Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 22 (16.3.1893)
- Date
- 1893-03-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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419 mer geleitet hatte, „Ihnen sofort eine Mittheilung zu machen, die Sie erfreuen und beglücken wird. Ein Diener Ihres Hauses, wie es wohl nie einen treuern auf dieser irdischen Welt gegeben, ist gestern hier eingetroffen und kann es vor verzehrender Ungeduld nicht erwarten, Sie zu sehen, zu sprechen." j „Sie können nur von Josel Deidelsheimer | sprechen", rief Rafael Fränkl, „wenn er lebt, dann i lebt auch mein Vater, wenn Deidelsheimer nicht! von den Wellen verschlungen wurde, dann wurde auch mein Vater gerettet, Josel Deidelsheimer hätte meinen Vater in seiner Todesnoth nicht verlassen!" „Sie haben das Richtige getroffen. Deidels-! heimer hat sich mir gestern vorgestellt, wohl hatte i ihn unsere Aufforderung nach Wien zu kommen, in! einer ungarischen Gemeinde getroffen, aber es hätte derselben für ihn nicht bedurft, er war eben auf dem Wege zu mir. Er hoffte von mir Näheres über das Schicksal der Fränkl'schen Familie zu erfahren. Aus meiner Aufforderung ersah er, daß Sie, Herr Rafael Fränkl, bei mir wären und schöpfte daraus auch die Hoffnung, daß die Frauen am Leben und von diesen baldigst Nachrichten bei mir einlaufen würden. Wenn Sie ihn sprechen wollen, wird er Ihnen sagen, daß Ihr Familienoberhaupt in weiter Ferne, tn der heiligen Stadt Jerusalem, ruhig lebt und überglücklich sein wird, zu erfahren, daß seine feste Zuversicht: auch die Seinen seien glücklich gerettet, sich bewahrheitet, daß dir Gefahr, die über Ihren Häupter schwebte, durch Gottes Gnade gänzlich abgewendet ist."; „Wo ist Josel Deidelsheimer?" riefen Mutter, | Sohn und Tochter, wie aus einem Munde. Wertheimer schritt der Thüre eines Kabinetes zu, öffnete dieselbe und der treueste Diener, der j edelste Mensch, Josel Deidelsheimer überschritt z die Schwelle. Bei dem Anblicke der Fränkischen \ Familie, gerieth er vor Freude in fast sinnlose Aufregung, er riß Rafael an seine Brust, bedeckte seine Haare, seine Augen, seinen Mund mit tausend heißen Küffen, uud rief vor Rührung schluchzend j und vor Glück jubelnd: „Ich habe viel Leid und Schmerz erfahren, aber die Wonne dieses Augenblicks, in welchem l ich Euch Alle wohl und glücklich und im Besitze j der Ehre, die Euch gebührt, wiedersehe, wiegt alles j auf, was ich erlitten!"! „Wie der Herr Oberhoffaktor die Gnade hotte j uns mttzutheilen", sprach Dina, „befindet sich mein j Herr und Gatte wohl behalten in Jerusalem. Ihr treuer Mann habt ihn bis nach der heiligen Stadt begleitet?" und als Deidelsheimer vergnügt und selbstbewußt, bejahend mit dem Kopfe nickte, fuhr Dina fort, „nun setzt Euch, Reb Josel und erzählt ausführlich, in welcher Weise, Gott Euch wunderbar geschützt und wie es meinem Gatten seit der Nacht des zwanzigsten November 1717 ergangen." „Das will ich gerne thun, doch will ich nichts, was Ihnen schon bekannt ist, wiederholen. Ich beginne mit dem Momente, wo ich neben dem Rabbi im Wagen saß, den Kutscher zur höchsten Ekle an- , spornte und erwartete, daß wir an der Stromesbiegung die beiden Damen finden und uns der junge Herr am Ufer bald Nachkommen würde. Als wir allein im Wagen saßen, sprach unser Rabbi: Ich sehne mich darnach, Weib und Kind zu sehen, f ich halt' nicht mehr gehofft, dieses Glück hier auf j Erden zu erleben, ich will sie segnen, dann aber * ascher nodarti aschalem.2 3) — Ich wußte nicht, was der Rabbi; mit diesen Worten sagen wollte und er war nach kurzer Pause fortgefahren. Dir, Reb Josel dank' ich aus voller Seele, Du hast weit mehr als Deine Pflicht gethan. Daß mein Sohn sein Leben eingesetzt, mich aus den Qualen des Mauerthurms zu erlösen, ist leicht erklärlich. Ich will damit nicht sagen, daß er in gleicher Lage mit Dir, nicht ebenso gehandelt; denn er ist ein Mensch, dessen Vater zu sein, ich stolz bin; aber in diesem Falle hat er nur seine Pflicht erfüllt, ich bin sein Nächster hier auf dieser irdischen Welt. Du aber, Josel Deidelsheimer, hast Weib und Kind, i Du hast die heilige Pflicht Dich Deiner Familie, zu erhalten und doch hast Du Dein Leben gewagt, mich zu retten! Das will ich Dir gedenken, nicht nur so lange ich lebe, nein! auch wenn ich eingegangen bin zu meinen Vätern, will ich Deiner in Lieb' und Dankbarkeit gedenken und Gott anflehen Dich und die Deinen zu segnen!" Deidelsheimer mußte einen Moment bewegt innehalten und auch die beiden Frauen vermochten ein leises Schluchzen nicht zu unterdrücken. „Wir hatten, während der Rabbi sprach, eine kurze Strecke auf der Eisfläche zurückgelegt, als plötzlich ein Knistern und Knarren der Eisdecke unter den Wagenrädern an mein Ohr schlug. „Wende den Wagen!" ries ich in höchster Bestürzung dem Kutscher zu, „ans Ufer, ans Ufer! Du bekommst noch dreihundert Gulden über den bedungenen Lohn, wenn Du uns glücklich ans Land bringst", aber der Kutscher erwiederte in seinem Dialekte, „was nützt mich das Geld, wenn ich ersöffe bin", durchschnitt rasch die Wagenstränge, schwang sich auf eines der Pferde, und verschwand im Dunkel, uns in dem Wagen ohne Pferde zurücklassend. Wir befanden uns in einer furchtbaren Lage; aber Gott, dorueb bub) verlieh mir in dem entscheidenden Momente 2) Was ich gelobte, will ich bezahlen. Jona Cap. 2, V. 10. 3) Gelobt sei er.