Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 25-26 (27.3.1893)
- Date
- 1893-03-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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487 in denen Ahlwardt Meister ist. Aber der Reichstag vereitelte seinen verschmitzten Plan, indem er sofort den Senioren-Eonvent mit der Prüfung der von Ahlwardt vorgelegten Dokumente beauftragte und sich zu diesem Zweck vorübergehend vertagte. Von 1 Uhr 45 Minuten bis 3 Uhr 5 Minuten währte die Pause. Eine Weile vor der Wiederaufnahme der Verhandlungen erschien Ahlwardt, den der Seniorenkonvent zur Auskunftsertheilung vorgeladen hatte, wieder im Saale. Er suchte hier und da mit einem Abgeordneten ein Gespräch anzuknüpfen, doch alle ließen ihn stehen — alle mieden den moralisch Geächteten, den berufsmäßigen Lügner und Ehrabschneider. Nur Herrn Stöcker trieb sein mitleidiges Herz an, ein paar gleichgültige Worte an ihn zu richten. Nun trat auch die Kommission wieder in den Saal. Unter lautloser Stille des Hauses ergriff Graf Ballestrem als Berichterstatter des Seniorenkonvents das Wort zur Abgabe einer Erklärung, in der er mit einer nicht mißzuverstehenden Schärfe des Ausdrucks, der nur durch die gute parlamentarische Sitte mildernde Schranken gezogen wurden, die Thatsache seststellte, -atz Ahlwar-t auch nicht den Schatten eines Beweises erbracht habe, für das, was er behauptet, und -atz ein Verfahren, wie viefer Abgeordnete es eingefchlagen, bisher unerhört gewesen fei im deutschen Reichstage. Ein Gefühl tiefer Befriedigung ging bei diesen Worten durch das Haus, und die meisten der Anwesenden standen unter dem Eindruck, als ob in diesem Augenblick eine moralische Hinrichtung vollzogen worden sei. Jndeß Ahlwardt ist zählebig. Dreist und keck, als wäre gar nichts geschehen, ergriff er nunmehr das Wort, um abermals neue Lügen in die Welt zu setzen. Er behauptete jetzt mit einem Male, daß er in der gestrigen Sitzung weniger von Betrügereien beim Jnvalidenfonds, als im Allgemeinen von schlimmen Dingen gesprochen habe, die vorgekommen seien und die er unter Beweis stellen könne. An diesen Mogeleien seien sogar Personen dieses Hauses und ein Mitglied der jetzigen Regierung betheiligt gewesen. Das habe er behauptet, sonst Nichts. Daß der amtliche parlamentarische Bericht dieser seiner Darstellung widerspricht, das thut einem Ahlwardt Nichts. Er stellt seine Behauptung auf und ist fertig. — Die Beweise für die Richtigkeit der von ihm gemachten Enthüllungen befänden sich bei den Akten, die er heute nicht zur Stelle habe, weil sie sich in Dresden befänden, setzte er alsdann noch hinzu. Nach den Ferien werde er diese Akten dem Hause vorlegen. Und um seine Rede würdig zu beschließen, theilte er rasch noch mit, daß bei den Akten, die er nicht hier habe, ein Brief des Präsidenten eines auswärtigen Staatsgerichtshofes an einen hervorragenden deutschen Staatsbürger sich befinde, worin Briefschreiber sich für eine Geldsendung bedanke, die ihm geworden sei, indem er gleichzeitig bitte, man möge auch seine Kollegen berücksichtigen. Wie man sieht, ist diese Mittheilung in jedem einzelnen Wort möglichst unklar gefaßt. Es kommt Ahlwardt sichtlich nur darauf an den ungeheuerlichsten Vermuthungen auch in diesem Falle Thür und Thor zu öffnen und die Spannung der Neugierde auf das Höchste zu steigern. Gelingt ihm das, so wird er trotz allem, was ihm heute geschehen, in den Ferien noch glänzende Geschäfte machen. Ahlwardt glaubte, als er in dieser unerhörten An, sich „verantwortete", daß er die schlimmste Züchtigung bereits überstanden habe. Aber die sollte erst kommen. Die Abg. Richter, v. Manteuffel, Dr. Lieber, Rickert, sogar Stöcker, Zimmermann und Liebermann v. Sonnenberg — alle, alle waren sie einig in der Verurtheilung Ahlwardt's. Einzelne Redner, besonders Dr. Lieber vom Eentrum, wandten sich geradezu in vernichtenden Ausdrücken gegen die unanständige Kampfesmethode Ahlwardt's, der einen Ton und Gepflogenheiten in die parlamentarischen Verhandlungen zu bringen versuche, die da unter keinen Umständen geduldet werden dürften. Herr Stöcker meinte — offenbar um dem Angeklagten mildernde Umstände zu erwirken — man brauche Ahlwardt nur anzusehen, um sofort zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß dieser Mann nicht fähig sei, Politik in einem höheren Sinne zu treiben. Freilich Herr Stöcker versteht des besser. Er hetzt nicht so plump und lügt nicht so ungeschickt wie Ahlwardt. Dennoch ist er und sind seine antisemitischen Freunde für alles, was Ahlwardt thut und treibt, verantwortlich. Ihre Kreatur ist der Mann, sie haben ihn so lange gehätschelt und gefördert, bis er endlich das geworden, was er heute ist. Und auch die Konservativen haben keinen Grund nunmehr sich über Ahlwardt's Treiben sittlich zu entrüsten. Sie wußten weß' Geisteskind der Mann war und haben seine Kanditatur empfohlen. Den Schmutzfleck Ahlwardt können alle diese Herren nicht von sich abwaschen. Es war gut, daß ihnen das vom Abg. Rickert ausdrücklich gesagt wurde.... Moralisch zerschunden und zerbläut verließ Ahlwardt am Mittwoch nach Schluß der Sitzung den Reichstag. Draußen wurde er von der Volksmenge mit enthusiastischen Hochs empfangen. Und desselbigen Abends noch sprach er in Spandau vor einer tausendköpfigen Versammlung, die zum großen Theil aus Beamten und Arbeitern der Gewehrfabrik zusammengesetzt war, in seiner bekannten hetzerischen Weise. Er hielt alle seine lügnerischen Behauptungen aufrecht und ließ durchblicken, daß auch im Reichstag der Einfluß zu groß sei, als daß dort jemals die Wahrheit offenbar werden könnte. Dafür drückt ihm der Vorsitzende der Versammlung, Hauptmann a. D. Herler, Kaffirer -es Vereins zur Verbreitung konservativer Zeitschriften, unter dem stürmischen Jubel der fanatisirten Menge den Lorbeerkranz aufs Haupt. Die Frau Rektor scheint ihrem Gatten von nun ab die bekannte Pappschachtel wieder mit auf Reisen geben zu wollen. Allem Anschein nach, wird das Versammlungsgeschäft trotz der schweren parlamentarischen Katastrophen, die über Ahlwardt in letzter Zeit hineingebrochen sind, eine Einbuße nicht erleiden. Und dennoch werden die Reichstagsverhandlungen, bei den denkenden Leuten wenigstens, einen tiefen Eindruck hinterlassen. Die fanatischen Antisemiten gehören leider nicht zu den denkenden Leuten. . . . Ahlwardt wollte ein deutsches Panama der staunenden Welt offenbaren; bis jetzt hat er nur gezeigt, daß