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Der Israelit · 1893-05-01 · Heft 35 (1.5.1893) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 35 (1.5.1893)
Date
1893-05-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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667 fiett <5abbat wird Herr Bezirks-Rabbiner Kohn von Basel dahier candidiren. Nürnberg, im April. Interessante Aufschlüsse über die Stellung der Socialdemocratie zum Antisemitismus bietet ein Vortrag, den der Abgeordnete Liebknecht am vorigen Mittwoch dahier im Bürgersaale gehalten. Wir entnehmen demselben folgende bemerkenswerthe Stellen: „Wer vor 20 oder 30 Jahren, wo der Liberalismus in Deutschland herrschte, gesagt hätte, daß eine Bewegung wie der Antisemitismus emporkommen könne, der wäre reif für das Irrenhaus erklärt worden. Aber trotzdem ist es heute Wahrheit, wir haben heute diese Bewegung, welche sich gegen die Juden als Religion und Nation richtet und sich in keiner Weise von den schauerlichen Exzessen unterscheidet, wie sie vor 500 Jahren vorkamen. Der Antisemitismus als soziale Erscheinung ist in der heutigen Gesellschaft begründet. Wer Umschau hält, wird finden, daß alle Erscheinungen, welche in Deutschland einen Theil der Bevölkerung dem Antisemitismus in die Arme getrieben haben, auch in anderen Ländern zu Tage treten, wo die Juden keinerlei Einfluß haben; beispielsweise in Amerika, dem Lande nicht der Millionäre, sondern Milliardäre; dort spielt der Jude gar keine Rolle und doch erleben wir dort, daß die Farmer mit über 8000 Millionen Dollars verschuldet sind, aber nicht an Juden, sodern an christliche Geldmakler, Bankinstitute u s. w. Was dort ohne Dazwischenkunft der Juden geschehen ist, würde auch in ganz Deutschland geschehen sein, wenn wir keinen einzigen Juden im Lande hätten. Was den kleinen Mann zu Grunde richtet, hat mit Religion und mit Nationalität nichts zu thun; es ist der Kapitalismus, welcher die Massen aussaugt, welcher die gesammtc Menschheit in zwei schroffe Gegensätze, in Besitzende und Nichtbesitzende scheidet. Dieser Prozeß vollzog sich vor vierzig Jahren schon in England; wir sehen, daß dort der Mittelstand vernichtet ist, daß es keinen einzigen selbstständigen Bauer mehr giebt, daß jedes selbstständige Handwerk, soweit es sich nicht mit Flickarbeit befaßt, verschwunden ist, und hierzu war kein einziger jüdischer Groschen nöthig. Die Bismarck'sche Schutzzollpolitik hat das gethan, was gethan zu haben sie jetzt den Juden vorwirft. Das, was den kleinen Mann zu Grunde richtet, ist seine Armuth. Das kleine Kapital wird von dem größeren und dieses von dem noch größeren aufgesogen. Daher ist es mindestens verwerflich, einen Bruchtheil der Nation verantwortlich zu machen für das, was in der Natur des Kapitalismus liegt. Fragen wir nun, wie diese Bewegung in's Leben gerufen werden konnte, so! finden wir, daß sie gleichzeitig mit dem Haß gegen die Sozialdemokratie entstanden ist. Es war vollbewußtes Manöver, daß dem Volke der Jude hingeworfen wurde, um das Spiel zu verdecken, welches Bismarck hinter den Kulissen spielte. Betrachten wir, was heute den Juden vorgeworfen wird, so kommen wir auf das Gesetz der Nemesis, welches in der Geschichte stets zum Vorschein kommt. Im Mittelalter, wo das Volk in jedem Juden nicht nur den Fremden, sondern auch den Mörder des Stifters der christlichen Religion erblickte, war den Juden jede „ehrliche" Arbeit versagt; die drei ehrlichen Geschäfte waren das Handwerk, die Landwirthschaft und bei den Edelsten der Nation der Straßenraub. Da sie keines dieser Geschäfte ausüben durften, so mußten sie« sich auf den „unehrlichen" Gelderwerb verlegen, und durch eine merkwürdige Ironie der Geschichte hat es sich gefügt, daß das, was damals für unehrlich galt, heute, auf der höchsten Stufe christlichgermanischer Kultur, als erstrebenswerthestes Ziel gilt. So hat man die Juden künstlich zu Kapitalisten gezüchtet, sie find überall, wo sie unterdrückt wurden, die Pioniere des Kapitalismus geworden; bei ihnen hat sich die Geldwirthfchaft früher entwickelt als bei den Christen. Es fällt uns gar nicht ein, das jüdische Kapital sanfter anzugreisen als das christliche; der Jude ist, wie jeder andere Mensch, ein Produckt der Verhältnisse, er ist erzogen worden innerhalb seiner Geschichte; Knechtschaft erzieht eineztheils schwache Naturen zur Niedertracht, anderntheits kräftige Karaktere zu hoher, edler Gesinnung, Betrachten wir unserer eigene Geschichte, so sind es die Männer gerade aus den Reihen der Juden — Marx, Lassalle und Johann Jakoby — welche, am eigenen Leibe die Knechtschaft empfindend, zu Befreiern der Völker erstanden; und blicken wir auf die Literatur, auf die Musik, überall unter den Vorkämpfern finden wir in hervorragender Weise Juden. Es steht fest, das, was der Jude in wirthschaftlicher Beziehung vielfach thut, thut er nicht als Jude, sondern als Kapitalist, und daß ein größerer Prozentsatz Juden zu Kapitalisten geworden ist, daran ist eben ihre frühere Unterdrückung schuld. Man hat den Juden vorgeworfen, sie seien als Fremde in deutsches Land gekommen; aber es ist obsolute Thorheit, der Rasse wegen Jemand zu verfolgen. Wir Deutsche sind nachweisbar aus einer ganzen Reihe von Stämmen zusammengesetzt und diese Stamme selbst find nicht einmal mehr rein. Ebenso kulturwidrig ist es, Jemand seiner Religion wegen zu verfolgen. Und ist denn die jüdische Religion nicht ebenso logisch als die christliche? Die Beschuldigung, daß die Juden Christenlinder schlachten, ist Wahnsinn, der bei einem großen Theil des Volkes in neuerer Zeit wieder verbreitet worden ist. Der Ausspruch, der Antisemitismus sei der Sozialismus der Dummen, findet seine volle Berechtigung. O e st e r. - U n g a r. Monarchie. Wie», 28. April. Der österreichische Landtag hatte heute wieder seine Juden-Debatte, offenbar einem tiefgefühlten Bedürfnisse — der Volksvertreter abzuhelfen, denen der Faden ausgeht, wenn sie nicht aus dieser Quelle schöpfen können. Die Debatte über den Antrag des Schulausschuffes, dem Deutschen Schulvereine neuerlich eine Subenvention von 2000 fl. zu gewähren, brachte die Hetzreden der Antisemiten gegen diesen Verein und gegen die Juden. Der Freund des Prinzen Ltchtenstein und des Ehrenmannes Ahlwardt hielt eine seiner Mord- und Brandreden, welche der Landtag ruhig über sich ergeben ließ und die den Landmarschall Freiherrn v. Gudenus, der die erstaunlichste Geduld gegenüber dem Hemdärmenstyl der Antisemiten walten läßt, schließlich doch veranlaßte, dem Abgeordneten Schneider nachträglich den Ordnungsruf zu ertheilen. Dem Wiener Ahlwardt secundirte Monsignore Scheicher, der sich bei Bekämpfung des Deutschen Schulvereins mit großer Emphase auf sein Deutschthum berief. Die Antisemiten, welche Schneider applaudirten, als er das Zusammengehen mit allen Nationalitäten empfahl, um die Juden auszurotten, waren ebenso freigebig mit ihrem Applaus, als Monsignore Scheicher den Kampf gegen das Juden-

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