Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 29 (10.4.1893)
- Date
- 1893-04-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. M 29. Der Israelit. Ein AenLrat-Hrgan für das orthodore IudenLhum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, den 1«. April 5653 (1893). Leitender Artikel. Sprüche der Witter. Viertes Buch. LVII. M ainz, riDB bw jn tid«. Wenn diese Blätter unter die Presse gelangen, find es bereits drei Jahre, daß der Begründer des „Israelit" abberufen wurde vom Schauplatze seiner irdischen Thätigkeit. Wenn es einen Trost gibt für den unendlich großen Verlust, den wir mit seinem Heimgange erlitten, so ist es nur der, daß es uns vergönnt ist, in seinem Sinne und an seinen Werken weiterzuarbeiten, (y-in rrro) hu r6y nwn Wie dereinst unser großer Lehrer Moscheh, so hat auch unser Vater sich Gott stets als den allgerechten, strengen Richter vorgestellt und sein Leben demgemäß gestaltet. (D'omn mo) 't «ip'i Er durfte daher dem Rufe Gottes, als dem Rufe des Allerbarmers, mit Freude folgen. (Vgl. Nr. 20 des „Israelit", XV. Jahrg., d. erste Leitart. von Dr. Lehmann bn.) In der Erklärung der Sprüche der Väter sind wir bis zur folgenden Sentenz gelangt: ibid ’Jtyc minn nw crpon b -idik ■jnjv ’m nbb ot ,-itrij/o rmnn ns boson bi no”p^> .’jryo Rabbi Jonathan sagt: „Wer die Thora aus Armuth erfüllt, der wird sie auch aus Reichthum erfüllen und wer die Thora vernachlässigt aus Reichthum, wird sie vernachlässigen aus Armuth." Rach der gewöhnlichen Auffassung dieses Ausspruches steht ihm die tägliche Erfahrung entgegen, da es doch thalsächlich viele Leute gibt, welche die Thora in Armuth erfüllen und arm sterben, ohne je dazu zu gelangen, sie auch in Reichthum zu erfüllen. Eine sorgfältige Beachtung des Ausspruchs l dürfte jedoch ergeben, daß er vielleicht nicht von jeder Erfüllung der Thora in Armuth behauptet, daß ihr nun auch die Erfüllung in Reichthum folgen werde. Es heißt nicht, wer die Thora ■o-ijn in Armuth erfüllt, wie wir hätten erwarten sollen, sondern 'Zixv, wer sie aus Armuth oder durch Armuth erfüllt. Die Thora in Armuth erfüllen, heißt ihr volle Rechnung tragen, trotz der Armuth und der Hindernisse, welche Mangel und Dürftigkeit der Verwirklichung der Thora entgegenstellen. Die Thoraerfüllung aus Armuth und durch sie, ist eine solche, die sich nicht trotz der Armuth bewährt, sondern gerade durch sie erreicht wird und ohne sie gar nicht möglich ist. Ein Beispiel, welches dieses veranschaulicht, bietet uns Rabbi Jonathan selber durch ein Erlebniß, welches uns an anderer Stelle mitgetheilt wird, und das so recht die Thatsache bestätigt, wie das Leben unserer großen Weisen der treue Ausdruck ihrer Lehre und ihre Lehre die Bestätigung ihres eigenen Lebens ist. Im Talmud Baba Bathra Fol. 8 a wird berichtet: Rabbi hatte zu Zetten der Hungersnoth seine Vorrälhe geöffnet und gesprochen, es mögen eintreten, alle Kenner der Schrift, der Mtschna, der Gemara, der Halacha und der Hagada, nur rohe Unwissende sollen nicht eintreten. Da drängte sich Rabbi Jo n ath an den Amram vor, trat ebenfalls ein und sprach: „Meister, gib mir zu thun!" „Hast Du die heilige Schrift gelernt?" fragte Rabbi. „Nein", erwiederte Rabbi Jonathan. „Hast Du Mischna gelernt?" „Nein." „Auf was hin sollte ich Dir zu essen geben?" „Gib mir zu essen, wie Gott den Hund und den Raben speist." Daraus gab er ihm zu essen. Als er weggegangen war, verdroß es Rabbi, daß er sein Brod einem Unwissenden gegeben. Da sprach sein Sohn Rabbi Simeon zu ihm: „Vielleicht war es Jonathan den Amram Dein Schüler, der von der Ehre der Thora keinen Gewinn ziehen will." Man forschte nach und fand, daß dem so war. Da sprach Rabbi: „Nun mögen alle eintreten."