Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 32 (20.4.1893)
- Date
- 1893-04-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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zu leisten, welche Kraft wäre im Stande, sie zu bezwingen? Zerstörend und vernichtend rast die Windsbraut über die Erde, zucken die Blitze durch die Luft, beängstigend rollt der Donner über unserem Haupte und der Segen des Regens wird zum Fluch — zum Wolkenbruch. Aehnlich den entfesselten Elementen wirken die aufgeftachelten Leidenschaften eines irregeleiteten Volkes; auch sie tödten und vernichten, zerschmettern und werfen nieder ohne Grenzen, ohne Erbarmen und das, mein liebes Kind, ist das Gespenst, welches ich sehe, ist der Geist, der mich schreckt, ist die Zukunft, die ich fürchte. Die Antisemitenprediger ziehen von Ort zu Ort, überall hetzend, überall gegen die Juden agittrend. Das Volk kann das Wahre vom Falschen nicht unterscheiden und nimmt ihre Lügen für Wahrheit, ihre Heuchelei für Ehrlichkeit. So dringt das Gift des Religionshaffes in immer breitere Schichten der Landbevölkerung, den Frieden untergrabend, das Vertrauen schädigend. Die Regierung sieht diesem glimmenden Feuer unthätig zu; mit verschränkten Armen und kindlicher Vertrauensseligkeit stehen unsere Glaubensgenossen da und betrachten, als ob er sie gar nichts anginge, den Brand. Heute wäre es noch ein Leichtes, die Bewegung im Entstehen zu unterdrücken, den Brand vor dem Ausbruch zu löschen — aber Keiner hebt die Hand dazu auf — bis es zu spät ist. Wenn erst die Flammen der Leidenschaften emporlodern, wenn erst der Brand des fanatischsten Religionshasses auch in die besseren Schichten unseres Volkes gedrungen ist und dort seine verheerende Wirkung begonnen hat, dann ist's zu spät. Dann werden die Führer, welche diese Bewegung angeregt haben, die Herrschaft über dieselbe verlieren; sie vermeinen zu schieben und werden selbst geschoben und dem reißenden Strome gleich, der seine User überfluthend, alles vernichtet, wird der Antisemitismus nicht nur die Juden verderben, sondern auch die Christen vernichten und selbst dem Staate gefährlich werden. Eine Partei nur wird Vortheil aus diesem Elende ziehen — die Umstürzler — die Anarchisten." „Schweige Väterchen," rief Rahel ängstlich, „das ist ja die Revolution! Gott schütze uns vor solchem Unglück." „Es ist das Gespenst, welches mich schreckt, das Ende, welches ich fürchte. Möchte ich mich irren!" Seufzend hielt Benjamin inne; auch Rahel saß still neben ihrem Vater und während draußen der Sturm in ununterbrochener Heftigkeit fortwüthete, zogen gräßliche Bilder vor dem Geiste des Vaters und der Tochter vorüber. Trostlos blickte Rahel auf ihren Vater, dessen Anllitz Spuren großer Sorge zeigte. Sie kannte ihn und wußte, daß er sich nicht unnützer Sorge hingab und deßhalb beschlich sie eine furchtbare Angst. Aber nicht lange währte diese. Ihr Gottvertrauen und der frische Muth der Jugend halfen ihr auch darüber. Sie schlang die Arme um den Hals ihres Vaters, küßte ihn auf beide Wangen und sprach mit fester Stimme: „Nur nicht verzagt, Väterchen; haschem li, lau iro, ma jaase li odom. Gott ist mit uns, wir fürchten nichts! Was können Menschen uns anthun? Uns schützt er, der über den Wolken thront, der Herr ist über Sturm und Donner. In seiner Macht liegt unsere Hilfe, in seinem Willen unser Schutz. Sein Wort ist unsere Zuflucht, seine Lehre unser Schild, er selbst unser Wächter, unser Vater, und „hine lo jonum welo jischon schomer jisroel — siehe es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels." Wie eine Prophetin stand Rahel vor ihrem Vater; in edler Begeisterung leuchtete ihr Antlitz. Muth und Gottvertrauen blitzte aus ihren Augen und himmlische Ruhe zog in ihr Herz. Sie war getrost in solchem Schutze und sicher in solchem Schirme. Der Sturm schien nun nachzulassen. Benjamin erhob sich und verließ das Zimmer seiner Tochter, welche sich wieder zur Ruhe begab, und während die Jugend alsbald ein gesunder Schlaf umfing, wachte das Alter bis zum Morgengrauen und sorgte und sorgte. V. Der furchtbaren Nacht war ein herrlicher Tag gefolgt. Die Sonne schien so freundlich auf die Erde, die Vögel zwitscherten so vergnügt in den Zweigen, die Blumen dufteten so lieblich am Wege, daß die Menschen im Genuß der Herrlichkeit des Tages alsbald die Angst und Schrecken der Nacht vergaßen. Wohl hatte der Sturm großen Schaden verursacht, manche Hoffnung vernichtet; wohl lagen die Getreidefelder zerzaust da, waren die Bäume eines großen Theiles ihrer Früchte beraubt — aber die Natur ist so reich, Gottes Allmacht so groß, daß der Schaden dieser Nacht reichlich ersetzt, die Hoffnungen, die vernichtet erschienen, in anderer Weise erfüllt werden konnten. Das menschliche Herz hofft ja, so lange es lebt und erst mit seinem letzten Schlage hört auch die Hoffnung auf; mag die Nacht noch so dunkel, die Sorge noch so schwer sein — die Hoffnung erleuchtet das tiefste Dunkel, erleichtert die schwerste Sorge. Die Hoffnung belebt den gesunkenen Muth und gibt Körper und Geist neue Spannkraft zum Kampfe mit dem Dasein; denn ein Kampf ist unser Leben, ein immerwährender, dauernder Krieg.