wortes herantritt, wird aus der Wissenschaft der Thora niemals den Segen und die Lebensfreude schöpfen, mit welchen sie ihre treuen Jünger bedenkt. — Das bloße Lesen des Gotteswortes und sein flüchtiges oberflächliches Verständniß erfordert Aufmerksamkeit und Achtsamkeit schon durch die ganze Schreibart des Urtextes unserer Urkunden, wie sie z. B. in unseren Thorarollen uns entgegentritt. Ohne Vocale, ohne Interpunktion, ohne Satzabtheilung beanspruchen sie fortwährend Geistesgegenwart und lebendiges Interesse für den Gegenstand der Behandlung und die ohne Unterbrechung fortlaufenden Buchstabenreihen gestatten dem suchenden Geist keine Pause. Versucht man aber gar dem Inhalt des Gotteswortes näherzutreten, so fordert die Unermeßlichkeit des Stosses und seine tiefgehende Bedeutung die hingehendste, unablässige Achtsamkeit. Es sind stehende, göttliche unabänderliche Normen für das wechselvolle, täglich neuen Gestaltungen unterworfene Leben. Das bestehende Gesetz in allen seinen Verzweigungen und feinsten Nuancirungen zu lernen, es sich unverlierbar anzueignen, erfordert schon eine ganz außergewöhnliche Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Das Gelernte aber