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Der Israelit · 1893-03-13 · Heft 21 (13.3.1893) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 21 (13.3.1893)
Date
1893-03-13
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XXXIV. Jahrgang. Weite Kellage M M 21 des „Israelis. Leitender Artikel. Z)ie Waööiner-KrKtärung. Karlsruhe, im März. J. T. Von hochgeschätzter nichtjüdischer Seite geht uns folgendes interessante Urtheil über die vielbesprochene Rabbiner-Erklärung zu: Wir sind die Letzten, die die gute Absicht verkennen, welche die 214 Rabbiner, darunter angesehene Gelehrte aus allen Gegenden Deutschlands hatten, als sie die bekannte Erklärung erließen, noch weniger haben wir Anlaß, zu bezweifeln, daß der Abgeordnete Rickert in bestem Glauben handelte und einen großen Trumpf den Antisemiten gegenüber auszuspielen glaubte, als er die Erklärung verlas. Daß dies nicht der Fall ist, beweist uns von Neuem ein Artikel der „Bad. Landpost", die nicht nur von Antisemiten gelesen wird, sondern auch das Leiborgan der badischen Klerikalen bildet. Wir werden weiterhin auf betr. Artikel zurückkommen. Vorerst aber haben wir uns mit der Erklärung der Rabbiner zu beschäftigen. Sie ist das unglücklichste Produkt langen Ueberlegens, obgleich sie immer noch besser ist, als in der ursprünglichen Fassung, welche von den 15 erst Unterzeichneten Rabbinern entworfen worden sein soll. Sie ist ein Compromiß zwischen Orthodoxie und Liberalismus, ein Kampfzwtschen Bejahen undVerneinen der vom Reichstagsabgeordneten Rickert aufgeworfenen Frage: „Ist der Talmud die dogmatische Grundlage der jüdischen Religion?" Wie unglücklich die Fassung sein muß, geht für den objectiv urtheilenden Leser schon daraus hervor, daß Rickert die Frage glaubte verneinen zu müssen, während ein gut Theil der Unterzeichneten Rabbiner, die Frage mit einem bestimmten „Ja" beantwortet. Es ist kaum glaublich, daß eine Reihe angesehener Männer und zugleich Führer des jüdischen Volkes den Wunsch nach einer solchen Erklärung aussprechen konnte. Schon jetzt hört man Stimmen genug aus allen Ländern, von orthodoxen und liberalen Juden, von Katholiken und Protestanten — sogar von Antisemiten, die wie ein Hohn auf jene Erklärung klingen. Kommende Jahrhunderte, vielleicht schon die nächste Generation, wird, in der Geschichte des Judenthums und — des Antisemitismus nachblätternd — die Hände über den Kopf zusammenschlagen, daß eine solche Erklärung erlassen werden konnte, daß sie überhaupt heraufbeschworen worden war und daß sich weise Männer fanden, die entschieden, daß sie nothwendig sei zur BeruhigungdernichtjüdischenBevölkerung. Wirsagten: nothwendig. Ja, liberale Deutsche, deutsche Rabbiner, anerkannten die vermeintliche Nothwendigkeit und thaten einen Schritt, für den die Verantwortung schwer auf ihnen lastet; sie haben damit den Antisemiten eine Konzession gemacht, sie haben ihnen die Berechtigung zugestanden, am Talmud zu mäkeln, sie haben gar noch unter „Gottes Beistand" versichert, daß der Talmud bei Leibe nichts gegen die Christen enthalte. Das erinnert ja an den Spruch: tzui s'6X6U86 8'aeeuse. Aber noch mehr: frei übersetzt heißt die Erklärung der Rabbiner nichts anders als: Liebe Mitmenschen, unsere Religion erlaubt uns weder Euch zu bestehlen, zu betrügen, zu morden u. s. w. Wahrhaftig der Talmud enthält nichts, was gegen Euch gerichtet ist." Dies ist absurd und lächerlich, es ist vollständig überflüssig, denn den Antisemiten bleibt das, was wirklich im Talmud steht, ganz gleichgiltig: sie fälschen ruhig weiter und wenn man sie auf die Erklärung der Rabbiner verweist, so werden sie nicht davor zurückschrecken, die Angaben der Rabbiner als Fälschung zu erklären. Und dann ist die Erklärung im Prinzip zu verwerfen: Wohin soll es führen, wenn jede Religionsgesellschaft der andern, jeder Deutsche dem Fremden, jeder Fremde dem Deutschen erst versichern muß, daß seine Religions- oder Staatsgesetze nichts gegen ihn Gerichtetes enthalten. Wenn es dann in demselben Tempo weitergeht, dann kommen wir dahin, daß wir — sobald wir einen Menschen andern Glaubens oder anderer Rationalität, mit einem Wort einem Fremden gegenüber treten — hoch und heilig versichern müssen: „Ich bin kein Schurke, kein Dieb, kein Mörder." Das sind — täuschen wir uns nicht — schließlich die Conseqnenzen der Rabbiner-Erklärung. Daß wir nicht im Unrecht sind mit unseren Anschauungen, beweist der Eingangs angezozene Artikel in der Bad. Landpost Nr. 42, den wir ohne Kommentar hier wiedergeben, da auch er beweist, wie wenig glücklich die Rabbiner Compromiß-Erklärung abgefaßt ist. Der Artikel lautet: „Herr Rickert hat bereits im Reichstag auf die Erklärung aufmerksam gemacht und sie in seiner bekannten pathetischen Weise — als geistiges Haupt der Judenschutztruppr — verwertet. Es liegt für uns keine Veranlassung vor. aus den spe-- ciellen Inhalt der Erklärung einzugehen. Wir gehören ja nicht zu jenen Antisemiten, die die beklagens- und verurtheilungswerthen Eigenschaften des Judenrhums als Resultat jüdischer Religionsvorschriften und jüdischer Ethik betrachten. Allein soviel wird man auch bei der unbefangensten Würdigung dieser Erklärung zugeben müssen, daß die Autoren selbst das Gefühl gehabt haben, daß im Talmud gar manches steht, was Mehrdeutung zulätzt und daß das, was von ihnen selbst als literarische Beurtheilung spezial-geschichilicher

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