Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-03-13 · Heft 21 (13.3.1893) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 21 (13.3.1893)
Date
1893-03-13
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448337--35943-2483950
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

404 Der auf der Erde Bürgerrecht gewinnt, Daß Lieb und Duldung heilige Pflicht mir waren, Und bleiben sollen bis zum Lebensschluß — Nichts Traurigeres könnt' ich je erfahren, Als daß ich's heut bezeugen muß. Sehr gut gemeint, wenn auch nicht gerade formvollendet, ist folgendes Gedicht des Oberbürgermeisters von Berlin, Robert Zelle: Eifrig schürt die Flammen an Blaset in die Wogen; Glaubt Ihr selber nicht daran, Nun so wird gelogen, Alle Hunde lasset los; Was da kroch im Duster Haue aufrecht rücksichtslos Nach berühmtem Muster Himmel, ist das Maß nicht voll? Mach ein End' den Plagen' — Ach, daß ich so hoffen soll In den Tantner-Tagen. Otto Franz Gensichen schließt ein schwungvolles Gedicht mit folgenden Zeilen ab: Zu welchem Gotte sich der Mensch auch wendet, Es gilt für Jude, Muselmann und Christ: Wenn Sprache, Weissagung, Erkenntniß endet, Die Liebe bleibt, da Gott die Liebe ist. Kurz und deutlich schreibt Victor Blühtgeu: Wer ehrlich seinen Weg durchmißt, . Dem wünsch' ich nichts zu leide Ein schlechter Jud' — ein schlechter Christ — Der T. hol sie beide. Einen sehr niedlichen Beitrag hat der sächsische Humorist Edwin Bormann geliefert: Morgen zum Geburtstagsfeste, Läd't sich Kathchen kleine Gäste: Anni Hoffmaun, Suse Meyer, Minchen Waller, Doris Schreier, Evchen Müller, Elsa Strauch — „Kommt denn das Rebekkchen auch?" „„Was, Rebekka Silberstein?! Juden lad' ich niemals ein. Gabst Du in der Schul' nicht Acht. Daß sie ein Christenkind geschlacht"" „Unser Lehrer meint das, ja; IDoch es sagt mir die Mama (Und die weiß doch vielerlei): U Silberstein's war'n nicht dabei!" Schlichte Kinderseele Tu, Z All' mein Herz, es lacht Dir zu. Besser wär's um sie bestellt, Zöge siegreich durch die Welt Deine Friedensmelodei: ^„Silberstein's war'n nicht dabei." Die Auswahl der Gedichte möge folgender Beitrag des rheinischen Dichters, Hofraths Dr. Johannes Fastenrath in Köln abschließen: Der Drache, der Verderben schnaubt, Der Lindwurm Aberglaube Erhob in der Siegfriedstadt das Haupt Daß Deutschlands Ruhm er raube. Die andern Völker schier entsetzt Ten Blick nach der Hyder sandten, O sei sie für alle Zeiten jetzt Gefällt und begraben in Tanten. Wir wollen nicht die Nacht am Rhein, Sind wie Siegfried Lichtesfechter, Wir wollen nur die Wacht am Rhein, Und Juden wie Christen sind Wächter! Unter den Prosabeiträgen ist der kürzeste, aber in seiner Kürze äußerst vielsagende, folgender Spruch des Dichters Rudolf Baumbach: „Der Antisemitismus ist die Modekrankheit des geistigen Pöbels." Noch kräftiger charakterisirt den Antisemitismus der Freiherr Gundacar von Suttner. Er schreibt: „Der Antisemitismus ist nichts Anderes, als der schmachvollste Ausdruck des krassesten Egoismus und gemeinen Streberthums. Das stärkste Kontingent zu diesem Korps von Raub- und Brandbrüdern stellen alle jene Schiffbrüchigen, — alle jene Schnorranten und Vaganten (nach Johannes Scherr), die hoffen, vielleicht auf diese Weise in einen sichern Hafen einzulaufen, nachdem sie bisher überall gescheitert. Und besieht man sich einmal die Führer dieser Baude etwas näher, so steigt Einem das Grausen auf: In Deutschland, in Oesterreich in Frankreich (von Rußland gar nicht zu reden), Leute, die den ganzen Jnalt des Strafgesetzbuchs mit sich als Gepäck führen und immer mit einem Fuß auf der Zuchthausschwelle stehen. Und von solcher Seite soll die Beglückung über das Volk kommen? Bedauernswerth das Volk, das dem Gaunerthum das Recht einräumt, sich zum Vertreter aufzu werfen!" Professor Kraffl-Ebing in Wien, der berühmte Psychiater, wirft die Frage auf, ob der Rassenhaß die Bedeutung einer Kinder- oder Greisenkrankheit im Leben der Völker hat, und entscheidet wie folgt: „Ich glaube das Elftere annehmen zu müssen, denn M.' Entwickelungsfähigkeit des menschlichen Geistes ist noch lange nicht an ihren Grenzen angelangt, unsere jetzige Kulturstufe ist vielmehr eine relativ noch niedere. Sind doch große Mehrheiten der heute sich für gesittet haltenden Menschen noch weit entfernt von dem Evangelium der allgemeinen Menschenliebe, von jener Höhe der sittlichen Entwickelung, die sich als internationaler moralischer Sinn bezeichnen läßt." Der Philosoph Eduard von Hartmann, der eine Zeit lang ungerecht im Verdachte des Antisemitismus stand, schreibt: „Der Antisemitismus ist hart und ungerecht, indem er den anständigen und achtbaren Juden mit allen seinen Glaubens¬ und Stammesgenossen zugleich verurtheilt und ächtet. Er entlehnt die Kampfmittel zu seiner Agitation aus dem Arsenal der bedenklichsten Demagogie und beschleunigt dadurch den Verfall der politischen Sitten. Er züchtet im Volksbewußtsein einen verblendeten Haß gegen das Kapital und muß sich früher oder später zum Antikapitalismus verallge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.