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Der Israelit · 1893-03-13 · Heft 21 (13.3.1893) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 21 (13.3.1893)
Date
1893-03-13
Page
– (sequence 18)
Language
German
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410 Vorgänge bezeichnet wird, Lei Korrektur oder Beseitigung bedarf. Haben dcch auch vor ncch gar nickt so langer Zeit „jüdische Notabeln" den Vorschlag zur Einsetzung einer Kommission gemacht, welche eine „neue Ethik" für das Judcnthunl schassen soll. Co ganz einwandssrei ist also die Sache mit dem Talmud nicht. Aber wie gesagt: der christlich-konservative Antisemitismus hängt sich nicht an den Talmud. Die Sittenlehren aller Kulturvölker enthalten keineswegs Anleitung zur Unsitte; selbst die auf der niedrigsten Kulturstufe stehenden Völkerschaften bringen — die einen und die anderen mehr oder weniger bedingt — die Lehren des allgemeinen Cittenkodex zum Ausdruck und wo sich die einzelnen Völkerschaften gegen diesen Codex vergehen, da liegt die Schuld nicht an diesem, sondern an dem Millen zum Bösen in der eigenen Brust. Das gilt auch vom Judenthum. Ter Talmud ist nicht daran schuld, daß wir eine Judenfrage haben, dafür tragen die Juden ausschließlich selbst die Verantwortung." Wenn sich Juden Unrecht zu Schulden kommen lassen, dann gilt das Staatsgcsitz sür sie, wie für jede andere Confession, aber immer und immer wieder — und gar roch in Form einer öffentlichen Erklärung — zu versichern, daß der Talmud nichts Aufreizendes u. s. w. enthalte, ist von Uebcl und nachgerade beschämend. Es sei hier noch hivzugesügt, daß noch andere Blätter, darunter Westfälische, derselben Richtung wie die Bad. Landeszeitung sich hierüber in ähnlichem Sinne äußern. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzeu. Deutschland. Berlin, 8. März. Der Tod hält Ernte. Wieder haben wir einen Mann zu Grabe getragen, dessen Hinscheiden weit über Berlin hinaus herzliche Theilnahme und Trauer wecken wird: M. Gottschalk Lewy ist, wie wir der I. Pr. entnehmen, am vergangenen Sonntag entschlafen. Ein Mann, in welchem mit dem kaufmännischen Beruf innigstes Interesse und liefe Kenntniß der jüdischen Literatur sich in seltenem Grade verband, ein hingebender Förderer aller humanen Bestrebungen des jüdischen Lebens, ein verständnißvoller Freund und Gönner der Männer jüdischer Wissenschaft, welche in seinem gastlichen Hause so oft einander begegneten und bei dem licbentzwürdigeu Wirih Anregung, Ermunterung und Berftändniß für ihre Bestrebungen fanden, ist mit dem ollvcrebrtcn Marne aus unserer Mitte gerissen worden. Es war ihm vergönnt, bis in's hohe Greisenalter olle von ihm verehrten Bestrebungen in geistiger Frische zu verfolgen; ohne Furcht, wie er es oft aussprach, mit jener Heiterkeit, die ein zufriedenes Gemüth verleiht, sah er dem Tode entgegen. M. G. Levy war 1816 in Bclgord in Pommern geboren, wo er ein von seinem Vater überkommenes kleines Geschäft durch Energie, peinliche Gewissenhaftigkeit und Intelligenz auf bedeutende Höhe brachte. Hochgeachtet war er jahrelang Leiter der dortigen jüdischen Gemeinde, längere Zeit auch der damals einzige jüdische Stadtverordnete. Im Jahre 1867 übersiedelte er nach Berlin, wo er fortan als Rentner, an wissenschaftlichen Bestrebungen sich erfreuend, an humanitären Aufgaben rege mitarbeitend, lebte und wirkte. Seine Gattin, mit der er in kinderloser, äußerst glücklicher Ehe lebte und die ihm in seinen edlen Bestrebungen eine treue Helferin war, ist ihm vor sieben Jahren im Tode vorausgegangen. Durch seine innige Antheilnahme an allen auf das Wohl seiner Glaubensgenossen hinzielenden Bestrebungen trat er mit vielen hervorragenden Persönlichkeiten in engeren Verkehr. In den Siebziger Jahren unternahm er gemeinsam mit Prof. Grätz und seinem Vetter Ascher Levy in Polzin — der im gemeinnützigen Wirken überaus viele Berührungspunkte mit ihm hat — eine Reise nach Palästina. Der gewaltige Eindruck, den der Anblick der heiligen Stätten, zugleich aber auch die gedrückte sociale Lage der dortigen Juden auf sein empfängliches Gkmüth machte, veranlaßte ihn unter großen Opfern und Schwierigkeiten die Begründung des „Vereins zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina" und dann des Deutsch-Israelitischen Waisenhauses in Jerusalem durchzusetzen, ein Werk, das als schönes Zeugniß seines edlen Sinnes das Andenken des hochherzigen Stifters an geweihter Stätte verewigt. Hier in Berlin war er an zahlreichen Wohlthätigkeits- und gemeinnützigen Gesellschaften lebhaft betheiligt; volle zweiundzwanzig Jahre gehörte er der Verwaltung der Beth-Hamidrasch-Gesellschaft, eineinhalb Decennien als erster Vorsteher an, in welcher Eigenschaft er sich namentlich durch die Wahrung der Sebstständigkeit und durch den Ausbau des altehrwürdigen Instituts unvergängliche Verdienste erworben hat. Bezeichnend für die hiesige Gemeinde war es, daß er, so oft er auch früher in Vorschlag gebracht war, durch leidenschaftliche Gegenagitationen der officiellen Kreise stets von dem Eintritt in die Gemeinde-Vertretung ausgeschlossen blieb. Er galt als zu „positiv". Sicher ist, daß ein Mann von seinen gediegenen Kenntnissen, seiner friedliebenden Gesinnung und modernen Bildung ein sehr heilsames Element in der Gemeinde-Vertretung hätte sein können, wenn ihn nicht blinder Fanatismus bei Seite geschoben hätte. Seines Namens wird bei Allen, die ihn kannten, stets in Dankbarkeit und Verehrung gedacht werden, als eines glaubensbegeifterten, opferfreudigen Gönners und Förderers jüdischer Lehre und jüdischen Lebens. — Kein Wunder, daß das Leicheubegängniß sich zu einer tiefergreifenden Trauerkundgebung gestaltete. In dem Sterbehause, das die Zahl der Erschienenen kaum zu fassen vermochte, widmete Herr Rabbiner Dr. Ungerleider dem Heimgegangenen Freunde warmempfundene Worte des

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