Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-04-20 · Heft 32 (20.4.1893) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 32 (20.4.1893)
Date
1893-04-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448346--36189-2484205
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

..-I J.I,... J,v^, n^.„ ,,^,,....t. XXXIV. Jahrgang. Erste Beilage M M 32 des „Israelit“. Leitende Artikel. Jüdische Koleks in den Wadeorten. Von Dr. Mannheimer, Großh. Oldenburg. Landesrabbiner. Alljährlich, wenn der Sommer einziehet und die Strahlen der Sonne immer drückender auf das menschliche Haupt herniederfallen, da reget sich in den Herzen der arbeitenden Menschheit der Gedanke an eine Erholung im Bade. Der Leidende sucht zur Herstellung seiner Gesundheit einen für seine Krankheit geeigneten Sommeraufenthalt, der Gesunde kann nach freiem Ermessen wählen, der Eine liebt das Gebirg, der Andere die See und wer mit irdischen Gütern gesegnet ist, kann sich sogar Beides leisten. Nur der gesetzestreue Jsraelite ist häufig in seiner Wahl gehemmt, die Frage einer rituellen Kost im Badeorte ist nur allzuoft eine sehr schwierige. Er hat im ganzen Jahre mit großer Gewissenhaftigkeit alle Speisegesetze beobachtet, er begnügt sich nicht mit dem Umstande, daß ein Hotel einen jüdischen Besitzer hat und doch häufig die streng rituelle Herrichtung der Speisen in Frage gestellt ist, sondern er will da speisen, wo er mit ruhigem Gewissen Alles, was ihm vorgesetzt wird, genießen kann, ohne sich mit der Frage des „Wie" oder „Woher" beschäftigen zu müssen. Ihm bleiben deßhalb so manche schönen Plätze unzugänglich, ihm wird so manchmal der Badeaufenthalt durch rituelle Besorgnisse getrübt, und wenn gar die „Tage der Mtlchkost" in seinen Badeaufenthalt fallen, dann wird die Sache noch kritischer. Es ist deßhalb mit eine der wichtigsten Aufgaben der Rabbinen für die Errichtung streng ritueller Hotels in den Badeorten Sorge zu tragen, einerseits um den frommen Juden das zu bieten, was Anderen geboten wird, andererseits um die sogen. „Halben" nicht zum Genüsse des Unerlaubten zu veranlassen. Für diese Hotels selbst aber ist cs besondere Pflicht in keiner Weise anderen Hotels nachzustehen, weder in Qualität, noch in Quantität, noch in Ordnung und Reinlichkeit, da leider viele Juden in jüdischen Hotels mit besonders kritischer Miene speisen und häufig die mannigfaltigsten Vorurtheile bei den „Semi-Semiten" über jüdische Hotels herrschen. Was aber kann in dieser Sache geschehend Es ist ein großer Jrrthum in den Kreisen unserer Glaubensbrüder, wenn sie glauben, daß durch Anstellung eines von orthodoxen Autoritäten geprüften Schochets, diese betreffenden Rabbinen auch für das Kaschrus im Hotel verantwortlich seien; eine solche Verantwortung kann Niemand übernehmen, obgleich ein gewissenhafter Schochet die erste Grundbedingung ist. Will der Schochet aber voll und ganz seiner Aufgabe sich widmen, so hat er unmöglich die Zeit, beständig die Aufsicht in der Küche zu führen, was häufig auch zu Reibereien Anlaß gibt. In die Küche gehört eine Fr au, die an sich schon mit allen Vorschriften und Einzelheiten vertrauter ist. als der Schochet, und die nichts thut, als die Aufsicht führt. Der Name des Schochet, ebenso die Namen der Rabbinen dürfen nicht als Koscherzettel benutzt werden, sondern es muß das Ganze vom Einzelnen bis zum Allgemeinen mit peinlichster Gewissenhaftigkeit durchgeführt sein. Und wenn man auch häufig sagt: „Beim Guten braucht man keine Aufsicht, und beim Schlechten nützt keine Aussicht", so bin ich doch der Meinung, daß eine einheitliche Organisation in dieser Hinsicht vom großen Segen sein wird, wenn es auch selbstverständlich ist, daß man am sichersten da speiset, wo Wirth und Wirthin selbst in jeder Beziehung volles Vertrauen verdienen, wo ihre Frömmigkeit nicht die Frucht sondern die Wurzel des Geschäftes bildet. Es gehört nicht nur zur rituellen Einrichtung, das was im Innern der Küche vor sich geht, sondern noch viel mehr das, was von außen kommt. Die Quelle, woher kalte Fleischwaaren bezogen werden, muß ebensolches Vertrauen genießen wie das Hotel, es darf nicht einzelnen Badegästen die Aufgabe zufallen, sich über diese Bezugsquellen zu orientiren. es darf nicht durch solche Zweifel und Unregelmäßigkeiten der Badeaufenthalt dem Einzelnen getrübt werden. Die nächstwohnenden Rabbinen selbst kommen häufig in Verlegenheit, da sie stets Auskunft zu geben bereit sein müssen, sie können weder dem Hotel etwas Ungünstiges nachsagen, noch wollen sie eine volle Verantwortung übernehmen. Deßhalb will ich mit diesen Zeilen die Blicke meiner College» auf diesen hochwichtigen Gegenstand richten und einen Vorschlag ihnen unterbreiten, der meines Erachtens nach die einzige Lösung zur einheitlichen Organisation bildet: Die „Freie Vereinigung für dieJnteressen des orth.Judenthums" bildet aus ihrer Mitte ein Comitv, bestehend aus frommen Männern von Süd- und Norddeutschland und besorgt für diejenigen Hotels, die sich der Aufsicht dieses Comitss unterziehen wollen, in jedem Jahre einenSchochet und eine Aufsichtsfrau und schreibt den Hotels ihre Be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.