Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 36 (4.5.1893)
- Date
- 1893-05-04
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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695 heit des Textes der heiligen Schrift auf die Massora, deren vorzüglichste Vertreter zwei Männer sind, genannt ben Ascher und ben Naphtali. Sie lebten in Palästina, in der durch die korrekte Sprache ihrer Bewohner bekannten Stadt Tiberias7l und Hessen es sich angelegen sein, mit der grössten Genauigkeit den Text der heiligen Schrift zu überwachen. Wo sie verschiedener Ansicht sind, da ist ben Ascher für uns massgebend.8) Und sie erfreuen sich einer solchen Autorität, dass selbst da, wo der Talmud ein Wort anders anführt, als die Massora, unsere Gesetzesrollen nach der Lesart der Massora geschrieben werden. Diese Controverse mit dem Talmud kann übrigens nur darin bestehen, ob ein Wort oder "iDn ist, d. h. ob etwa ein oder '» nach einem Vokale im Worte vorkommt oder nicht. Nie findet sich eine andere Meinungsverschiedenheit. Was für eine Wirkung aber doch diese scheinbar unbedeutende Verschiedenheit erzeugt, wollen wir nur an einem Beispiel zeigen. Lev. 5, 1 heisst es bei dem mit einem Meineid verbundenen Ablengnen eines Zeugnisses "i’J’ nV cn, wozu die Massora bemerkt '' Die Tradition leint, uns nun in Bezug darauf, dass dieses Wort und V in sich vereine, und leitet daraus die Bestimmung ab, dass die Zeugen nur dann das Opfer darzubringen haben, wenn sie dem Kläger selbst gegenüber das Zeugnis verweigern und abschwören, nicht etwa einem von demselben Beauftragten. Deshalb auch wurden die früheren Weisen cnsiD „die Zählenden“ genannt, weil sie. wie der Talmud Traktat Kiduschin Seite 30a. sich ausdrückt, die Zahl der Buchstaben der Tora kannten. So erzählt Maimonides Teil 1. Kap. 8 der n-nr "w rrobn am Anfänge, wo er darstellt, wie eine rnin irc geschrieben sein müsse, um allen gesetzlichen Anforderungen zu genügen, dass er als Grundlage eine Gesetzrolle genommen habe, die er in Egypten vor gefunden, und von der man wusste, dass sie ben Ascher selbst geschrieben, vielfach durchgesehen und die Irrtümer verbessert habe. Wir haben dies alles nur angeführt, um darzuthun, mit welcher minutiösen Genauigkeit man in Betreff der Richtigkeit des Textes immer vorgegangen ist, und schliessen daraus auf gleiche Sorgfalt in der Erhaltung der überlieferten Tonzeichen. 7) S. Miehlol 1081*.. "<> rühmend angeführt wird, da-' ■>eIb<t die Kinder sieh schon einer genauen und reinen Ausspraehe beflissen. 8- Diese Steilen linden sieh im Anfänge der Folio-Ausgabe der heiligen Sehrift genannt) genau angeführt. Die Ausgabe erschien zuerst in Venedig, darauf in Basel, endlich in Amsterdam. Dtrrs ÖfsiM »mb fant». Breslau. Die Breslauer Zeitung schreibt: Es ist schon häufig genug als ein besonderes und zwar als ein sehr häßliches Charakteristikum des Antisemitismus gekennzeichnet worden, daß er gerade in jugendlichen Kreisen, die früher für ganz andere Ideale schwärmten als für eine öde, den Fortschritten der Civilisation ins Gesicht schlagenden Rassenhetze, eine bedauerlich weite Ausbreitung gefunden hat. Hat sich doch auch an den Universitäten, welche die geistige Blülhe unserer Nation ausbilden sollen, die verderbliche Wucherpflanze seit Beginn der antisemitischen Propaganda eingenistet. Selbst in die Schule ist die schlimme Saat hineing, tragen worden und hat manche unerquickliche Frucht gezeitigt. Aber wir wiffen, daß es auch Lehrer gegeben hat und gibt, die, soweit es in ihren Kräften steht, antisemitischen Hetzereien und Sonderbündeleien, wie sie etwa auch bis in die Schule ihren Weg gefunden haben, mit Ernst entgegentreten. Verwunderlich ist es ja im Grunde nicht, daß die Kinder von Eltern, die einem Ahlwardt und Konsorten zujubeln, die also wohl zu Hause manches böse Wort gegen die Juden auffangen mögen, nachsprechkn, was sie von denjenigen, die sie als oberste Autorität zu betrachten gewohnt sind, hören. Und es tft auf der anderen Seite auch nicht verwunderlich, daß der Einfluß der Schule gegenüber den Einflüssen des Hauses , der Atmosphäre, in denen ein Kind aufwächst, häufig ganz machtlos bleibt. Umso strenger mutz aber darauf.^gehalten werden, daß tucht die Schule selbst zu einer Pflanzstätte autisentitischer Velleitäten wird, daß nicht ein Lehrer, der ja für den Schüler auch eine natürliche Autorität ist, — welcher Ueberzeugung er in seinem privaten Leben auch huldigen möge — in seiner beruflichen Thätigkeit dazu beiträgt,^demMntisemtttsmus Eingang in die Herzen der Kinder zu schaffen. Dieser Tag nun hat, wie uns mitgetheilt wird, der Zeichenlehrer des königl. Wilhelms-Gymnasiums in der Quarra der genannten Anstalt eine Aeußerung gethan, die für die ^jüdischen Schüler der Klasse und nicht minder für deren Eltern in hohem Grade verletzend war. Er ermahnte zur Sauberhaltuug der Hefte und flocht dabei eine Bemerkung ein, durch welche die jüdischen Schüler in ihrer Gesammtheit gewissermaßen von den christlichen abgesondert und als in geringerem Maße an Sauberkeit gewöhnt, gekennzeichnet wurden. Unter den Schülern herrscht, io viel wir wissen, das beste Einvernehmen, wie es ja auch wohl bei Knaben im Quartaneralter nicht anders zn erwarten tft. Allein eine derartige Aeußerung aus Lehrermnnde, die ganz dazu angethan ist, die jüdischen Mitschüler