Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 25-26 (27.3.1893)
- Date
- 1893-03-27
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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496 „Das ist dem Herrn seine Sorge", erwiederte die Müllerin barsch. „Nein, nein", antwortete Grete, „es geht mich ja nichts an; aber die achtzehn Mark thun mir leid; und die schönen Ochsen auch", fügte sie leise hinzu. Brummend ging sie aus der Küche. Die Müllerin ärgerte sich, doch konnte sie der Grete nicht unrecht geben und sie wollte ihren Mann bitten, nachträglich noch das Trinkgeld für die Magd zu fordern. Die Müllerin kümmerte sich im Allgemeinen wenig um das Geschäft; sie war erst seit einem halben Jahre verheirathet und da sie eine sogenannte Neigungspartie gemacht hatte, schien ihre Ehe eine glückliche zu sein. Ihr Mann war brav und fleißig, wenn auch von geringer Herkunft. Er hatte die Müllerei theoretisch und praktisch erlernt, war weit in der Welt herumgekommen und schien alles zu thun, was er seiner Frau an den Augen ablesen konnte. Der alte Balz hatte viel von ihm gehalten, und als er um die Hand der schönen Luise, der Tochter des Müllers anhielt, hatte sich dieser acht Tage besonnen, ehe er seine Einwilligung zur Heirath gegeben. Die Brautleute liebten einander innig und ehe zwei Monate ins Land gekommen waren, hatten sie Hochzeit gefeiert. Der alte Baz hatte seinen Kindern sein Haus und sein Geschäft mit Freuden übergeben und sich als Altentheil zwei Stübchen in der Mühle Vorbehalten. Er sollte sein Altentheil nicht lange genießen. Vierzehn Tage nach der Hochzeit fanden ihn seine Kinder eines Morgens sanft entschlafen. Ein Schlagfluß hatte seinem Leben ein Ende gemacht; sanft war er hinübergeschlummert in jene Gcfilde, die jenseits des Grabes uns erwarten und wohin ihm vor zehn Jahren seine Frau vorausgegangen war. Der Tod des Vaters hatte Luise furchtbar mitgenommen, aber die Pflichten, welche die große Wirthschaft ihr auferlegten, gestatteten ihr nicht, sich der Trauer allzusehr hinzugeben und in der gewissenhaften Erfüllung dieser Pflichten, fand sie Trost, in der Arbeit Ablenkung von dem großen Schmerz, der sie betroffen. Heute war sie von ihrem Manne zum ersten Male mit Schmerz an ihren seligen Vater erinnert worden l Wäre er noch am Leben, so hätte ihr Mann sicher diese Dummheit nicht begangen und den alten Benjamin erzürnt — und erst die Wechsel! Wären sie doch nur schon bezahlt! Freilich, wenn morgen das Geld für die Ochsen — aber die waren ja aufs Gewicht verkauft und wurden erst, nachdem sie geschlachtet worden waren, bezahlt. Zum ersten Male in ihrer jungen Ehe trat die Sorge an sie heran und raubte ihr die Ruhe. Die Abendmahlzeit ging wortlos vorüber. Vor dem Gesinde, welches an derselben Theil nahm, mußte sie vorsichtig sein, denn gar rasch merken die Dienstboten auch die kleinste Verstimmung ihrer Herrschaft und suchen sie auszunützen. Nach beendigter Mahlzeit erhob sich der Müller und sprach: „Ich gehe noch einmal ln's Dorf, Luise. Bis um zehn Uhr denke ich wieder hier zu sein." Die Müllerin nickte schweigend. Doch als der letzte Knecht die Stube verlassen hatte, sprach sie: „Mußt Du heute Abend noch ln's Dorf? Hat's nicht Zeit bis morgen früh?" „Nein," entgegnete er kurz, „ich muß heute noch —" „Wohl wegen der Wechsel?" „Ja, ich muß auf alle Fälle wissen, wie hoch die Summe ist, die übermorgen fällig wird." „Und wenn sie nun so hoch ist, daß —" „Nun? Daß —" „Daß Dein Geld nicht reicht, was dann?" „Das befürchte ich nicht; schlimmsten Falls wird der Wechsel vierzehn Tage polongirt." „Um Gottes Willen, Karl, lasse Dich doch nicht anderer Leute halber auf solche Wechselreitereien ein! Wenn Benjamin nun den Wechsel nicht prolongirt?" „Ha, ha, ha! Du machst Dir wahrlich unnöthige Sorgen! Für Geld thut der Jude alles, kannst Du alles von ihm haben. Für zehn Prozent Verzugszinsen prolongirt er mir den Wechsel so oft ich will." „Meinst Du? O hättest Du es doch nicht nöthtg, ihn darum zu bitten! Ich glaube, Du täuschst Dich im alten Benjamin." „Ah, bah! ich will schon mit ihm fertig werden. Sorge nicht!" Nach diesen Worten entfernte sich der Müller. Vor dem Thore steckte er seine kurze Pfeife in Brand und ging raschen Schrittes dem Dorfe zu. (Fortsetzung folgt.) M n % e i o e u« Für den folgenden Theil ist die Redaktion nicht verantwortlich. “itrs HOTEL FALK, Elberfeld.