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Der Israelit · 1893-04-27 · Heft 34 (27.4.1893) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 34 (27.4.1893)
Date
1893-04-27
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XXXIV. Jahrgang. Wijstnschllsti. Beilage M M 34 des ^Israelit. u Moderne Gregeten von H. E Kaufmann, Cand. ptiil., München. Ist das Wahnsinn, so ist doch Methode dabei, das ist aber Wahnsinn ohne Methode. Hamlet. Mit Grätz hat eine neue Aera der Bibel- Interpretation begonnen. Während früher die Vernunft, mit welcher die göttliche Vorsehung ihre menschlichen Geschöpfe ausgezeichnet und bte Tradition , die sich von unseren frommen Ahnen seit urältester Zeit bis auf uns fortgeerbt hat, den die heilige Schrift erklärenden und inteipretirenden Commentatoren die wichtigsten Faktoren waren, mit deren Hilfe sie, an die Ausführung ihrer heiligen Aufgabe schritten, ist es heute vielmehr vorwiegend das Reich der grenzenlosen Phantasie, in dem sich viele der modernen Bibelinterpreten bewegen. Grätz' seltsame Hypothesen auf dem Gebiete der Bibel- Exegese sind allbekannt und erfreuen sich selbst in den neologsten Kreisen des besten Rufes nicht. Und doch erscheint uns die Grätz'sche Manier hocherhaben, wenn wir sehen, wie die Epigonen heute ohne Anwendung von Fleiß, Mühe und ernster Arbeit dickbändige Bücher fabrictren, um bei der Welt als Gelehrte zu gelten, über Gegenstände schreiben, die ihnen ganz fremd sind, mit deren Studium sie sich nie ernstlich beschäftigt haben. Wenn man z. B. eine exegetische Studie von Grätz liest, so kann man von diesem Buche trotz der eigenen gegentheiligen Ansichten nicht ohne das Gefühl scheiden: Der Mann scheint wenigstens mit dem Gegenstände, den er, behandelt, sich ernstlich beschäftigt zu haben. Welch ein anderes Gefühl dagegen bemächtigt sich unser, wenn wir ein Werk lesen und dabei die traurige Thatsache wahrnehmen, daß der Autor den Stoff, den er behandelt, überhaupt nicht beherrscht! Bedenkt man nun, daß der Gegenstand, den der Autor mit einer noch nie dagewesenen Leichtfertigkeit und Willkühr behandelt, ein Buch des heiligen Schriftthums ist, dann kann man wahrlich das Gefühl der Entrüstung, über die Art und Weise des Verfahrens nicht unterdrücken. Herr Rabbiner W. Reich aus Baden bei Wien ist unter die Historiker gegangen, und hat die gelehrte Welt mit einem Buche beglückt, das den hochtrabenden Namen trägt: „Das prophetische Schriftthum. Exegetisch-kritische Studien vorzüglich auf historischer Grundlage (?)" Dieses Buch soll der I. Band zu einem größer angelegten Werke sein, und behandelt den Propheten Jesajas. Schon aus der Einleitung erkennt man, daß Herr W. Reich nicht die geeignete Persönlichkeit ist, um in dieser großen Frage, wie man den Propheten Jesajas aufzufassen hat, das Wort zu ergreifen. Die von Grätz ausgesprochene Behauptung, als hätten die Römer Revisoren aufgestellt, das heilige Schrtftthum zu bewachen, setzt unser Verfasser als ewige Wahrheit voraus, ohne jedoch Grätz zu nennen. Herr Rabb. W. Reich geht aber noch einen Schritt weiter und meint, diese Revisoren hätten kein Hebräisch gekonnt, ohne diese Behauptung zu beweisen. Bis heute war ich stets der Meinung, daß Jesajas erhabene gottbegeisterte Weissagungen enthält. Nun belehrt uns der in Rede stehende Autor eines Besseren: Jesafas enthält, wie der Verfasser sich geistreich ausdrückt, Orakel. Das Interessanteste aber in diesem hohen GeisteSprodukre des Herrn Rabb. Reich ist die geniale Entdeckung von ihm., daß Jesajas den Juden nur deshalb Strafpredigten hielt, weil sie stümperhafte und keine kunstvollendete Götter, wie etwa die Hellenen, angebetet haben. Wunderbar! Wären also, nach der Ansicht des Verfassers, unsere Vorahnen vor einer schönen und kunstvollendeten Venus in anbetungsvoller Demuth hingefallen, so hätte dies der gottbegeisterte Prophet Jesajas mit Wohlgefallen hingenommen. — Der 24. Ps. rwta r>nri sei ein Dekret Jannaeus Hyrkanos, meint der Verfasser des „Prophet. Schrifthums aus historischer Grundlage." Jannaeus Hyrkanos soll mit diesem Dekrete gegen die Sadducäer, welche nur an Zufall aber nicht an Gottes allweiser Vorsehung geglaubt hätten, sich geneckt haben. Woher der Verfasser diese historische Kenntniß hat, wissen wir wahrhaftig nicht. Aus Josephus geht nur hervor, daß sie die Willensfreiheit geleugnet haben, indem sie auf die Thora sich beziehend, meinten, es gebe keine individuelle Willensfreiheit, denn Gott leite alles *), während die Pharisäer die Willensfreiheit des Individuums entschieden und rückhaltlos betonten. Der Mensch soll sich moralisch selbst bestimmen meinten mit Recht die Pharisäer. Denn nur dann, wenn es ein sittliches Handeln gibt, das dem Willen des eigenen I ch s entstammt, kann es eine gerechte Vergeltung, resp. Belohnung und Bestrafung gebend. Grätz im III. Bande seiner „Geschichte der Juden" 1) Jos Antiqu. Jnd. Liber XIII. Cap. IX. Ed. Guillemi Vindoriii. 2) Im Tr. Berachoth f. 33b heißt es wörtlich: N'2 >3n D’ottvrwve pn n’ottf.

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